Intensive Smartphone-Nutzung im Alltag

Das Handy, unser Störenfried

Die Vorfreude auf neue Nachrichten, Posts und News setzt Glückshormone frei. Doch die ständige Ablenkung durch das Smartphone macht abhängig – und senkt Ihre Arbeitsleistung stärker, als wenn Sie einen Joint rauchen.

Hansjörg Honegger (Text), 12. Mai 2016

Alle 18 Minuten nutzen wir im Durchschnitt unser Smartphone, 88-mal pro Tag! 35-mal schauen wir auf die Uhr oder checken kurz, ob eine Nachricht eingetroffen ist. 53-mal entsperren wir das Handy und tun etwas: Mails oder News lesen, Chats schreiben, spielen. Ist diese Häufigkeit noch gesund? Können wir so überhaupt noch effizient arbeiten?

 

Mit dem Projekt «Menthal» von Alexander Markowetz an der Friedrich Wilhelm Universität in Bonn gelang es, den Handygebrauch von rund 300'000 Menschen genau zu analysieren. Die Probanden erklärten sich bereit, eine entsprechende App auf ihrem Smartphone zu installieren und den Wissenschaftlern so Zugriff auf ihr Handy zu geben. Markowetz war dermassen schockiert über die Resultate, dass er sich intensiv mit den Auswirkungen auseinandersetzte und ein Buch zur Studie schrieb: «Digitaler Burnout».

Sind neue Posts, Likes oder News gekommen? Die Erwartungshaltung sorgt jedes Mal für einen kleinen Dopamin-Glücksrausch.

Warum tun wir uns das überhaupt an? Warum zücken wir in immer kürzeren Abständen ein omnipräsentes Gerät? Die Erklärung liegt in der Neurobiologie: Das Glückshormon Dopamin sorgt für unser eigenartiges Verhalten. Markowetz erklärt das in seinem Buch an einem einfachen Beispiel: Er suchte als Junge mit seinen Eltern Steinpilze, die vor allem unter Fichten wachsen. Immer, wenn er unter einer Fichte suchte, hatte er eine Erwartungshaltung, die allerdings nur ab und zu erfüllt wurde. Diese Erwartungshaltung sorgte jedes Mal für einen kleinen Dopamin-Glücksrausch. Genau dasselbe Muster funktioniert beim Handy: Habe ich eine neue Meldung, haben Freunde einen Post von mir gelikt, gibt es spannende News?

 

 

Dopamin-Glücksrausch? Statt der grossen Euphorie sind es die vielen kleinen Vorfreuden auf Neuigkeiten, die uns ständig aufs Smartphone schauen lassen.

 

 

Das Handy als willkommene Abwechslung

 

Hinzu kommt eine menschliche Schwäche, die von den App-Herstellern bewusst oder unbewusst genutzt wird: Wir neigen dazu, den bequemsten Weg zu gehen – zumindest die meisten von uns. Müssen wir eine mühsame Arbeit erledigen und lockt gleichzeitig ein kleiner Dopamin-Schub in Form eines süssen Katzenvideos, so werden sich die meisten Menschen für das Katzenvideo – oder die Facebook-Nachricht, oder eine Runde Candy Crush – entscheiden.

Durch den Dopamin-Schub entsteht eine Abhängigkeit. Das Hirn wird darauf konditioniert, sich häufig einen kleinen Schuss zu holen und drängt zum Smartphone-Check.

Der produktive Arbeitsfluss wird gestört

 

So viel zur Biologie. Nur: Warum ist das jetzt so schlimm? Einerseits sind es die schieren Zahlen, die zu denken geben: 2,5 Stunden täglich verbringen wir mit dem Smartphone, Heavy-User unter 18 Jahren sogar bis zu 3,75 Stunden. Das eigentliche Problem liegt aber woanders: Durch die häufige Ablenkung tun wir uns immer schwerer damit, konzentriert eine Arbeit zu erledigen. Auch hier greift wieder die Biologie: Der Ungarische Psychologe Mihály Csikszentmihalyi stellte bereits Mitte der siebziger Jahre fest, dass Menschen, die konzentriert an einer Aufgabe arbeiten, in einen sogenannten Flow kommen. Sie verfallen in einen Arbeitsrausch und können in diesem Zustand absolute Spitzenleistungen erbringen. Plus: Wer so arbeitet, fühlt sich danach glücklich und ausgeglichen. Dabei spielt es keine Rolle, was die betreffende Person tut. Wichtig ist einzig, dass man sich weder unter- noch überfordert fühlt und voll in seiner Aufgabe aufgehen kann.

 

 

88-mal pro Tag schauen wir im Durchschnitt auf das Handy.  

 

 

Die Crux: Der Flow stellt sich erst nach rund 15 Minuten Konzentration ein. Nach einer Unterbrechung – es reichen schon wenige Sekunden – müssen diese 15 Minuten wieder von Neuem aufgebaut werden. Und wir schauen alle 18 Minuten aufs Handy, im Schnitt. Um es noch schlimmer zu machen: Durch den Dopamin-Schub entsteht sowas wie eine Abhängigkeit. Das Hirn wird darauf konditioniert, sich häufig einen kleinen Schuss zu holen und drängt zum Smartphone-Check.

