Freiwilliger Einsatz von Swisscom-Mitarbeitenden

«Wenn du einmal die Hoffnung gerochen hast ...»

Mit freiwilligen Einsätzen unterstützen Mitarbeitende von Swisscom verschiedene Projekte – darunter ein Angebot von «Active Asyl», das Flüchtlingen den Computer näherbringt. Dabei geht es um mehr als nur Zeitvertreib. Ein Erfahrungsbericht.

Roger Baur (Text), Daria Gfeller (Fotos), 14. Dezember 2017

Der Tag beginnt schon mal mit einer Überraschung. Oder vielleicht müsste ich besser sagen: Mit der Überraschung, dass ich überrascht bin. Nämlich zu hören, welchen Background die Flüchtlinge mitbringen. Verfluchte Vorurteile. Wenn du glaubst, du hättest keine, dann packen sie dich hinterrücks. Hatte erwartet, den jungen Männern die Grundzüge des Computers beizubringen. Aber nun sitzt James (25) aus Nigeria neben mir, der zwei Sprachen spricht. Programmiersprachen. Also biete ich ihm kurzerhand an, bei einer anderen Sprache zu helfen, die ihm noch Mühe bereitet: Deutsch. James nickt dankbar, noch mal Glück gehabt.

 

 

James lernt Deutsch


Also beginnen wir dort, wo James tagtäglich übt. Auf einem kostenlosen Sprachlernprogramm der «Deutschen Welle». Was erklärt, wieso mir James erzählt, er hätte «heute zum Frühstück Marmelade verzehrt». Also erkläre ich ihm kurz die nicht existierenden Unterschiede zwischen Konfitüre und Marmelade. James nickt, beneidet uns wohl um unsere Probleme.

 

 

James aus Nigeria im Gespräch mit Storys-Journalist Roger Baur.

 

 

James erzählt mir von Nigeria, wo sich die Digitalisierung für die meisten immer noch auf Internetcafés und günstige Smartphones beschränkt.

 

James erzählt mir von Nigeria, wo sich die Digitalisierung für die meisten immer noch auf Internetcafés und günstige Smartphones beschränkt. Immerhin hat sie auch dazu geführt, dass der Nachrichtenfluss heute nicht mehr so gut kontrolliert werden kann. Wir vergleichen die Schlagzeilen. In Nigeria hat in diesen Tagen die Terrororganisation «Boko Haram» Mädchen unter Drogen gesetzt, ihnen Bomben umgeschnallt und sie auf einem Markt in die Luft gesprengt. Und worüber diskutiert die Schweiz? Ich werfe einen Blick ins Netz, lenke ab. Ist mir zu peinlich.

 

 

1/11 Franziska Rolli unterhält sich mit zwei jungen Asylbewerbern aus Eritrea.

2/11 Ezra aus Afghanistan mit Carsten Roetz. Fast alle Swisscom-Mitarbeitenden leisten einen Tag pro Jahr einen karitativen Einsatz.

3/11 Viele Flüchtlinge, wie hier Mahari aus Eritrea, bewerben sich um kleine Hilfsjobs in einem gesonderten Arbeitsmarkt.

4/11 Swisscom hat einem Berner Durchgangszentrum ausgediente Computer zur Verfügung gestellt, damit die Bewohner Deutsch lernen und kommunizieren können.

5/11 Tesvu aus Eritrea lernt Deutsch dank einem Computerprogramm und der Unterstützung von Bruno Böhlen.

6/11 Computer erleichtern die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Franziska Rolli (links), Claudia Egli (rechts) und zwei Asylbewerber aus Eritrea.

7/11 Mithilfe des Smartphones finden die meisten Fragen eine Antwort. Céline Schnider und Amir aus Afghanistan. Amir ist gelernter Pharmazeut.

8/11 Solidarität schafft eine gute Stimmung: Bruno Böhlen und Tesvu aus Eritrea.

9/11 Claudia Egli tauscht sich mit einem Migranten aus.

10/11 James aus Nigeria, Hari aus Afghanistan. Der Katholik und der Moslem haben sich in der Schweiz kennengelernt und angefreundet. In ihren beiden Heimatländern liegen die Religionen im Streit.

11/11 Von links nach rechts: Roger Baur, Céline Schnider, Hari aus Afghanistan, Claudia Egli beim Spiel «Lumpe lege» (Lumpen legen) in der Pause. Sprachlich happerte es bisweilen, Lachen und Spielen aber sind universell.

1/11 Franziska Rolli unterhält sich mit zwei jungen Asylbewerbern aus Eritrea.

