Neues Schweizer Exportprodukt

USA schaut sich die digitale Stifti ab

Bei Swisscom stellen sich die Lernenden ihre Ausbildung auf einem digitalen Marktplatz selbst zusammen. Genau dieses System nehmen nun auch die USA ins Visier. Für sie könnte das der Schlüssel sein, um die Lehre nach Schweizer Vorbild einzuführen.

Roger Baur (Text), Jana Wicky (Fotos), 8. Februar 2016

«Wo genau befinden sich denn diese Lernenden?», fragt einer der Teilnehmer der 40-köpfigen US-Delegation in die Runde – fast, als suche er einen Ort wie eine Kita oder einen Spielplatz. «Und die machen tatsächlich richtige Arbeit?», fragt ein anderer aus der hochkarätigen Gruppe aus Politikern, Universitätsrektoren und CEOs, die in die Schweiz gekommen sind, um die Lehre kennenzulernen.

 

Barack Obama höchstpersönlich hat die Einführung der dualen Berufsbildung angestossen, von der er sich bessere Chancen und eine tiefere Jugendarbeitslosigkeit erhofft. Und so schickte er nun schon zum zweiten Mal eine Delegation in die Schweiz – in das Land, das laut einer Analyse des National Center on Education and the Economy das beste Ausbildungssystem der Welt betreibt.

 

 

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«Lehrlingskamera»: Melanie Racine begleitete die US-Delegation bei ihrem Besuch in Worblaufen.  

 

 

Angeführt von John Hickenlooper, dem Gouverneur von Colorado, besucht die Gruppe an mehreren Tagen Schweizer Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Bei Swisscom im bernischen Worblaufen interessiert vor allem der Ansatz der «digitalen Lehre».

«Dank der digitalen Plattform ist jede Laufbahn individuell.»

Andri Rüesch, Ausbildungsverantwortlicher bei Swisscom

Denn bereits seit zwölf Jahren setzt Swisscom – zuerst nur sukzessive, heute im ganzen Unternehmen – auf ein baukastenartiges, individuelles Lehrsystem. «Dank dieser digitalen Plattform», erklärt der Ausbildungsverantwortliche Andri Rüesch den Anwesenden, «ist jede Laufbahn individuell. Das ist völlig anders als in Unternehmen, in denen jeder Lernende ein vorgefertigtes Programm durchläuft.» Das erlaube es den Lernenden, ihre individuellen Talente früh weiterzuentwickeln – und gleichzeitig auch einzubringen.

 

Inputs der Generation Z

 

Auf dieser Plattform schreiben Abteilungen aus dem ganzen Unternehmen Projekte für Lernende aus: Manche dauern einige Tage oder Wochen, die meisten mehrere Monate. Das Angebot reicht von der Mithilfe an einem Event bis zur Mitarbeit bei der Entwicklung eines neuen Produktes. Insgesamt werben mehr Anbieter, als es Lernende gibt. Denn damit holen sich die Anbieter in jeder Hinsicht die nächste Generation ins Haus. Nicht nur künftige Fachkräfte, sondern auch die Sichtweise der Generation Z.

 

1/5 Nach anfänglicher Skepsis stellten die Mitglieder der Delegation viele Fragen.

2/5 Benjamin Blättler, Lernender bei Swisscom.

3/5 John Hickenlooper, Gouverneur von Colorado, besuchte zusammen weiteren Delegierten mehrere Schweizer Ausbildungsbetriebe.

4/5 Chantal Vouardoux, Lernbegleiterin Swisscom.

5/5 Andri Rüesch, Ausbildungsverantwortlicher bei Swisscom

1/5 Nach anfänglicher Skepsis stellten die Mitglieder der Delegation viele Fragen.

 

 

Genau diesen Ansatz hat man gesucht. In den USA, so erzählen die Anwesenden, sei die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis bisweilen fast unüberbrückbar geworden – mit der Konsequenz, dass sich junge Arbeitnehmer nach ihrer Ausbildung oft jahrelang mit Praktika begnügen müssen. Und noch etwas verfängt: Die digitale Plattform. Denn diese würde es möglich machen, dass sich mehrere Unternehmen einen Pool an Lernenden teilen könnten. Das wiederum würde die Einführung der Lehre beschleunigen. Denn, so bringt es einer der Anwesenden auf den Punkt: «Das wäre nicht nur für die Lernenden, sondern auch für uns in den Unternehmen eine Umstellung.»

«Wir lernen selbst, bevor wir lehren können.»

John Hickenlooper, Gouverneur von Colorado

Zum Ende des Besuches müssen die Begleiter zur Eile mahnen – die Fragen und Voten reissen nicht ab. Noch während sie hinausgehen, tauschen Besucher und Gastgeber eiligst Kontaktdaten aus. Und Gouverneur John Hickenlooper bringt es lächelnd auf den Punkt: «Genau darum sind wir hier. Wir lernen selbst, bevor wir lehren können.»

 

 

 

Berufslehre bei der Swisscom

Bei Swisscom gibt es rund 850 Lernende. Erfahren Sie mehr über die Lehrstellen

 

 

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