Die Jungunternehmen B&B
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Ein Millionen-Crowdfunding in 7 Lektionen

Die Startup-Szene wimmelt von guten Ratschlägen und Gemeinplätzen: Scheitern gehöre dazu, damit man aus den eigenen Fehlern lernen könne, heisst es oft. Zwei junge Männer aus dem Baselbiet haben sich diese Ratschläge zu Herzen genommen. Und nach einem herben Rückschlag einen grossartigen Erfolg gefeiert.

Am Anfang stand ein – nun ja – schlechtes Produkt, das sich aber recht gut verkaufte. Yannick Brandenberger, Mitgründer des Start-ups BLOMM & BERGER grinst, wenn er sich an diese Zeit erinnert: «Wir kauften 2014 kleine Musikboxen, verschönerten sie etwas und hatten ziemlich viel Erfolg damit». Die Geschäftsidee war geboren: Ein Lifestyle-Produkt, das von Yannicks Partner Erik Blommers, studierter Designer, etwas aufgepeppt wurde. Die beiden versuchten ihr Glück als nächstes mit simplen In-Ear-Kopfhörern. 2015 lancierten sie eine Crowd-Funding-Kampagne auf Kickstarter, Ziel waren 100’000 Franken. «Das ging voll in die Hosen», erinnert sich Yannick Brandenberger. Das Projekt verfehlte das Ziel massiv, es kamen nur gut 20’000 Franken zusammen. Die beiden Jungunternehmer waren konsterniert.

Lektion 1: Sei originell

Aber eben: Scheitern gehört zu einer anständigen Startup-Karriere. Yannick und Erik resignierten nach dem frustrierenden Erlebnis nicht, sondern gaben erst recht Gas. Einfach ein Logo auf In-ear-Kopfhörer zu klatschen reichte nicht, um potenzielle Kleininvestoren zu überzeugen. «Geld sahen wir keines, da wir das Investitions-Ziel nicht erreicht hatten», betont Yannick Brandenberger. Aber die Erkenntnisse aus dem ersten gescheiterten Crowdfunding waren Gold wert.

Gründer zahlen 6 Monate keine Abo-Gebühr

Der StartUp-Vorteil setzt an dem Punkt an, der bei der Firmengründung am meisten Bauchschmerzen verursacht: die Finanzierung. Mit dem StartUp-Vorteil nutzen Neugründer das Swisscom Paketangebot mit Internet, Telefonie, Mobile und Service – oder auch nur einzelne Bestandteile davon – für ein halbes Jahr kostenlos.

Die beiden Jungunternehmer überlegten sich nach einer kurzen Phase des Zweifels, wie sie es das nächste Mal besser machen könnten. Eine Eigenentwicklung sollte es sein. Ein Kopfhörer, der die Fehler der Konkurrenz nicht macht und innovative neue Ideen bietet. Nur: Weder Yannick noch Erik sind Techniker. Yannick machte das KV, Erik ist Designer. Was tun? «Wir suchten via Google ein Entwicklerteam in China, dem wir unsere Ideen schickten». Das funktionierte tatsächlich. BLOMM & BERGER lancierte abermals ein Projekt bei Kickstarter. Die innovativen Ideen und das coole Design standen im Zentrum. Ziel des Crowdfundings waren diesmal moderate 30’000 Franken.

Der Erfolg war beeindruckend: In wenigen Tagen kamen für den B&B Air rund 100’000 Franken zusammen. Der Prototyp konnte umgesetzt werden, alles lief wie am Schnürchen. Bis die Massenproduktion begann. «Unser Produzent in China teilte uns mit, dass ein Feature am Kopfhörer in der Produktion nicht umsetzbar sei,» erinnert sich Yannick Brandenberger. Den Kunden war versprochen worden, dass sich der Kopfhörer automatisch abstellt, wenn er abgenommen wird, was aber so nicht machbar war mit diesem Gerät.

Lektion 2: Lebe mit negativen Reaktionen

«Einige Kunden regten sich wahnsinnig auf, dass wir das Feature nicht umsetzen konnten», erinnert sich Erik. Hunderte von Mails gingen ein, Beschimpfungen, Beschwerden, Rückforderungen. Ein Fulltime-Job, dies alles zu beantworten. Beide waren aber damals noch anderweitig engagiert: Erik mit dem Studium, Yannick mit einer Vollzeitstelle. «Ich arbeitete damals 200 Prozent».

Lektion 3: Nimm auch nervende Kunden ernst

Die beiden hielten durch, beantworteten alle Anfragen, entschuldigten sich und erklärten, warum der B&B Air nicht perfekt war. «Wir mussten lernen, dass viele unzufriedene Kunden ein Ventil brauchten, darum gingen sie uns so hart an», erinnert sich Yannick. «Die Frustration der Kunden muss man akzeptieren und zu den eigenen Fehlern stehen».

Lektion 4: Such dir Partner

«Der B&B Air war für uns trotz aller Schwierigkeiten der Türöffner», betont Yannick Brandenberger. Das erfolgreiche Kickstarter-Projekt machte die Medien auf das Jungunternehmen aufmerksam. Potenzielle Partner und Investoren klopften an. «Unser heutiger Partner Swisscom beispielsweise meldete sich eigens bei Kickstarter an, da wir noch keine eigene Webseite hatten, damit er mit uns Kontakt aufnehmen konnte. Das war für uns eine riesige Anerkennung.»

Erfahrene Partner und potenzielle Investoren gaben gute Ratschläge, die gern angenommen wurden. Es entstand ein Netzwerk, das den nächsten grossen Schritt ermöglichte: Die Entwicklung des Kopfhörers B&B Pure. «Uns wurde ein Entwicklerteam in der Schweiz vermittelt, das unsere Ideen umsetzte. Manchmal kann man nicht alles selbst machen und braucht Hilfe von aussen».

