Videospiele in der Therapie

Gamen auf Rezept

Eine Verletzung, ein neurodegeneratives Leiden oder psychische Probleme: Wenn das Gehirn nicht (mehr) richtig funktioniert, nutzt die Medizin immer öfter Computerspiele als therapeutisches Instrument.

Dr. Jörg Rothweiler (Text), zVg (Fotos), 23. März 2016

Wenn Fabien seine Game-Konsole auspackt, zaubert er seiner Mutter ein Lächeln aufs Gesicht. Denn für den Achtjährigen ist das, was anderen Eltern die Zornesröte ins Gesicht treibt, mehr als nur Zeitvertreib. Für Fabien ist Spielen eine ärztlich verordnete Pflicht, die ihm helfen soll, ein besseres, glücklicheres Leben führen zu können.

 

 

Im Game «Re-Mission 2» kämpft man mit Chemo- und Strahlentherapien gegen Tumorzellen.

«Das Videospiel hilft Fabien zu einem besseren Gleichgewicht und gesteigerten motorischen Fähigkeiten.»

Fabien leidet an Zerebralparese. Ein während seiner frühen Entwicklung aufgetretener Hirnschaden führt zu Bewegungsstörungen. Das Videospiel, bei dem Fabiens Bewegungen auf die des Spielhelden übertragen werden, hilft ihm – zusammen mit Krafttraining und Physiotherapie – zu einem besseren Gleichgewicht und gesteigerten motorischen Fähigkeiten im Alltag. Und das besonders nachhaltig, wie Studien belegen.

 

Spielen macht doof? Im Gegenteil!
 
 

Der positive Effekt von Videospielen auf die Behandlung von neurologischen Krankheiten beruht auf einer Zunahme der grauen Substanz im Gehirn. Der Effekt ist aus der klassischen Neurorehabilitation bekannt: Kontinuierliches, intensives Training hilft, Fähigkeiten, die durch eine Hirnverletzung verloren gingen oder wegen eines neurodegenerativen Leidens schwinden, wiederzuerlangen, zu verbessern oder wenigstens zu konservieren.

 

Das Spiel «X-Torp» wurde speziell für Alzheimer-Betroffene entwickelt.  

 

 

Neu ist indes der Wahl der Mittel. Statt Ergo- und Physiotherapie kommen computer- oder robotergestützte Therapien zum Einsatz. Das senkt die Kosten. Videospiele sind günstig und können zuhause angewendet werden. Zudem machen sie Spass, sodass die Patienten öfter, länger und intensiver trainieren. Im Optimalfall analysieren die Spiele zudem die Interaktion des Spielers und justieren Schwierigkeitsgrad und Tempo selbstständig. So steht auch am Ende eines «schlechten» Tages ein Erfolgserlebnis.

 

 

Massgeschneiderte Spiele zielen auf die besonderen Anforderungen in der Therapie ab.  

 

 

Soll ein Spiel optimalen Nutzen bei einer bestimmten Erkrankung bringen, muss es massgeschneidert werden – wie ein Medikament. Dieser Aufgabe widmet sich z. B. die Groupe Genious in Montpellier. Neben dem Spiel «X-Torp», das für Alzheimer-Betroffene konzipiert ist, hat die Firma das Spiel «Toap Run» für die Parkinsontherapie entwickelt. Es wird derzeit am Pariser Klinikum Pitié-Salpêtrière erprobt.

 


Maulwurf gegen Parkinson


Bei Parkinson sind die Bewegungen verlangsamt, nicht mehr flüssig und oftmals brechen sie unvermittelt ab. Die Betroffenen «frieren» dann für Sekunden bis Minuten ein. Zudem fehlt ihnen oft die Motivation, sie ermüden schnell und nicht wenige haben Probleme mit Gleichgewichtsstörungen.

«Dank des Games verbessern sich Kognition, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Motivation. Dies führt zu mehr Lebensqualität im Alltag.»   

Kinder, die mit «Re-Mission» spielten, nahmen ihre Medikamente zuverlässiger ein und waren überzeugter, selbst etwas gegen ihre Erkrankung tun zu können.

 

 

Das Spiel «Toap Run» trägt alldem Rechnung: Der Patient steuert mit seinen Bewegungen einen Maulwurf, der zu Land und auf dem Wasser unterwegs ist, um Münzen zu sammeln. Dabei muss er diversen Hindernissen ausweichen. Eine Kamera zeichnet die Bewegungen des Patienten auf und überträgt diese auf die Spielfigur. Der Patient muss den virtuellen Hindernissen effektiv körperlich ausweichen – indem er zur Seite tritt, sich bückt oder mit Hüft- und Oberkörperbewegungen das Schwanken des Surfbretts ausgleicht, auf dem der Maulwurf unterwegs ist.

