Citizen Science

Schwarmintelligenz: Gemeinsam wissen wir mehr

Das Grab Dschingis Khans aufspüren, eine Dialekt-Landkarte erstellen, Pulsare im Weltall finden oder Feuersalamander zählen: Dank Laien, die per App und Internet Daten sammeln, sind wissenschaftliche Projekte möglich, die von Forschern alleine niemals bewältigt werden könnten.

Felix Raymann (Text), 26. Oktober 2017

Es juckt und sticht. Eine Zecke steckt Kopf voran in Stefans Oberkörper. Dabei streift er nicht etwa durchs Dickicht im Wald, sondern pflückt Himbeeren im Garten. Dass Zecken vor allem im Schweizer Mittelland sehr verbreitet sind, ist allgemein bekannt. Wo genau und wie häufig Zeckenstiche vorkommen, darüber gibt die Karte der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Auskunft.

 

Die rund 10 000 Orte, an denen Menschen Opfer einer Zecke geworden sind, haben aber nicht die Wissenschaftler der ZHAW zusammengetragen, sondern die Opfer selber – und zwar mit der Präventions-App Zecke (Stand September 2017). Damit konnte eine Datensammlung erstellt werden, die alleine durch ärztliche Meldungen oder Feldforschung nicht möglich wäre.

 

 

Die Karte zeigt die Verteilung der gemeldeten Zeckenstiche (2015 un 2016) in den biogeografischen Regionen der Schweiz. Visualisierung: ZHAW  

 

 

Crowd Science nennt man diese Mitmachforschung. «Erkenntnisse daraus sind etwa, dass keine Region der Schweiz zeckenfrei ist, dass die Zecken bei der bisher angenommenen Maximalhöhe von 1500 Metern über Meer keineswegs Halt machen, und dass man sich nicht im Wald oder auf einer Wiese aufhalten muss, um von einer Zecke gestochen zu werden», sagt der ZHAW-Zeckenforscher Werner Tischhauser, Projektleiter Biologische Zeckenbekämpfung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

Durch das mobile Internet und leistungsfähige Smartphones ist es heute fast überall und von jedermann möglich, relevante Forschungsdaten zu erheben.

 

Präventions-App Zecke


Die Zecken-App gibt es für iOS- und Android-Geräte. Neben Ratschlägen zum Entfernen von Zecken zeigt eine Gefahrenkarte das aktuelle Zeckenstichrisiko für die Schweiz und Liechtenstein an. Um die angewandte Zeckenforschung zu unterstützen, lassen sich anonym Stich- und Sichtungsdaten direkt übermitteln. Im Frühling 2018 wird die ZHAW neue Citizen-Science-Resultate präsentieren können.

 

 

Die Präventions-App Zecke liefert Daten für die Zeckenforschung. Video: Youtube/ZHAW

 

 

Partizipative Forschung

 

Durch das mobile Internet und leistungsfähige Smartphones ist es heute fast überall und von jedermann möglich, relevante Forschungsdaten zu erheben. Manche Projekte lassen sich gut mit Freizeitaktivitäten verbinden. Wer etwa in der Natur unterwegs ist, kann etwa mithelfen, Erkenntnisse über Pflanzenvorkommen zu gewinnen, für die Wissenschaft Feuersalamander zählen oder Vögel im Garten beobachten. An der Universität Zürich wiederum erforscht man in mehreren Projekten Schweizer Dialekte. Per Voice Äpp etwa werden Dialektkarten aufbereitet und mit historischen Daten verglichen, um den Dialektwandel dokumentieren zu können. Beim Projekt Stimmen der Schweiz wurden von den Nutzern Sprachaufnahmen gemacht, um die Schweizer Sprachlandschaft zu erforschen, und mit din dialäkt läuft zurzeit ein Citizen-Science-Projekt, mit dem Ziel, Dialekte auf einer Karte zu lokalisieren.

 

Warum sammeln Laien freiwillig Daten und beteiligen sich an wissenschaftlicher Forschung? «Für die Teilnehmenden an Citizen-Science-Projekten sollte ein direkter Nutzen entstehen. Bei der Mobilisierung einer Community hilft es sehr, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung einen direkten Bezug zum Forschungsthema hat oder selber direkt betroffen ist», erklärt Tischhauser. Im Fall der Zecke dürfte die Angst vor Zeckenkrankheiten sowie die praktischen Tipps, die die App den Benutzern liefert, ausschlaggebend sein. «Man sollte sich als Wissenschaftler nicht bloss fragen, wie man per Schwarmintelligenz am günstigsten zu seinen Forschungsdaten kommt. Im Zentrum sollten die Beteiligten stehen.»

«Wir sind mit 10'000 Datensätzen noch nicht bei Big Data angelangt. Das Ziel ist aber, mit Methoden, die für Big Data verwendet werden, die Zeckenstichdaten zu analysieren.»

Werner Tischhauser, Projektleiter Biologische Zeckenbekämpfung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW

Die Beobachtung von Gartenvögeln ist eines von vielen Citizen-Science-Projekten in der Schweiz.

 

 

Weltweite Bürgerbeteiligung an der Forschung

 

Citizen Science wird von Forschern auf der ganzen Welt betrieben. Die Bandbreite geht von der Klassifizierung von Mücken über das Zählen von Mondkratern bis zum Sammeln von historischen Wetterdaten mittels digitalisierten Logbüchern von Schiffen. Bei Zooniverse sind Hunderttausende Laienwissenschaftler an aktuell 76 Projekten beteiligt. Insbesondere dann, wenn die Arbeiten für einzelne Forscher-Teams zu aufwendig sind, kommen Laien zum Einsatz. Sei es, um auf Satellitenaufnahmen aus der Mongolei Auffälligkeiten zu entdecken, die auf das Grab Dschingis Kahns hindeuten könnten, sei es, um die Rechenleistung ihres Computers zur Verfügung zu stellen, um in Radioteleskop-Aufnahmen bisher unentdeckte Pulsare aufzuspüren.

 

 

Wertvolle Nutzerdaten

 

«Die Zecken-App zeigt, dass das Zusammenspiel von Wissenschaft und Gesellschaft bestens gelingt», sagt Tischhauser. «Die Nutzer sind bei uns nicht nur Datenlieferanten, sondern sie bestimmen mit ihren Feedbacks auch die Weiterentwicklung von Präventionsmassnahmen und der App», sagt er. Mit stetig eintreffenden Zeckendaten steigt der Wert des Datensatzes fortlaufend. «Ob Nutzerinnen und Nutzer der App die Zeckenstiche jedoch exakt erfassen, ist nicht kontrollierbar. Es kommen aber genügend Daten zusammen, um mit der künftigen Wiederholung der Auswertung Trends zu beobachten.»

 

 

 

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