Lektion 5: Mut zum Neustart

Das Startup traf eine mutige Entscheidung: Der B&B Air wurde nicht mehr weiterverfolgt, man verabschiedete sich eineinhalb Jahre komplett vom Markt und tüftelte im Hintergrund an einem neuen Produkt. «Unsere wütenden Kunden hatten ja auch recht: Der B&B Air war zwar kein schlechtes Produkt, aber auch nicht wirklich gut genug für unsere Ansprüche. Wir wollen als Marke aber nur für Top-Produkte stehen, also stellten wir den Vertrieb komplett ein,» erklärt Erik Blommers.

Yannick Brandenberger und Erik Blommers
Yannick Brandenberger (links) und Erik Blommers haben aus ihren Fehlern in der Startphase viel gelernt.

Die beiden jungen Männer blieben trotz des Erfolgs der zweiten Kickstarter-Kampagne und immerhin 1000 verkauften B&B Air selbstkritisch, lernten aus Fehlern, wollten besser werden. Und sie hatten den Mut, nochmals neu anzufangen. Ende 2017 lancierten sie die nächste Kickstarter-Kampagne, diesmal für den Kopfhörer B&B Pure. Sie entschieden sich aus Qualitätsgründen für den teuersten Weg, den es beim Crowdfunding gibt: Sie stellten ein ausgereiftes Produkt vor und nicht nur einige Konzeptideen. Ausserdem erzählten sie eine nachvollziehbare Story zu ihrem Produkt: In der Schweiz entwickelt nach Schweizer Qualitätsstandards mit einem coolen Design. Die versprochenen Features funktionierten tatsächlich und waren mehr als nur Konzeptideen. Der B&B Pure hat zum Beispiel ein clever integriertes USB-Ladekabel. Das automatische Abstellen, wenn er abgenommen wird, funktionierte diesmal auch in der Massenproduktion. Per Firmware-Update konnte das Noise-Cancelling einige Monate nach der Lancierung ganz einfach nachgeliefert werden [Anm. der Redaktion: Es kam hier zu Verzögerungen. Das ANC-Update ist per 29.10. live].

Der B&B Pure

Kopfhörer Blomm+Berger

Die in Basel designed und entwickelten BLOMM & BERGER Kopfhörer stellen sich individuell und smart auf den Nutzer ein. Mit austauschbaren Ohrhörern (Over-Ear und On-Ear), Noise-Cancelling und einem integrierten Ladekabel für unterwegs sind sie der perfekte Begleiter. Der B&B Pure speichert via App persönliche Höreinstellungen und pausiert die Musikwiedergabe automatisch, wenn er abgenommen wird. 

Der Erfolg war immens: Statt der angepeilten 100’000 Franken erreichten die beiden innert Wochen fast eine Million.

Lektion 6: Suche den engen Kontakt mit deinen Kunden

Verblüffend: Social Media spielte in der ganzen Kampagne keine Rolle. Wichtig waren zu Beginn Freunde und Familie, die es zu begeistern galt. Die Nähe zu den Kunden suchten sie ganz altmodisch: An der Muba in Basel. «Wir wollten ganz nah an den Leuten sein. Da schien uns ein Stand an der Muba das beste Mittel». Eine auf den ersten Blick schräge Idee, die voll einschlug: «Viele Kunden, die schon den B&B Air gekauft hatten, kamen an den Stand. Sie freuten sich, dass es uns noch gab und versprachen Unterstützung.»

Lektion 7: Werde nicht übermütig

6000 B&B Pure Kopfhörer sind bereits über den Ladentisch gegangen. Nach der Entwicklung und dem erfolgreichen Crowdfunding stiegen die beiden Jungunternehmer voll in ihre Firma ein. Und mussten sich – einmal mehr – auf komplett unbekanntes Gelände wagen: Vertrieb und Handel. «Wir dürfen uns im Moment finanziell nicht überfordern. Das heisst: Wir müssen das richtige Mass finden, wie viele Kopfhörer wir produzieren lassen. Das ist gar nicht so einfach», betont Yannick Brandenberger.

Natürlich soll es weiterhin aufwärts gehen mit BLOMM & BERGER. Heute noch ein winziges Büro in Liestal mit Möbeln aus hölzernen Paletten, will man in fünf Jahren ein anerkannter Arbeitgeber in der Region Nordwestschweiz sein. Der erste Angestellte ist für nächstes Jahr geplant. Und natürlich auch ein neues Produkt. «Wir bleiben im Lifestyle-Bereich und planen, einen kabellosen In-Ear-Kopfhörer zu lancieren, das liegt voll im Trend», so Erik Blommers. Natürlich wollen die beiden weiterhin aus ihren Fehlern lernen. Auch wenn sie in den letzten 18 Monaten deutlich seltener geworden sind.

3 Tipps für eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne

Produkt und Kunden sind gleichwertig: «Wir nahmen den Kundenkontakt immer ebenso wichtig wie das Produkt selbst.»

Nicht zu viel kommunizieren (aber auch nicht zu wenig): «Im Rückblick haben wir manchmal zu offensiv kommuniziert und konnten Dinge nicht liefern, die wir versprochen haben. Aber im Crowdfunding ist eine offene und regelmässige Kommunikation eben auch sehr wichtig. Es ist ein schmaler Grat.»

Die passende Story: «Wir haben uns im Vorfeld eine passende Story zu unserem Produkt zurechtgelegt und diese Story wenn immer möglich erzählt: Swissness, Innovation, cooles Design.»

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