Das Spiel trainiert zugleich Amplitude und Geschwindigkeit der Bewegungen, die Koordination, das Gleichgewicht, das visuelle Aufnahmevermögen und die Kognition.

Eine eigens entwickelte, rhythmische Musik hilft dem Patienten, im «Takt» zu bleiben – was Freezings zu verhindern hilft. Zudem muss der Spieler die Hindernisse optisch richtig einschätzen und alle Bewegungen zielgerichtet und im richtigen Moment ausführen. Das Spiel trainiert zugleich Amplitude und Geschwindigkeit der Bewegungen, die Koordination, das Gleichgewicht, das visuelle Aufnahmevermögen und die Kognition.

Das Resultat überzeugt: Die Spieler werden – so die ersten Studienresultate – sicherer. Sie stürzen seltener und bewegen sich flüssiger. Zudem bessern sich Kognition, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Motivation. Alles zusammen führt zu mehr Lebensqualität im Alltag.

 

 
BALLER-GAME GEGEN KREBS


Es klingt wie Ironie, ist aber wahr: Ausgerechnet ein Baller-Game brachte den Durchbruch für den Einsatz von Videospielen in der Medizin. Für eine gross angelegte Studie zum Nutzen therapeutischer Videospiele behandelten Forscher an der Stanford University in den USA 375 krebskranke Kinder – entweder konventionell oder zusätzlich mit dem Spiel «Re-Mission». In diesem Game kämpft das Kind Roxxi mit «Waffen» wie  Chemo- und Strahlentherapien gegen Tumorzellen.

Resultat der Studie: Kinder, die das Spiel verwenden durften, nahmen ihre Medikamente zuverlässiger ein und waren überzeugter, selbst etwas gegen ihre Erkrankung tun zu können. Diese «Selbstwirksamkeitsüberzeugung» ist für eine Heilung ganz zentral.

«Re-Mission 2» ist gratis erhältlich. Es umfasst sechs Spiele und läuft auf Windows-PC, auf Mac und auf Smartphones mit iOS und Android

 

 

 

Spielen für die Psyche


Doch nicht nur Motorik und Kognition können durch Videospiele gebessert werden. Auch die Psyche kann profitieren. So stellt ein Spiel für Kinder mit Schuppenflechte eine Woche im Leben eines betroffenen Kindes nach. Vom Aufstehen über das Duschen, das Frühstück, die Zeit in der Schule bis zum Zubettgehen. Das Kind lernt dabei – mithilfe einer kleinen Fee – wie es sich im Alltag idealerweise verhalten soll (z. B. Eincremen nach dem Duschen nicht vergessen).

Zusätzlich vermittelt die Fee Antworten auf Fragen des täglichen Lebens: Wie erkläre ich es meinen Mitschülern? Wie rede ich mit dem Arzt? Durch die so vermittelte Eigenkompetenz wird Stress vermieden und das Selbstbewusstsein steigt. Letzteres wiederum ist zentral für den Rehabilitationsfortschritt und die soziale Integration.

(Rollen-)Spiele, bei denen Wissensfragen zum eigenen Körper und zur eigenen Krankheit beantwortet werden müssen, können die Handlungskompetenz steigern. In einer kürzlich abgeschlossenen Studie konnten hirnverletzte Patienten mithilfe eines solchen Spiels nach nur acht Monaten eigene Defizite deutlich besser einschätzen und ihre persönlichen körperlichen Beeinträchtigungen korrekter wahrnehmen. Damit stieg ihre Sozialkompetenz markant – und die meisten Spieler fühlten sich wieder deutlich besser sozial integriert.

 

Spielend gesund werden

 

Ein spielerisches Umfeld kann Menschen zu Höchstleistungen antreiben. Dies Beweisen Spiele wie das von der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) entwickelte und mehrfach ausgezeichnete Rehabilitations-Game «Gabarello», das Kinder wieder laufen lehrt, oder «Hotel Plastisse», das der Erforschung der Plastizität des Hirns dient.

In einem dreijährigen Bachelor-Studium können sich kreative Köpfe an der ZHDK zum Game Designer ausbilden lassen. Ein grosses Thema dabei sind sogenannte «Serious games», also Spiele, die Lernprozesse unterstützen, komplexe Inhalte vermitteln und motivierend auf Patienten wirken.

 

 

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Kennen Sie Games, die zur geistigen und körperlichen Betätigung oder sogar zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden?

 

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