Schwarmfinanzierung im Internet

Geben und nehmen mit Crowdfunding

Die gute Geschäftsidee ist da, aber das Geld fehlt. Statt nun nach einigen wenigen Grossinvestoren zu suchen, um das Projekt zu finanzieren, lässt sich mit der Schwarmfinanzierung in der weltweiten Internet-Community Geld sammeln.

Hansjörg Honegger (Text), Daniel Brühlmann (Fotos), 2. Februar 2016

Stellen Sie sich vor, Sie werden auf offener Strasse angesprochen: «Grüezi, mein Name ist Mario, könnten Sie mir 150 Franken geben? Ich möchte gern Imker werden.» Würden Sie die Brieftasche zücken und ein 50er-Nötli spenden? Wohl kaum. Im Internet ist das heute völlig normal. 8000 Franken brauchen die beiden Jungimker Christian Diethelm und Mario Ziltener aus Fällanden für die Übernahme eines alten Bienenwagens. Gut 5200 Franken kamen bisher zusammen. 

 

 

 

Crowdfunding – oder Schwarmfinanzierung – heisst das: Jemand stellt auf einer entsprechenden Internetseite sein Projekt vor und hofft darauf, dass möglichst viele Leute davon hören und Geld geben. In der Schweiz ist das noch ein vergleichsweise kleiner Markt. Rund 16 Millionen Franken wurden 2014 zur Verfügung gestellt. In Grossbritannien waren es im selben Zeitraum rund 2,8 Milliarden. 1078 Projekte wurden ausgeschrieben, rund 65 Prozent erfolgreich umgesetzt.

«Das Projekt muss möglichst vielen Leuten zu Kenntnis gebracht werden, das ist harte Arbeit.»

Prof. Andreas Dietrich, Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern

 
Attraktive Gegenleistungen für Geldgeber

 

Nur: Warum sollte jemand einem wildfremden Menschen Geld geben für ein Projekt, das vielleicht gar nie ein Erfolg wird? Der wichtigste Grund: Erfolgreiche Crowdfunding-Projekte bieten dem Geldgeber in der Regel eine attraktive Gegenleistung: Einerseits fühlt er sich gut, weil er für ein sinnvolles Projekt spendet, andererseits kriegt er eine Gegenleistung – beispielsweise das Produkt, für das er Geld gab oder eine Einladung zu einem damit verbundenen Anlass. 

 

 

1/4 Frank Schaffner: «Ich unterstütze gerne innovative und vielleicht auch teilweise unvernünftige Projekte, von Leuten welche ihre Träume verwirklichen wollen. Vielleicht ermutigt das auch andere Leute, einmal zu versuchen, sich von der Übermacht der Leidenschaftslosen abzulösen.»

2/4 Marina Bopp: «Crowdfunding ist eine gute Möglichkeit, um neue Ideen umzusetzen. Man kann herausfinden, wie wichtig es der Gesellschaft ist, dass genau diese Idee realisiert wird. Ich unterstützte z.B. die Entwicklung einer Pfeffersortiermaschine für eine Farm in Sri Lanka. Ich war im Jahr 2014 selber einen Monat auf dieser Farm und durfte miterleben wie mühsam das Sortieren des Pfeffers ist.»

3/4 Gerri Häfele: «Ich engagiere mich in Crowd-Funding-Projekten, um Entwicklungen zu unterstützen und um Teil einer innovativen Gemeinschaft zu sein. Ausserdem unterstütze ich kulturelle Projekte, so. z. B. das Mobile Motion Filmfestival oder unabhängige Musikproduktionen, Theaterprojekte oder independent Filme.»

4/4 Christian Riesen: «Auf diversen Plattformen schaue ich mich hin und wieder nach interessanten Ideen um. Eine gute Idee, ein gutes Produkt oder auch einfach eine Herzensangelegenheit haben da immer eine Chance, von mir berücksichtigt zu werden. Aber ich hinterfrage auch kritisch die Realisationschance und wer dahintersteckt. Plumpe Marketingaktionen haben bei mir keine Chance.» Foto: Patrice Grünig

1/4 Frank Schaffner: «Ich unterstütze gerne innovative und vielleicht auch teilweise unvernünftige Projekte, von Leuten welche ihre Träume verwirklichen wollen. Vielleicht ermutigt das auch andere Leute, einmal zu versuchen, sich von der Übermacht der Leidenschaftslosen abzulösen.»

 

 

Die beiden angehenden Imker bieten beispielsweise für eine Spende von 150 Franken einen Imker-Probetag als Gegenleistung. «Wer ein Projekt ausschreibt, muss dranbleiben», rät Professor Andreas Dietrich, Leiter Kompetenzzentrum Financial Services Management am Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern. Dietrich erhebt das jährliche Crowdfunding Monitoring Schweiz. «Das Projekt muss möglichst vielen Leuten zu Kenntnis gebracht werden, das ist harte Arbeit.» 

