48 Jahre im Dienst

«Am Schalter spielte sich das Leben ab»

Fast ein halbes Jahrhundert lang verband Susi Volery Menschen. Erst nahm sie Telegramme entgegen, später nannte sie bei der Auskunft die richtige Nummer. Als frischgebackene Pensionärin erzählt sie aus ihrer Zeit als Informationsdrehscheibe.

Michael Frischkopf (Text), Daniel Brühlmann (Fotos), aktualisiert am 12. September 2016

Es ist 1967. Draussen flirrt der «summer of love», und drinnen nimmt Susi Volery am Schalter ihr erstes Telegramm entgegen. Es sollte nicht ihr letztes sein: hinter dem Schalter stehend, als Beamtin die Schweiz verkörpernd. «Ja, ich hatte Macht. Ich benahm mich bestimmt hochnäsig ab und zu. Doch das war mir nicht bewusst. Damals! Man möge es mir verzeihen. Ich war ja unglaublich jung.»

 

 

Die Chance ist gross, dass Susi Volery auch Ihnen einmal eine Auskunft erteilt hat.

 


Heute ist Susi Volery 64 Jahre alt. Pensioniert seit knapp zwei Monaten. Über drei Jahrzehnte lang stand sie im Telegrafendienst. Sie erlebte die Blütezeit und den Niedergang einer etablierten Technologie. Erlebte, wie die Einführung des Telefax Arbeitsplätze kostete. Wie 1999 der Telegrafendienst ganz abgeschafft wurde. Wie ihre Arbeit, in der sie so gut gewesen war, überflüssig wurde. Was nun?

 

Susi Volery kämpfte. Sie arbeitete sich in ein neues Tätigkeitsgebiet ein. Wurde Auskunftsperson beim 111. Es war das Jahr 2000. Soeben war Adolf Ogi Bundespräsident geworden. Und Susi Volery sprach zum ersten Mal den berühmten Satz «Uuuskunft, Si wünsched?». Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

 

Videogruss an Susi Volery von Urs Schaeppi, CEO Swisscom

 

 

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Spontane Grussbotschaft, aufgenommen am «Swisscom Power Service Event» am Hauptbahnhof Zürich (22.10.2015).

 

«In den ersten Wochen dachte ich: ‹Das dauert nicht lange und ich lande im Irrenhaus.› Dieses Tempo! Ein Anruf nach dem anderen. Ohne Pause. Ich hatte extrem Mühe, mich mit 50 Jahren umzugewöhnen. Doch ich stellte mich der Herausforderung. Mit der Zeit wurde es weniger schlimm. Ein Weilchen später begann es, Spass zu machen.»

 


Die Schnösel vom Internat


Juli 1969. Die Amerikaner landen auf dem Mond. Susi Volery nimmt in St. Gallen die Wünsche der italienischen Gastarbeiter für einen telefonischen Herbei-Ruf entgegen. Bedeutet: Frau Volery meldet nach Italien, dass sich am nächsten Tag eine gewünschte Person zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Schalter melden soll – weil der Gastarbeiter sie dann anrufen wird. Was Susi Volery bedrückt: Viele Gastarbeiter sind des Schreibens nicht mächtig und unterschreiben mit drei X. In derselben Warteschlange stehen auch reiche Internatsschüler aus Deutschland, die vom öffentlichen Telefon aus nach Hause telefonieren wollen.

«Was für ein soziales Gefälle im selben Raum! Hier gestandene Männer in einfacher Kleidung. Dort junge Schnösel in poppigen Anzügen. Das war eindrücklich. Am Schalter spielte sich das Leben ab, und ich hatte die Übersicht. Oft half man sich gegenseitig, damit es schneller vorwärtsging.»

Wenn Susi Volery heute von damals erzählt, tut sie das mit einer Mischung aus Wehmut und Abgeklärtheit. In ihrer Wahrnehmung handelten die Menschen früher solidarischer, und mit Sicherheit war das Lebenstempo gemächlicher. Doch sie lebt im Heute: Sie musste sich derart häufig – teilweise im Sekundentakt! – an neue Situationen, Technologien, Umstände, Menschen gewöhnen, dass sie gelernt hat, Distanz zu wahren.

 

Heute lacht Susi Volery über die frühere Technik. Doch damals war das Telegramm das Tor zur weiten Welt.
 

 
Mr. Jimmy Carter und König Hussein I. von Jordanien

 

Mai 1977, Genf. Der frischgewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und der König von Jordanien treffen sich im Hotel Intercontinental. Drei Stockwerke des Hotels sind reserviert für die Entourage. Und Susi Volery ist ... mittendrin! 

 

«Ich sah den Präsidenten natürlich nur aus der Ferne. Wüssed Si! Es war ja alles abgesperrt. Wir sassen dort an unseren kleinen Arbeitstischen und warteten, bis die Texte angeliefert wurden, die wir dann an die Zeitungen in aller Welt übermittelten. Genf war toll: Wir hatten im UNO-Gebäude drei Schalter, und natürlich auch am Autosalon. Alles lief über uns.»

