Matthias Ziegler spielt Bassflöte.
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Musik über das Internet ist eine eigene Kunstform

Der Musiker und Professor Matthias Ziegler untersucht und praktiziert seit acht Jahren das gemeinsame Performen von Künstlern über das Internet in Echtzeit. In der Schweiz ist er einer der wichtigsten Experten auf diesem Gebiet. Wie er dazu kam und was er erst nach acht Jahren erkannt hat. 

Es ist kurz vor Weihnachten, Matthias Ziegler sitzt in seinem Fernseh- und Tonstudio in Stäfa, wo er arbeitet und lebt. Ich blicke in einen schönen Raum, sehe seine Instrumente, Bassflöten, lasse ich mich belehren. Ich sehe Kabel, Mikrofone, Bücher. Ein inspirierendes Chaos. Vor wenigen Tagen nahm er als Flötist an einem Konzert mit Künstlern aus der ganzen Welt teil. 

Swisscom Magazin: Sie spielten kürzlich ein Konzert mit Künstlern aus Barcelona, Kalifornien, Chicago, Luzern und New York über das Internet. Wie ist es gelaufen?

Matthias Ziegler: Es war ein gutes Konzert und es hat alles reibungslos gut funktioniert. Aber am Schluss entscheidet, welche Internetleitung wir nutzen nach Amerika. Wenn wir zwischen Universitäten musizieren, nutzen wir Internet 2, das über das Cern in Genf läuft. Das ist viel schneller und störungsfreier. Da spart man Millisekunden, die sind viel wert, wenn man Musik macht. Ich habe zuhause eine Kupferleitung mit 30 MB Upload, das reicht meistens. Doch zwischendurch komme ich an die Grenze und dann gibt’s Ausfälle.

Sie haben auch schon selber von Stäfa aus Konzerte mit Künstlern aus Amerika organisiert. Wie müssen Sie einen solchen Event vorbereiten?

Ich mache nun seit acht Jahren Konzerte über das Internet und habe viel gelernt. Wenn ich einen hohen Standard will, brauche ich eine gute Kamera, einen guten Computer mit einer guten Grafikkarte, ein gutes Interface, eine gute Mikrofonierung und einen Raum, der einigermassen klingt. Da habe ich Glück hier. Und dann ist es ja kein Streaming, sondern eine bi-direktionale Geschichte. Das verkompliziert die Sache, weil es alles verdoppelt. Darum braucht man eine schnelle Verbindung, damit die Sachen nicht verzögert ankommen. Man sieht das zum Beispiel in der Tagesschau, wenn sie den Ton der Korrespondenten anhalten, weil er schneller ist, als das Bild. Der Ton ist immer schneller, weil er weniger Daten braucht.

Inzwischen sind Sie ein Experte für virtuelle Konzerte in der Schweiz und in Forschungsprojekten zum Thema beteiligt.

Genau. Im Projekt Virtual Concert Hall, das ich diesen Sommer unter dem Patronat von Pro Helvetia veranstaltet habe, spielten alle Musiker und Musikerinnen von ihrem jeweiligen Wohnort aus. Diese Standorte mussten einander visuell angeglichen werden (das Licht, der schwarze Hintergrund und der Holzboden), damit der Beteiligte VJ die drei Einzelbilder zu einer Bühne zusammenfügen konnte.

Einblick in ein Virtual Hall Konzert.

Der Einsatz der richtigen Software ist auch wichtig. Beim Telematik-Forschungsprojekt des Schweizer Nationalfonds (SLF) an der ZHdK brauchen wir beispielsweise Jacktrip, eine Open Source Software, die an der Stanford University entwickelt wurde. Die können sich auch unsere Studenten leisten. Das ist die Software für den Ton und dann nutzen wir eine für das Bild, Ultragrid aus der Tschechischen Republik. 

Wie hat das Ganze angefangen? Also wie kamen Sie überhaupt dazu, Musik über das Internet zu machen?

Über Musiker, die ich kenne, aus San Diego, die ich auf Tourneen kennengelernt habe. 2009 war ich wieder einmal in Amerika, da erzählte mir Marc Dresser, ein Kontrabassist, dass sie angefangen haben, Konzerte über das Internet zu machen. Das hat mich sofort fasziniert, ich war als Jugendlicher leidenschaftlicher Amateur-Funker (lacht). Mein erstes telematisches Konzert war dann 2013. Das Ganze braucht viel Vorlaufzeit und ist sehr komplex. 

Wie steht die Schweiz im Vergleich zum Ausland da?