 

 

Swisscom-Mitarbeitende helfen Asylsuchenden


Wir sind an diesem Tag zehn Personen, die wie fast alle Mitarbeitenden von Swisscom einen Tag pro Jahr einen karitativen Einsatz leisten. Wir haben invasive Pflanzen ausgerissen, Trockenmauern gebaut, mit älteren Mitmenschen Lotto gespielt. Doch an diesem Tag sind wir in Bern und helfen Asylsuchenden bei Fragen rund um den Computer – oder auch ganz allgemein mit dem Deutschlernen oder dem Verfassen von Bewerbungen. James lebt im Moment in einem Berner Durchgangszentrum. Swisscom hat dem Zentrum ausgediente Computer zur Verfügung gestellt, auch damit die Bewohner Deutsch lernen und kommunizieren können. Denn noch ist für die meisten nämlich nicht klar, ob und wie lange sie bleiben können. Doch Deutsch brauchen sie so oder so, da viele von ihnen die Möglichkeit erhalten, sich um kleine Hilfsjobs in einem gesonderten Arbeitsmarkt zu bewerben.

Rund um Konolfingen hat er Früchte gepflückt: Äpfel, Birnen, Himbeeren, Erdbeeren – und ist begeistert.

Für einen Stundenlohn von 3 Franken putzen sie Trams oder helfen Bauern, wie James das etwa tut. Rund um Konolfingen hat er Früchte gepflückt: Äpfel, Birnen, Himbeeren, Erdbeeren – und ist begeistert. Was die Bauern hierzulande aus dem Boden holten, sei beachtlich. Die Maschinen, die Melkroboter, der biologische Anbau. James hat alles studiert und es mit der Situation in seiner Heimat verglichen. «Das müsste bei uns doch auch möglich sein. Nein, ich bin sicher: Das ginge», sagt er. Und erzählt mir, wie die Villenbesitzer am Rande der Stadt Land besässen, das sie nicht oder nur unregelmässig bewirtschafteten. Also habe man in seiner Heimatstadt darum gebeten, das Land bewirtschaften zu dürfen. Der Villenbesitzer habe abgelehnt.

 

 

Zwischen den Flüchtlingen aus verschiedenen Horizonten entstehen neue Freundschaften.

 

 

Hoffnung statt Angst


Und noch etwas ist James aufgefallen: Er, Katholik, teilt sich das Zimmer mit Moslems. Und diskutiert mit ihnen über Gott und die Welt. Man akzeptiere sich, man respektiere sich. In seiner Heimat aber werde Hass gestreut, und das habe bewirkt, dass «heute die Leute keine Hoffnung mehr haben». Dieser ja häufig zitierte Satz sei genau der Grund für die Migrationsströme. «Statt Träume Angst, statt Hoffnung Angst, sogar statt Glaube Angst. Alles Gute hat der Hass durch Angst ersetzt.» Etwas, das an diesem Tag auch die anderen bestätigen. Egal ob sie aus Eritrea, aus Afghanistan oder eben aus Nigeria stammen. Andererseits aber fliessen diese Erfahrungen und Diskussionen auch zurück in ihre Herkunftsländer, nicht nur durch Rückkehrer – sondern auch übers Internet.

 

«Statt Träume Angst, statt Hoffnung Angst, sogar statt Glaube Angst. Alles Gute hat der Hass durch Angst ersetzt.»

 

Wir sinnieren darüber, ob es genau dieser Keim sein könnte, der eines Tages eine Veränderung bewirken könnte. Ich bin skeptisch, ob einer alleine so viel Macht entwickeln kann. Und das erst recht noch in diesen Diktaturen oder Autokratien mit ihren Konflikten. Doch James zeigt aus dem Fenster, weist über das verschneite Bern hin. «Wenn du das einmal gesehen hast, wenn du einmal erlebt hast, dass Frieden möglich ist. Dass es möglich ist, mit Freude über die Strasse zu gehen. Wenn du einmal die Hoffnung gerochen hast, dann, mein Freund, dann kann dich nie mehr jemand vom Gegenteil überzeugen.»

 

Als ich mich an diesem Tag von James verabschiede und wieder hinaus in die Alltagswelt trete, habe ich tatsächlich das Gefühl, dass sich an diesem doch so vertrauten Bild etwas verändert hat. Nicht, dass da etwas Neues wäre. Aber manchmal braucht es ganz fremde Augen, um das Bekannte erst wirklich zu erkennen.

 

 

Corporate Volunteering bei Swisscom


Das Programm «Give&Grow» von Swisscom unterstützt Freiwilligeneinsätze. Es stellt Gemeinden oder Verbänden unentgeltliche Arbeitszeit von Swisscom Mitarbeitenden zur Verfügung und gibt den Teilnehmenden die Gelegenheit, ihre Kompetenzen und ihr Wissen anzureichern. Im Jahr 2017 haben Swisscom Mitarbeitende rund 1200 Einsatztage geleistet.


Mehr dazu im Nachhaltigkeitsbericht

 

 

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