 

 

1/5 FC Lugano gegen Grasshoppers: Telegramm des Spielberichts für die Sportredaktion der «Luzerner Neuesten Nachrichten».

2/5 Waren die Anrufer kurz angebunden, nahm Susi Volery das den Menschen nicht übel.

3/5 Die Freude über ein Glückwunschtelegramm war riesig.

4/5 Mit der Guillotine – dem kleinen Metallding – trennte Susi Volery früher die Textstreifen ab. Ebenfalls ein Werkzeug vergangener Tage ist der Lochstreifen.

5/5 Bilder aus früheren Zeiten: Susi Volery öffnet ihr Fotoalbum.

1/5 FC Lugano gegen Grasshoppers: Telegramm des Spielberichts für die Sportredaktion der «Luzerner Neuesten Nachrichten».

 

Der Telegraf repräsentierte jahrzehntelang die dominierende Kommunikationstechnologie. Mitte der 70er-Jahre tauchten die ersten Faxgeräte auf. Was für ein Quantensprung – man brauchte nur noch vier bis sechs Minuten, um eine Seite zu übermitteln. Die Journalisten wurden autonom, übermittelten die Spielberichte direkt in die Redaktion. Und plötzlich brauchte es Susi Volery nicht mehr.

 

 

Der Neuanfang beim 111 und beim 1811


Susi Volery hatte Glück und erhielt eine Weiterbeschäftigung bei der Auskunft. Natürlich war die Umstellung brutal. Doch sie begann bald, Gemeinsamkeiten zu entdecken mit der Arbeit, die sie in ihrem «ersten Leben» ausgeführt hatte. Susi Volery entdeckte, dass sie gerne Menschen miteinander verbindet. Dass sie, und das sind ihre eigenen Worte, ein «Helfersyndrom» hat. Sie machte es sich zur Herausforderung, in die wenigen Gesprächssekunden möglichst viel Menschlichkeit zu legen.

«Ich war mir ja sehr bewusst, dass man nicht endlos herumtrödeln kann, weil sich das nicht rechnet. Doch man ruft ja nicht umsonst die Swisscom an – man erwartet hier Extraqualität, und die wollte ich immer bringen. Einige Kunden waren nach 15 Sekunden bedient, andere hatte ich fünf Minuten am Telefon, weil das Anliegen unklar oder kompliziert war. Meine Chefin sagte immer: ‹Susi, du bist zu langsam.› Ich zurück: ‹Ja, ich weiss. Aber ich muss den Kunden doch gut bedienen.› Meine Chefin: ‹Susi, du bist zu langsam, aber du machst das trotzdem sehr gut. Bei dir möchte ich Kunde sein.›»

Da waren die Geschäftsmänner und -frauen, die eine Antwort verlangten, ehe sie die Frage formuliert hatten. Da waren abertausende Anrufer, die einfach eine Telefonnummer erfragten. Da war die alte Frau, die mehrmals täglich anrief und nach dem Wochentag fragte. Die einfach eine menschliche Stimme hören wollte. Susi Volery war über ein Jahrzehnt eine der freundlichen Stimmen am anderen Ende der Auskunft. Das Ende kam mit Ankündigung und unspektakulär: Ende Juli 2015 ging sie in Pension.

 

 

Sie telefoniert noch immer gerne


Es sei eine Tatsache, so Susi Volery, dass die Auffassungsgabe mit dem Alter abnehme. Und damit die Bereitschaft, sich nochmals mit neuen Aspekten einer neuen Technologie auseinanderzusetzen. So mit 55 Jahren hat sie das realisiert. Der Abschied von liebgewordenen Kolleginnen nach jahrelanger gemeinsamer Arbeit – ja, er fiel Susi Volery schwer.

«Ob ich noch gerne telefoniere? Es ist mein wichtigstes Kommunikationsmittel. Man spürt die Stimme des andern doch sehr gut am Telefon. Gerade bei schwierigen Gesprächen – und da meine ich jetzt vor allem im privaten Bereich – ist es für mich am Telefon viel einfacher, die richtige Distanz zu wahren und auch mal nichts sagen zu können, zu schweigen für eine Zeit.»

Bereits vor ihrer Pensionierung hat sie begonnen, Angehörige von schwerkranken und dementen Menschen zu entlasten, indem sie diese Menschen beispielsweise im Altersheim besucht. Das wird sie auch heute Nachmittag noch machen. Sie schaut auf die Uhr, lacht – und wird für einen Augenblick zum jungen Mädchen, das die Menschen mit Schalk und vielleicht manchmal etwas von oben herab vom Schalter anlachte. Die Zeit, die Zeit.

 

 

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Wandel der PTT

Von Briefträgern über Telefonistinnen bis hin zum Dirigenten des PTT-Orchersters: Im Oral-History-Projekt des PTT-Archivs erzählen ehemalige PTT-Mitarbeitende aus ihrem Arbeitsalltag. Ziel des Projekts ist es, den Wandel der PTT aufzuzeigen.

 

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Können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als man Telegramme verschickte oder unter 111 nach einer Telefonnummer fragte?

 

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