Kolumne

Snapchat ist wie Geschlechtsverkehr unter Teenagern

Gülsha Adilji, 27. April 2016

Socialmedia-Apps umgeben uns in einer Dichte wie leere Weinflaschen Gérard Depardieu. Es vergeht keine Woche, ohne dass ein nerviger Arbeitskollege uns eine App empfiehlt und, ungefragt die vielen Vorteile erklärend, sein Smartphone knapp fünf Zentimeter vor unser Gesicht hält.

Mein Vater sagt immer: Probieren geht über studieren. Er sagt es mit einem albanischen Akzent, untermalt mit Ostschweizer-R-Verschlucker.

Das überfordert. Es sind einfach viel zu viele neue Applikationen, die alles besser, schneller und sexier machen sollen. Aber mein Vater sagt immer: Probieren geht über studieren. Er sagt es mit einem albanischen Akzent, untermalt mit Ostschweizer-R-Verschlucker.

 

Also gebe ich mich den neuen Techspielereien hin. Allerdings nie, wenn es etwas kostet, und nie (wieder), wenn es das Kim-Kardashian-Hollywood-Spiel ist.

Ich probiere also Snapchat, das ist die App mit dem Geist. Sie ist dermassen nutzerunfreundlich, dass die meisten schnell wieder damit aufhören. Schade, man gewöhnt sich nämlich schnell an die Nutzeroberfläche und es passiert etwas mit einem, was ich in meinen fünf Jahren exzessivem Facebook-, Twitter- und Instagramnutzen nicht erlebt habe: Weil ich keine Angst haben muss, dass mein geshareter Inhalt gegen mich verwendet werden kann, teile ich auch sehr Privates mit der Snap-Welt.

Bei Snapchat fühle ich mich gelöst und wohl – so, als hätte ich mich von einem viel zu engen BH befreit. Dort teile ich meinen echten, ungeschönten Alltag.

Ich bin normalerweise leicht, oder sagen wir ängstlich, oder besser noch: selektiv in der Auswahl meiner geposteten Bilder auf Social Media. Das mag jetzt irgendwie ironisch klingen, weil ich so vieles teile, aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich mache das sehr kontrolliert und sehr bewusst. (Booom, das ist jetzt mal ein Leak!)

Bei Snapchat hingegen fühle ich mich gelöst und wohl – so, als hätte ich mich von einem viel zu engen BH befreit – und teile meinen echten, ungeschönten Alltag. Ich habe keine Panik, dass es im Blick erscheinen könnte oder dass ich irgendjemanden langweile, denn es ist so schnell weg, wie ich es gepostet habe.

Da Medien und Eltern die Finger von Snaps lassen, können auch paranoide C-Promis und kiffende Teenager ganz befreit ihr Leben ins Internet streuen.

Dickpics, Boob-Videos und Selfies, während man auf dem Klo sitzt: Dafür ist Snapchat eigentlich bekannt, right? Das ist nur die halbe Wahrheit. Eigentlich weiss ich nicht mal, ob das tatsächlich für Schmuddelkonversationen genutzt wird (ich habe weder je ein Nacktbild erhalten noch eines versendet; also kann man davon ausgehen, dass das naughty Image Schwachsinn ist. Wenn ich es nicht selbst erlebt habe, ist es nie passiert, Trump-Logik. Ich mag Trump-Logik).

Snapchat wird für viel intimere Dinge genutzt als Nacktheit; es werden ehrliche Situationen geteilt, die man nicht auf Facebook posten oder auf Instagram laden würde. Da auf der Snap-App alles sofort oder spätestens nach 24 Stunden gelöscht wird, kann die Timeline nicht verstopfen, also lädt man noch so nebensächliche Ereignisse hoch und lässt seine Snap-Friends an allen Momenten teilhaben.

Und da Medien und Eltern bis jetzt mehrheitlich die Finger von Snaps gelassen haben, können auch paranoide C-Promis und kiffende Teenager ganz befreit ihr triviales Leben ins Internet streuen. Das habe ich zusammen mit meiner besten Freundin Bordeaux an meinem Küchentisch analysiert und die Erkenntnis natürlich sofort auf Snapchat geteilt.

Snapchat ist wie der Geschlechtsverkehr unter Teenagern: kurz, schnell und für mindestens eine Seite befriedigend.

Falls Sie jetzt denken, ich erhielte Geld von Snapchat oder erhoffte mir dort einen Job – so ist es emfall nicht. Meine Freundin und ich glauben einfach, dass sich da die Kommunikationsform der Zukunft andeutet. Sie wird wie der Geschlechtsverkehr unter Teenagern: kurz, schnell und für mindestens eine Seite befriedigend. Und weil dies mein allererster Blogeintrag ist, möchte ich mich mit meinem Kristallkugelwissen profilieren, damit Sie auch ganz bestimmt meinen nächsten lesen. Ausserdem möchte ich Ihnen mitteilen, dass Gérard Depardieu uns nie wieder mit unendlich langen, vierteiligen «Der Graf von Monte Christo»-Verfilmungen beglücken wird. Sobald er nämlich wieder nüchtern ist, 2026, gibt es wohl nur noch 15-Sekunden-Filme.

 

Gülsha Adilji

Gülsha Adilji (30) arbeitete nach einer Lehre als Pharmaassistentin und nach ihrer Matur als Moderatorin beim Social-TV Joiz. Inzwischen gönnt sie ihrer Zunge eine Pause und verwandelt ihre Gedanken mit der Schreibwerkstatt Atelieer in Geschichten und Kolumnen.

 

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