Kolumne: Gülsha Adilji

Wir sind dumm und Google ist schuld

Gülsha Adilji, 20. Oktober 2016

Aale sind die absolut geilsten Mini-Ungeheuer der Welt. Natürlich ist ihre Hauptaufgabe, völlig grundlose Paranoia zu schüren, während man über einen Algenteppich schwimmt; aber davon abgesehen sind sie ein Faszinosum allererster Güteklasse. Sie sind katadrome Wanderfische, was bedeutet, dass sie zum Laichen vom Süsswasser ins Meer ziehen.

Dabei können und müssen sie auch Abschnitte über Land bewältigen. Vor dieser letzten Reise, sie sterben nach ihrem Job, bekommen sie eine dickere Haut – nicht um emotional besser mit dem Tod umgehen zu können, sondern um den Landweg besser meistern zu können.

Sie googlen «Aal» und Ihre linke Amygdala birst vor Faszination.

Wo und wie sie Baby-Aale produzieren, hat aber noch niemand so wirklich erwissenschaftet, man weiss es nur so ungefähr. Crazy, nicht? Wir können Fotos aus 250 Millionen Kilometern vom Mars auf die Erde senden, aber wie Aale Sex machen, weiss kein Mensch! Falls sich über Ihrem Kopf grad eine Sprechblase bildet mit: «Also auch die Aale vom ……… See?» (Hier einen See in Ihrer nächsten Umgebung einfügen). Die Antwort lautet: «Ja! JE-DER AAL MUSS VOM SEE ZURÜCK INS MEER!»

Ich vermute, Sie ekeln sich jetzt, weil Sie an diese NOOOP-Glitsch-Fisch-Würmer im Badeparadies Ihres Vertrauens gedacht haben. Und ich glaube, ich weiss, was passiert, nachdem Sie diesen Ekel mit hin und her zuckenden Schultern abgeschüttelt haben: Sie googlen «Aal» und Ihre linke Amygdala birst vor Faszination. Jetzt werden Sie auch noch Amygdala googeln, um den Gag zu verstehen. Oder Sie setzen es zumindest auf Ihre imaginäre To-Google-Liste (welche eine Halbwertszeit von 23 Sekunden hat).

Meine Synapsen sind nur noch im Einsatz, um mich für eine Netflix-Serie zu entscheiden oder den richtigen Namen an der Starbucks-Kasse anzugeben. Der Rest wurde outgesourced.

Hätte ich alles, was ich jemals googeln wollte, auch tatsächlich gegoogelt, wäre ich jetzt genauso schlau wie vorher. Diese Suchmaschine hat mich nämlich dumm gemacht: In Kombination mit meinem portablen Gehirn aka Smartphone wurde ich zur Amöbe. Wegen dieses Das-werd-ich-nachher-googeln bleibt nichts mehr so richtig haften in meinen celebralen Windungen. Aale ausgeschlossen, die sind jetzt für immer dort. Und Peter Spuhler, ihn werde ich auch nie wieder vergessen.

Aber sonst eher schwierig. Einen Teil meines Gehirns stelle ich an eine Tasse lehnend auf meinen Frühstückstisch, den anderen Teil bombardiere ich täglich mit Fragen, um mir deren Antworten anschliessend nicht zu merken. Meine Synapsen sind nur noch im Einsatz, um mich für eine Netflix-Serie zu entscheiden oder den richtigen Namen an der Starbucks-Kasse anzugeben. Der Rest wurde outgesourced.

 

Vielleicht könnte man ja Mini-Aale heranzüchten, die Strom liefern und sie fix in die Smartphone-Hülle integrieren.

Aber hey, ich will hier ÜÜÜÜ-BER-HAUPT NICHT einen auf Technologie-Kritik machen. Das ist eine Entwicklung, ich mache sie mit, die Analyse und Kritik überlasse ich irgendwelchen Gymilehrern, die auch so Dinge sagen wie «Wikipedia zählt nicht als Quelle» oder «Können Sie jetzt bitte den Kaugummi subtrahieren». Wichtig ist mir aber verdammt noch mal dies: Wenn ich schon mein Gedächtnis in die Hände von Einsen und Nullen gebe, so brauche ich auch die optimale Ausrüstung, um die Informationen just in time abzurufen. Ich benötige einen Smartphone-Akku, der um Gottes Willen nicht nach 48 Minuten schon über den Jordan geht. Vielleicht könnte man ja Mini-Aale heranzüchten, die den Strom liefern und sie fix in die Smartphone-Hülle integrieren? Ich werde das gleich mal googeln.

 

 

Gülsha Adilji

Gülsha Adilji (30) arbeitete nach einer Lehre als Pharmaassistentin und nach ihrer Matur als Moderatorin beim Social-TV Joiz. Inzwischen gönnt sie ihrer Zunge eine Pause und verwandelt ihre Gedanken mit der Schreibwerkstatt Atelieer in Geschichten und Kolumnen.

 

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