Digitales Burnout

Ständig erreichbar – ständig gestresst?

Das Telefon klingelt, das Mail-Postfach quillt über, und das Smartphone vibriert schon wieder: «always on» – immer online. Eine Studie besagt, dass Digital Natives am Arbeitsplatz gestresst sind. Durch die ständige Erreichbarkeit über mehrere Kanäle arbeiten sie weniger konzentriert. Wir haben nachgehakt und geben hilfreiche Tipps.

Piera Cadruvi (Text), Markus Lamprecht (Fotos), Tom Hübscher (Infografik), 17. Mai 2017

«Es stresst mich, wenn ein Kunde mich um 23 Uhr noch anruft.» Der 24-jährige Salomon aus Zürich ist Geschäftsführer eines Tonstudios und ist deshalb immer erreichbar. Es kommt vor, dass er überfordert ist – besonders in der Freizeit, wenn er abschalten sollte. «Ich versuche zwar, mich abzugrenzen, aber es funktioniert nicht immer.» Wird es ihm zu viel, leidet die Konzentration. Was er dagegen macht? «Smartphone auf lautlos stellen und Ferien machen.»  

 

Merlina, 20 Jahre alt, hatte das gleiche Problem: «Ich hatte meinen geschäftlichen Mailaccount auf dem Smartphone installiert, abschalten war schwierig.» Nach einer Woche deinstallierte sie den Account aber bereits wieder – zum eigenen Schutz. Es kommt aber vor, dass Kunden oder Arbeitskollegen in der Freizeit aufs Smartphone anrufen, da ihre Nummer in der Mailsignatur steht.

 

Ständig erreichbar – ob privat oder geschäftlich. Das trifft besonders auf Digital Natives zu, wie unsere Umfrage zeigt.

 

 

1/7 Merlina, 20: «Manchmal überfordert es mich, wenn mein Telefon klingelt: Bin ich konzentriert am Arbeiten, unterbricht es mich, und ich muss wieder zurückfinden.»

2/7 Cédric, 19: «Wenn ich bei der Arbeit viel zu tun habe, habe ich gar keine Zeit, aufs Smartphone zu schauen. Vibriert es ständig, stelle ich es eben auf lautlos.»

3/7 Salomon, 24: « Manchmal habe ich das Gefühl, dass es mir zu viel wird. Ich versuche, mich abzugrenzen, aber es funktioniert nicht immer.»

4/7 Pauline, 26: «Am Wochenende versuche ich, das Smartphone wegzulegen – aber es ist schwierig.» Antonio, 27: «Ich möchte mein Smartphone am Wochenende gar nicht weglegen. Wenn etwas ist, muss ich erreichbar sein.»

5/7 Ivan, 27: «Im Alltag nehmen wir unser Smartphone immer wieder in die Hand – oft unbewusst. Das ist eine Sucht. Aber was soll ich dagegen machen? Ich kann mein Smartphone zwar weglegen. Aber dann frage ich mich ständig, ob ich eine Nachricht bekommen habe.»

6/7 Sinan, 23: «Ich bin rund um die Uhr erreichbar. Wenn jemand mich in der Nacht anruft, nehme ich ab.»

7/7 Esma, 19: «Ich bin ständig über alle möglichen Social Media-Kanäle erreichbar und stelle mein Smartphone nie auf lautlos.»

1/7 Merlina, 20: «Manchmal überfordert es mich, wenn mein Telefon klingelt: Bin ich konzentriert am Arbeiten, unterbricht es mich, und ich muss wieder zurückfinden.»

 

 

Jeder vierte Digital Native ist überfordert

 

Die junge Generation ist affiner im Umgang mit digitalen Medien. Trotzdem überfordert die Geschwindigkeit des digitalen Wandels jeden Vierten der unter 30-Jährigen. Zum Vergleich: Nur 13 Prozent der 40- bis 50-Jährigen fühlen sich überfordert von der ständigen Erreichbarkeit am Arbeitsplatz. Zu diesem Ergebnis kommen verschiedene Studien. Insbesondere die deutsche Studie «Digitale Überforderung im Arbeitsalltag» nennt klare Fakten.

 

 



Die Studie «Digitale Überforderung im Arbeitsalltag» wurde vom europäischen IT-Konzern Sopra Steria Consulting im Juli 2016 durchgeführt. Befragt wurden 211 Personen, die in Unternehmen ab 500 Mitarbeitenden tätig sind. Zu diesen Unternehmen gehören etwa Banken, Versicherungen, Energieversorger, Medien und die öffentliche Verwaltung.

 

 

 

Digitale Hilfsmittel sollten den Arbeitnehmer im Alltag unterstützen, oder? Bei den Digital Natives sorgen sie jedoch oft für das Gegenteil: Jeder Dritte arbeitet deswegen weniger konzentriert und effektiv. Junge Arbeitnehmende können sich also nicht mehr auf eine Aufgabe fokussieren – die Informationsflut verarbeiten sie über mehrere Kanäle und sind dadurch ständig erreichbar. «Hier sind zusätzliche Kompetenzen gefragt, um trotz Informationsflut Ergebnisse zu produzieren», sagt Experte Matthias Frerichs, Senior Manager Digital Banking bei Sopra Steria Consulting. Das heisst: Arbeitnehmende sollten besser geschult werden, damit sie wissen, wie sie mit der Informationsflut umgehen sollen. Genau das fehlt aber – besonders bei den jungen Arbeitnehmern.

 

 

Quelle: Sopra Steria GmbH, Hamburg.

 

 

Knapp 40 Prozent der unter 30-Jährigen haben das Gefühl, zu Digitalthemen nicht ausreichend geschult zu werden. Bei den Arbeitnehmenden, die über 50 Jahre alt sind, sind es nur 26 Prozent. Treten Überlastungserscheinungen aufgrund ständiger Erreichbarkeit auf, empfiehlt Matthias Frerichs, einfache Regeln einzuführen: «Etwa klar definierte Zeitfenster ohne E-Mail- und WhatsApp-Kommunikation.»

 

 


So schützen Sie sich vor der digitalen Überforderung

 

Eine digitale Überforderung betrifft nicht nur den Arbeitsplatz. Auch in der Freizeit sollten Sie sich schützen. Vier Tipps:

 

Bewusste Ruhezeiten: Gönnen Sie sich Ruhe und nehmen Sie während des Tages Auszeiten von den digitalen Medien. Reden Sie in den Pausen lieber mit Ihren Kollegen, anstatt das Smartphone in der Hand zu halten – oder gönnen Sie sich abends einen Spaziergang ohne digitale Geräte.

 

Prioritäten setzen: Konsumieren Sie verschiedene Medien parallel, kann Sie das schnell aus dem Gleichgewicht bringen – ob bei der Arbeit oder in der Freizeit. Schalten Sie Ihr Mailprogramm deshalb einfach mal für eine Stunde aus, oder loggen Sie sich aus den sozialen Medien aus.

 

Freizeit ist Freizeit: Installieren Sie Ihr Geschäftsmail erst gar nicht auf dem Smartphone oder privaten Computer – so kommen Sie nicht in Versuchung, reinzuschauen.

 

Überforderung ist auch Chefsache: Fühlen Sie sich überfordert, weil Sie nicht ausreichend geschult wurden? Dann sollten Sie das Gespräch mit Ihrem Chef suchen: Verlangen Sie eine geeignete Weiterbildung oder interne Schulung.

 

 

 

 

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