ICT-Weltmeister Lars Tönz

Nerd? Nein, Teamplayer!

Gold für Lars Tönz. Der junge Thurgauer IT-Spezialist holte sich in São Paulo an den Berufsweltmeisterschaften den Weltmeistertitel. Der Computerfreak behält aber trotz des Rummels Bodenhaftung.

David Sarasin (Text), Markus Lamprecht (Fotos), 31.8.2015

Wenn Lars Tönz mit dem Zug aus dem Thurgau nach St. Gallen zur Arbeit fährt, schaut er an einer Häuserfassade kurz vor dem Bahnhof quasi in den Spiegel. Rund zehn Meter hoch prangt das Plakat mit seinem Porträt für alle Reisenden ersichtlich an der Gebäudefassade seines Arbeitsgebers VRSG in St. Gallen. Der junge Mann hält darauf eine Schweizerfahne über dem Kopf und lacht zurückhaltend, aber herzlich. Er macht einen glücklichen Eindruck.

 

 

Ein riesiges Plakat zeigt, wie stolz der Arbeitgeber auf Lars Tönz ist.

 


Kein Wunder: Der 19-jährige Lars Tönz ist frischgebackener Weltmeister, und das Bild zeigt ihn bei der Siegerehrung der World Skills 2015 in São Paolo. Dort hat er im August im Bereich IT-Software-Lösungen den ersten Platz belegt, die einzige Goldmedaille für die Schweiz in diesem Jahr. Seither wird der Jungprogrammierer aus Busswil TG durch die Medien gereicht und nimmt an offiziellen Anlässen teil. «Ich wurde förmlich überrannt, mir war das am Anfang fast ein wenig unheimlich», sagt Tönz. Die Hauptausgabe der «Tagesschau» berichtete, der «Blick» titelte: «Wir haben den besten Nerd der Welt».

 

 

Das Wort «Nerd» hört er nicht gern

 

Damit berührt die Boulevard-Zeitung einen wunden Punkt, wie beim Gespräch mit dem jungen Weltmeister nach dessen Rückkehr in die Schweiz deutlich wird: Tönz entspricht mit seiner sportlichen Statur und dem offenen Blick ganz und gar nicht dem Nerd-Klischee, also einem zurückgezogenen und mit knapper Sozialkompetenz ausgestatteten Zeitgenossen.

«Das Bild vom seltsamen IT-Freak hält Jugendliche davon ab, in den Beruf einzusteigen.»

Lars Tönz

Ganz im Gegenteil. Tönz sagt: «Ich bin ein Teamplayer.» Dies zeigt nicht zuletzt seine Funktion beim FC Littenheid, dem Club seiner Thurgauer Heimat, wo er seit der Kindheit als Stürmer agiert. Auch seine Arbeit als Entwickler beim VRSG, dem Verwaltungsrechnungszentrum St. Gallen, würde niemals gelingen, wenn er, wie das Klischee besagt, ein zurückgezogener Einzelgänger wäre. Tönz stellt im Gegenteil fest: «Das Bild vom seltsamen IT-Freak hält Jugendliche davon ab, in den Beruf einzusteigen.»

 

 

Tönz an seinem Arbeitsplatz: «Ich bin kein IT-Freak.»

 

 

In seinem Lehrbetrieb war der junge Tönz von Anfang an in ein Team aus Lehrlingen eingebunden. Zusammen haben sie interne Applikationen für den eigenen Betrieb entworfen. Auf fixe Arbeitszeiten wurde kein Wert gelegt, auf selbständiges Arbeiten und Verantwortung für jeden einzelnen dagegen schon. Ein Beispiel: Wenn der Lehrlingsbetreuer für vier Wochen verreiste, stellte er für diese Zeit keine Vertretung, das Lehrlingsteam arbeitete trotzdem wie gewohnt weiter. Auf den Punkt gebracht: Im Bereich ITC herrschen oft moderne, auf Eigeninitiative beruhende Arbeitsbedingungen vor. Ein Bild von Steve Jobs prangt an der Wand der Lehrlingswerkstatt der VRSG.

 

Ein Auslöser für Tönz, den Job des Programmierers gewählt zu haben? Nicht nur, aber auch. Er ergänzt: «Für mich war einfach immer klar, dass ich niemals Handwerker werden möchte.» Mit dem Weltmeistertitel so kurz nach dem Lehrabschluss hat sich diese Entscheidung nun mehr als bestätigt. Mehr noch: Sie ist nun quasi in Gold gefasst.

 

 

Lars Tönz ist der einzige Schweizer, der mit Gold nachhause kam.

 


Dabei sah es an den Wettkämpfen in São Paolo vorerst wenig rosig aus. Die Modifikation einer Software durch einen Betreuer kurz vor Turnierstart bereitete ihm vorerst grosse Probleme. «Ich war richtig frustriert.» Doch gehört es zu Tönz‘ Stärken, sich schnell den Gegebenheiten anzupassen. Nach einem halben Tag hatte er sich an die neue Software gewöhnt und fand seinen Rhythmus. Die Aufgabenstellung lautete, innert vier Tagen eine Software für die Organisation eines Marathons zu erstellen. Dazu gehörten das Programmieren von Datenbanken, Datenspeicherung, Läuferregistrierungen und vieles mehr. Jeden Tag erhielten die Teilnehmer neue Zwischenziele formuliert. Tönz löste die Aufgabe, man weiss es bereits, meisterlich. «Irgendwann war ich im Flow», sagt er.

 

Woran es genau liegt, dass er besser arbeitet als der Grossteil seiner Kollegen, kann er nicht eindeutig benennen. Er empfinde das selber gar nicht mal so, sagt er. Was ihn stets antreibe, sei seine Neugierde. «Wenn mich ein Thema interessiert, beschäftigt es mich oft auch noch nach Feierabend.» Zur Vorbereitung für die World Skills bestritt er die Regionalmeisterschaften – und gewann diese. In der Schule sei ihm bald aufgefallen, dass er imstande sei, die ihm gestellten Aufgaben sehr rasch zu lösen.

 

 

Bescheiden und sympathisch

 

Vor wenigen Wochen hat Tönz nun die Lehre beim VRSG abgeschlossen und gleichenorts eine Vollzeitstelle angetreten. Dass Leute wie er in Zeiten von Startup-Milliardären gefragt sind, beschäftigt ihn nicht. «Für eine tolle App hat mir bisher schlicht die Idee gefehlt», sagt er auf die Frage, warum er sich nicht selbständig gemacht habe. Stattdessen entwickelt er zurzeit eine Steuerapplikation für den Kanton St. Gallen. Lars Tönz zeigt sich damit als bescheidener und äusserst sympathischer junger Mann. Das Plakat am VRSG-Gebäude mag daneben etwas aufgesetzt wirken. Doch den Weltmeistertitel, den gönnen wir ihm.

 

 

ICT-Skills im HB Zürich

 

Vom 8. bis 10. September finden im Hauptbahnhof Zürich die diesjährigen ICT-Berufsmeisterschaften unter dem Namen ICT-Skills statt. Hier werden in verschiedenen Disziplinen die neuen Schweizer Meister gekürt, die Veranstaltung ist öffentlich. Lars Tönz gewann die letztjährige Ausscheidung .

 

Magazin zum Anlass

Zur WM in São Paulo gibt’s ein Magazin.

 

 

 

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