Zwei Frauen sitzen sich an Arbeitstisch gegenüber.
5 min

«Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr an meinen freien Tagen»

Cecilia Akkaya und Patrizia Wiedmer sind beide Mütter und teilen sich bei Swisscom eine Führungs-Aufgabe im Jobsharing. Warum das Modell Patrizia zu mehr Selbstbewusstsein verhalf und Cecilia weniger das Gefühl hat, sich als Teilzeit-Mitarbeitende doppelt beweisen zu müssen.

Cecilia Akkaya und Patrizia Wiedmer sind Produktmanagerinnen bei Swisscom. Sie arbeiten beide 60 Prozent und führen drei Personen. Seit vier Jahren arbeiten sie im Jobsharing und teilen sich ihre Aufgaben. Sie arbeiten dabei als Team sehr eng zusammen. Warum das Modell das Arbeitsleben von Müttern revolutionieren könnte, erzählen sie gleich selber.

Wie kam es dazu, dass ihr im Jobsharing angefangen habt zu arbeiten?

Patrizia: Cecilia und ich sind im gleichen Jahr Mütter geworden und haben beide auf 60 Prozent reduziert. 2016 bekamen wir beide unser zweites Kind. Nach dem Mutterschaftsurlaub kamen unsere Vorgesetzten auf uns zu und boten uns Projekte im Jobsharing an. Wir haben nicht lange überlegt und erst im Arbeitsalltag gemerkt, wie viele Vorteile es für uns hat.

Was wurde denn besser durch das Jobsharing?

Patrizia: Wir arbeiten beide 60 Prozent und können nun wieder grössere und spannende Projekte machen, die wir vorher nicht bekamen. Weil wir Fristen nicht einhalten konnten oder an gewissen Meetings nicht anwesend waren, es ging einfach nicht auf. Es ist wie ein Upgrade meines Teilzeit-Jobs. 

«Cecilia und ich sind angewiesen aufeinander. Wir sind was wir sind durch den Anderen und dank des Modells.»

Patrizia Wiedmer

Cecilia: Wir ergänzen uns sehr gut und ich mache einfach einen besseren Job in diesem Modell! Früher, als ich «normal» Teilzeit arbeitete, hatte ich sehr häufig das Gefühl, mich als Mitarbeitende doppelt beweisen zu müssen. Das habe ich durch das Job-Sharing viel weniger.

Und wie hat sich das Modell auf euer Familienleben ausgewirkt?

Patrizia: Der Job ist seither viel besser vereinbar mit meinem Familienleben. Zum Beispiel fand früher ein Meeting zu meinem Thema am Mittwochnachmittag statt. Dann musste ich immer schauen, dass die Kleine dann Mittagsschlaf machte, damit ich mich hinter den PC klemmen konnte. Jetzt habe ich auch kein schlechtes Gewissen mehr an meinen freien Tagen. Denn ich weiss, Cecilia ist da und schmeisst den Laden.

Cecilia: Es ist viel stressfreier an meinen arbeitsfreien Tagen als früher. Jetzt kann ich an den freien Tagen abschalten und wirklich ganz bei der Familie sein. 

Wie sorgt ihr dafür, dass eure Zusammenarbeit funktioniert?

Patrizia: Wir haben einen gemeinsamen Arbeitstag und dokumentieren alles in One-Note. Wichtige Entscheide klären wir vorgängig. Und wir tauschen uns auch ab und zu an unseren freien Tagen aus.

Cecilia: Ich nutze die Notizen von Patrizia um mich einzulesen. Am Morgen bringe ich die Kinder in die Kita und den Kindergarten, starte viel erst um halb neun und kann dann schon voll übernehmen. 

«Ich geniesse es,
zwei Tage mit
meinen Kindern zu
verbringen und trotzdem einen verantwortungs-vollen Job zu haben.»

Cecilia Akkaya

Und auf der persönlichen Ebene?