Die Kiffer erreichten im Test eine deutlich bessere Arbeitsleistung als die Smartphone-Checker.

Wie sich ständige Ablenkungen auf die Arbeit auswirken, lässt sich mit dem Wissen um die Flow-Theorie leicht ausmalen. Ein drastisches Experiment machten Forscher des Londoner King’s College: Sie verglichen die Leistungen einer Probanden-Gruppe, die während ihrer Arbeit häufig von E-Mails unterbrochen wurden, mit der Leistung von einer Gruppe, die vor der Arbeit einen Joint rauchte. Die Kiffer erreichten eine deutlich bessere Arbeitsleistung. Um sich vor Augen zu halten: Ein durchschnittlicher Manager eines grösseren Betriebs bekommt im Schnitt 30'000 E-Mails pro Jahr …

 

 

Echte Pausen statt Handy-Unterbrechungen

 

Die ständige Ablenkung nicht nur von der Arbeit, sondern auch in der Freizeit, beim Essen mit Freunden oder bei der Beschäftigung mit einem Hobby – macht krank und unglücklich. Wir erinnern uns: Wer im Flow arbeitet, ist nicht nur leistungsfähiger, sondern fühlt sich nach der Arbeit auch glücklicher. Ebenso wichtig sind Arbeitspausen. Unser Hirn ist am leistungsfähigsten, wenn es sich einerseits auf eine, maximal zwei Aufgaben gleichzeitig konzentrieren kann und wenn ihm in regelmässigen Abständen eine Pause gegönnt wird. Und zwar nicht, um dann gleich das Handy zu zücken und allerlei Mitteilungen zu lesen. Das sei keine Pause, betont Buchautor Markowetz.

 

 

 

Das Smartphone soll die Arbeitsleistung stärker beeinträchtigen als das Kiffen.  

 

 

Entsprechend alarmiert reagieren Arbeitspsychologen auf die zunehmende Anzahl von Burnouts. In Deutschland stieg die Zahl der Burnout-Erkrankungen zwischen 2004 und 2011 um das 18-Fache. Experten vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Siegeszug des Handys und dem Anstieg von Erschöpfungsdepressionen. Zumindest die zeitliche Analogie sticht ins Auge.

 

 

Digital Detoxing als Gegentrend


Widerstand gegen diese Entwicklung kommt seit einiger Zeit ausgerechnet von der digitalen Elite. Von Menschen also, die in Technologieunternehmen arbeiten oder sich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigen. Digital Detoxing – also die digitale Entgiftung – ist ein Schlagwort, das seinen Ursprung im Silicon Valley hat, der Hochburg der amerikanischen Hightech-Firmen. Arianna Huffington – Gründerin des äusserst erfolgreichen Politblogs Huffington Post – brach an ihrem Pult zusammen. Diagnose: Burnout. Seither verfolgt sie eine strikte Digital-Diät.

 

 


Tipp: So ändern Sie Ihre Gewohnheiten


Alexander Markowetz und andere Experten raten zu einem bewussteren Umgang mit dem Smartphone. Ein erster Schritt ist die Kontrolle des eigenen Gebrauchs: Wie oft schaue ich aufs Handy und wozu? Hier hilft zum Beispiel die Offtime-App. In dieser App können auch Auszeiten festgelegt werden und wer diese Auszeiten allenfalls brechen darf. Ausserdem kann in der neusten Version jemandem eine digitale Auszeit geschenkt werden. Doch die Umstellung ist gerade für Heavy-User nicht einfach. Der Dopamin-Entzug und der Wunsch nach einem schnellen Kick ist vielleicht übermächtig. Doch es ist machbar, auch wenn es Zeit kostet. Um eine schlechte Gewohnheit zu brechen, brauche es rund 66 Tage, so der Psychologe Jeremy Dean in seinem Buch «Making Habits – Breaking Habits». Und ein wichtiger Tipp: Man solle nicht einfach alte Gewohnheiten abstellen, sondern an deren Stelle neue Einführen.

 

 

Offtime-App

Die App Offtime von Swisscom hilft, das Smartphone bewusster zu gebrauchen und auch mal nicht zu nutzen.

 

Die Offtime-App gibt es für iOS und Android.

 

Digital Detoxing

Bei Swisscom Storys finden Sie zum Thema Digital Detoxing auch  Kolumnen von Jeroen van Rooijen und Reda El Arbi sowie den Beitrag «Online-Entgiftung in 10 Schritten».

 

Buchtipp:

 

Alexander Markowetz beschreibt in seinem Buch «Digitaler Burnout» die Auswirkungen der intensiven Smartphone-Nutzung.

 

 

 

 

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Wie intensiv nutzen Sie ihr Smartphone? Können Sie auch mal abschalten?

 

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