 

Die Gegenleistung kann auch ideeler Natur sein. So spendete Marina Bopp 200 Franken für die Entwicklung einer Pfeffersortiermaschine in Sri Lanka. «Ich war selber einen Monat auf dieser Farm und erlebte, wie mühsam das Sortieren von Hand ist. Ich wollte meinen Beitrag leisten, damit diese Menschen einen sicheren Arbeitsplatz haben.» Als konkrete Gegenleistung erhielt Marina Bopp Pfeffer, Zimt und Grüntee von der Farm. Und das gute Gefühl, geholfen zu haben.

 

In das Projekt Solar Paper hat Frank Schaffner auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter 129 Dollar investiert.  

 

 

Innovativen Projekten zum Durchbruch verhelfen

Technologie, Kultur und Soziales: Diese drei Bereiche decken den grössten Teil der Crowdfunding-Projekte in der Schweiz ab. Christian Meyer sieht sein Engagement auch als Investition: «Ich gebe Geld für ein Produkt, das es so noch nicht gibt auf dem Markt, das ich aber gern hätte.» Sein Engagement bewegt sich zwischen 50 und 250 Franken. Als Gegenleistung bekommt er meistens das Produkt oder einen anständigen Rabatt darauf. Ähnliche Beweggründe hat auch Gerri Häfele: «Ich möchte Teil einer innovativen Gesellschaft sein und interessante Entwicklungen unterstützen.» Er spendete Beispielsweise 199 Dollar für die Entwicklung eines Bluetooth-Kopfhörers oder 100 Dollar für eine Handy-Ladebatterie. 

««Es macht Spass, seinen eigenen Namen auf dem Cover zu sehen.»

Nicholas Fliess, investiert in Crowdfunding-Musikprojekte

Nicholas Fliess engagiert sich hauptsächlich für kulturelle Projekte, zum Teil in einem beachtlichen Ausmass: «Mein Engagement beginnt bei 50 Dollar und ging in einem Fall sogar bis 16'000 Dollar», erzählt er. Seine Triebfeder? «Die Freude an der Musik und auch ein wenig die Eitelkeit. Es macht Spass, seinen eigenen Namen auf dem Cover zu sehen.»

«Die Bekanntheit wächst und auch das Vertrauen in die neue Finanzierungsform.»

Prof. Andreas Dietrich, Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern

Trotz der ungewohnten Finanzierung: Der Markt wächst. Immer mehr Enthusiasten stellen ihre Projekte auf eine der rund 30 Crowdfunding-Plattformen, die es in der Schweiz gibt. Mit zunehmendem Erfolg: Um rund 30 Prozent wuchs der Markt zwischen 2013 und 2014. Professor Dietrich rechnet im vergangenen Jahr mit ähnlichen Zahlen. «Die Bekanntheit wächst und auch das Vertrauen in die neue Finanzierungsform.»
 
Gut für uns: Ohne Crowdfunding gäbe es heute keine Beschwerdeplattform «Beschwerdeleicht», kein Streetwear-Label ZRCL und keine handgemalten Pinup-Pokerkarten. Und vielleicht ist ja der Bienenwagen in Fällanden auch bald in trockenen Tüchern. Es fehlen nur noch gut 270 Franken.

 

 

 
TIPPS FÜRS CROWDFUNDING

 

Für all jene, die ihr Geld in Crowdfunding investieren oder ein Projekt ausschreiben wollen, hat Professor Andreas Dietrich einige nützliche Tipps:

 

Drei Tipps für Geldgeber:

 

  1. 1. Suchen Sie sich eine Plattform, die ein klares Profil hat, das Ihnen entspricht. Viele erfolgreiche Plattformen haben sich auf eine bestimmte Richtung – beispielsweise Kultur oder Sport – konzentriert.

 

  1. 2. Beachten Sie bei einem Crowdlending-Kredit vor allem auch das Rating der Projekte. Im Bereich Crowdsupporting und Crowdinvesting sollten Sie insbesondere den Projektbeschrieb genau anschauen.

 

  1. 3. Entspricht der Benefit (Zins, Anteile, Gadgets oder andere Goodies) Ihren Vorstellungen und stellt er einen reellen Gegenwert zur gesprochenen Summe dar?

 

Drei Tipps für Geldnehmer:

 

  1. 1. Bleiben Sie dran: Nur mit harter Arbeit wird das Projekt auf der Plattform reüssieren. Wenn Sie etwas tun, dann tun Sie es richtig.

 

  1. 2. Emotionen sind wichtig: Erzählen Sie eine spannende Geschichte, setzen Sie Videos ein.

 

  1. 3. Bieten Sie kreative und spannende Gegenleistungen.

 

 

 

Crowdfunding in der Schweiz ...

Eine Sammlung von Schweizer Plattformen für die Schwarmfinanzierung gibt es bei Swisscom

 

... und international

Bekannte Plattformen sind zum Beispiel Kickstarter und Indiegogo

 

 

 
«We make it»

Mit der Plattform einfach ein kreatives Projekt starten.

 

 

2 x 3 Tipps für Geber und Nehmer

Lesen Sie die Tipps zu Crowdfunding am Ende des Artikels.

 

 
Chance für junge Bands

Lesen Sie auf Storys, wie junge Künstler ihre Projekte erfolgreich starten.

 

 

Diskutieren Sie mit

 

Sammeln oder investieren: Haben Sie auch schon Erfahrungen mit Crowdfunding gemacht?

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.