Unsere Hauptpartner sind die Stanford University und die University of San Diego (UCSD). Doch auch der ganze asiatische Raum ist sehr weit, allen voran Singapur, Hongkong und Südkorea. Neben den Universitäten ist es die Unterhaltungsindustrie, die weit fortgeschritten ist.

Wie müssen die Bildschirme inszeniert werden, damit für alle Beteiligten ein Konzerterlebnis möglich wird? Das ist eine Erkenntnis von Matthias Ziegler nach acht Jahren Performen über das Internet. Matthias Ziegler spielt Flöte in der Mitte.

Nun sind Sie ja nicht Techniker sondern vor allem Künstler. Wie erleben Sie solche Konzerte als Musiker?

Mein erstes Konzert war für mich sehr intensiv, das war ein Trip. Es läuft alles über das Gehör, ich hatte das Gefühl, zu antizipieren, was von der anderen Seite kam. Das ist ein ungeheurer Boost fürs Gehirn, das war eine Grenzerfahrung. Wenn man nicht den Fehler macht, die gleiche Musik spielen zu wollen, wie wenn man physisch zusammen im Raum ist. Wir spielen freiere Sachen und improvisieren viel. 

Was hat sich seit 2013 entwickelt, welchen Weg sind Sie gegangen?

Wir haben neue Tools, schnelleres Internet, bessere Rechner, bessere periphere Geräte. Aber was sich am meisten entwickelt hat, ist das Verständnis für die Räumlichkeit einer solchen Verbindung. Ich staune, dass ich acht Jahre brauchte, um gewisse Dinge zu begreifen. Man geht immer von dem aus, was man kennt und versucht das nachzubauen. Je mehr man versucht, ein Konzert im herkömmlichen Sinn zu veranstalten, desto grösser sind die Defizite. Und damit die Enttäuschung. 

Und welches ist ihre wichtigste Erkenntnis in den acht Jahren?

Man muss die Sache inszenieren, von einem zwei-dimensionalen Medium auf drei Dimensionen. Sonst können wir auch einfach mit Zoom arbeiten. Die Raumlogik ist wichtig. Wie platziere ich die Projektionen, damit es für die Musiker und das Publikum stimmig wird. Damit die Durchlässigkeit in die entfernten Räume grösser wird. Und man muss Geschichten erzählen, dann funktioniert es.

Studierende der ZHdK unten auf der Bühne spielen mit Studierenden in Hongkong. Künftig wird vermehrt so performt, statt dauernd um den Globus zu reisen, ist Matthias Ziegler überzeugt.

Was hat sich durch das Corona-Virus verändert?

Das Verständnis für was wir machen ist nun da. Ich muss mich niemandem mehr erklären. Und es sagt auch niemand mehr: Ich mache halt lieber direkt auf der Bühne gemeinsam Musik. Auch gab es im letzten halben Jahr einen enormen Innovationsschub. Im Umgang und im Verständnis mit neuen Perfomance-Formaten. 

Was raten Sie Menschen, die über das Internet Kunst und Musik machen wollen?

Man muss das Ganze in etwas Neues transformieren, sonst hat man verloren, echt verloren. Wenn man der Asymmetrie der getrennten Räume gerecht wird, ergibt sich ein Konzerterlebnis. Es ist etwas Neues, ein kontinuierlicher Raum, der entsteht. Es braucht ein Verständnis für das Tool, für die Technik, das nimmt man als Instrument und bespielt es. Es wirft Hierarchien über den Haufen. Das Netz muss man als eigenständiges Medium bespielen, sonst wird man unglücklich. 

Matthias Ziegler ist 65 Jahre alt und lebt in Stäfa bei Zürich, er ist Flötist und hat sich auf Bass- und Kontrabassflöte spezialisiert. Er ist als Professor an der ZHdK Departement Musik in den letzten Zügen, in den nächsten zwei Jahren lässt er seine Studierenden auslaufen. Er wird weiter Masterclasses und Konzerte durchführen, auch das Nationalfonds-Forschungsprojekt läuft noch bis 2024. Matthias Ziegler ist überzeugt, dass wir in Zukunft vermehrt Kunst und damit auch Musik über das Internet machen werden.

Bereit für den gemeinsamen Moment

In Zeiten, in denen gemeinschaftliche Erlebnisse und Momente eine Rarität geworden sind, wagen wir den Versuch, einen grossen, gemeinsamen Moment zu kreieren und veranstalten mit «Switzerland Connected» das erste digitale Livemusik-Experiment der Schweiz.

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