Patrizia: Wir arbeiten schon so lange zusammen, dass wir wissen, wie die andere tickt. Ich habe immer im Hinterkopf, wie Cecilia nun entscheiden würde und kann das einfliessen lassen. Aber es braucht Beziehungsarbeit. Und wir müssen ab und zu Kompromisse eingehen und gegen die eigene Meinung entscheiden.

Wie reagieren die Leute auf die Art, wie ihr arbeitet?

Patrizia: Offen und neugierig, meistens ergeben sich längere Gespräche (lacht). Die meisten können sich nicht vorstellen, wie wir genau arbeiten. 

Wie arbeitet ihr denn?

Patrizia: Wir haben unsere Themen nicht aufgeteilt. Je nach Arbeitstag ergibt sich natürlich eine gewissen Expertise, wichtig ist jedoch, dass keine von beiden abgehängt wird bei einem Thema. Das ist teilweise etwas aufwändig und braucht Energie, die andere immer mitzunehmen. Du musst sehr viele Themen auf dem Radar haben und dich schnell einlesen können. Hier zeigt sich jedoch das wahre Potential unseres Jobsharings. Sonst sind es einfach zwei Teilzeitstellen.

Und wie passt ihr von den Persönlichkeiten her zusammen?

Patrizia: Das ist das Beste: Im Jobsharing bekommst du zwei Skillsets für eins! Unsere Stärken und Schwächen sind sehr unterschiedlich, in unserem Beispiel ergänzen wir uns wunderbar. Ich adaptiere sehr schnell Neues. Ich weiss sehr rasch, wie ich etwas angehen will, was wichtig ist und erkenne die Verbindungen. 

Cecilia: Ich bin vielleicht etwas strukturierter und setze die Ideen dann auch wirklich in die Tat um.  Und ich weiss, wen wir im Unternehmen brauchen, damit es funktioniert.

Patrizia: Meine Arbeit hat sich im Jobsharing qualitativ sehr stark verbessert, auch durch ihre Genauigkeit. Wir können auch Unsicherheiten zusammen diskutieren und haben beide ein grösseres Selbstvertrauen entwickelt, durch die Art, wie wir arbeiten. Unsere Entscheide sind immer von zwei Personen gefällt und die tragen wir ganz anders gegen aussen.

Swisscom unterscheidet verschiedene Arten von Jobsharings

Das «Peer-Tandem»: ​Eine Teilzeitstelle in einer Fach- oder Führungsposition, damit mehr Zeit für sich, die Familie oder das Hobby bleibt.

Das «Senior-Junior-Tandem»: Eigenes Wissen weitergeben und vom Wissen der jüngeren Person profitieren – so wird die Nachfolgeplanung einfacher. 

Das «Topsharing-Tandem»: Zwei Personen teilen sich eine komplexe Führungsaufgabe mit vielen strategischen Entscheidungen. So können die Kompetenzen von zwei Personen optimal kombiniert werden.

Das «Cross-Functional-Tandem»: Zwei Fachbereiche oder Funktionen, die gleiche Schnittstellen haben. Dieses Modell nutzt Synergien.​​​​

Mehr zu den Arbeitsmodellen von Swisscom

Wem empfehlt ihr ein Job-Sharing-Modell?

Patrizia: Aus meiner Sicht profitieren Teilzeit-Arbeitende mit eher kleinen Pensen am meisten. Man muss ein Teamplayer sein, viele Themen und eine hohe Komplexität unter einen Hut bringen können. Wer überall ein Experte sein will, für den ist das Modell nicht geeignet.

Cecilia: Man muss gerne zusammenarbeiten, Dinge auch abgeben können und den Anderen machen lassen. Für Menschen, die sich profilieren wollen, ist das Modell nicht geeignet. 

Patrizia Wiedmer ist 36 Jahre alt und hat Medien/Kommunikation und BWL studiert, hat zwei Kinder (5 und 7) und wohnt mit ihrer Familie in Münsingen bei Bern.

Cecilia Akkaya ist 37 Jahre alt, hat Wirtschaft und Marketing studiert, hat zwei Kinder (4 und 6) und wohnt mit ihrer Familie in Zürich.

Jetzt lesen