Kolumne: Gülsha Adilji

700 Perverse in Griechenland

Gülsha Adilji, 3. August 2016

Anfang Juli wurde ich von einem Millionär in meinem Alter auf eine griechische Insel eingeladen. Jaja, mein Leben ist toll. Eine grandiose Ferienwohnung, perfektes Wetter, eine private Bootstour und wunderschöne Sonnenuntergänge. Naja, es war kein Date, ich musste in Athen am Flughafen schlafen und eigentlich die ganze Zeit arbeiten, da ich für einen Dreh dort war. Während dieses Drehs nervte mich aber etwas völlig anderes plötzlich so sehr, dass ich dreimal fast mein Smartphone ins Meer geworfen hätte. Solche Aussetzer hat, so glaube ich, jeder ab und an, bei mir waren sie an diesem Wochenende richtig intensiv.

Als ich sah, wie sich diese 700 Perversen vor der nackten und wehrlosen Sonne für Selfies drapierten, wollte ich um Himmels Willen nicht ein Teil von ihnen sein.

Dieser Ferienort – straight entsprungen aus einem Katalog mit dem Titel «Der Clip 'Mit Dir' von Freundeskreis wurde hier gedreht» – hatte einen Haken. Einen Selfie-Stick-Haken. Jeden Abend trafen sich alle Menschen bewaffnet mit ihren Digitalcams, Selfie-Sticks und offenen Snapchat-Apps auf dem höchsten Punkt der Insel, um den Sonnenuntergang zu fotografieren.

 

Mir waren diese Leute peinlich: Die Sonne geht überall und jeden Tag unter und sie sieht immer wunderschön dabei aus, weshalb sollte man sie jetzt fotografieren? Vor allem wozu? Was nutzen 57 Sonnenuntergangsbilder auf dem Handy? Wer schaut das jemals an? Logisch bin auch ich mit meinem Smartphone da hochgelaufen. Aber als ich sah, wie sich diese 700 Perversen vor der nackten und wehrlosen Sonne für Selfies drapierten, wollte ich um Himmels Willen nicht ein Teil von ihnen sein.

 

So lehnte ich mit meinen vor Verachtung verzogenen Mundwinkeln an einer Wand, wartete, bis der Feuerball touchdownte, und beschäftigte mich damit, weshalb wir ständig von allen Dingen Fotos machen müssen. Abschlussabend, Hochzeit, Baby in der Badewanne, Partys, Feuerwerk, Geburtstag, Baby im Arm vom Götti. Damit wir uns daran zurückerinnern können? Daran, wie wir mit unseren besten Freunden beim Brunch sassen, an die Weinwanderung mit den Arbeitskollegen und unbedingt an den Städtetrip nach Berlin. Aber wieso? Wieso wollen wir uns die ganze verdammte Zeit an die Vergangenheit erinnern? Weil sie nur dank Dokumentation stattgefunden hat? Wieso muss der Mensch in der Gegenwart dafür arbeiten, dass er in der Zukunft in der Vergangenheit schwelgen kann? Wenn man im Schatten der hochgehaltenen Fotoapparate über solche Fragen nachdenkt, wird die Fotografierei kolossal lächerlich und dumm.

Ich fasste auf diesem Hügel in Griechenland noch viel grundsätzlicher die Entscheidung, deutlich weniger Fotos zu schiessen.

Und so entschied ich mich, keine Fotos vom Sonnenuntergang zu machen (nicht nur, weil ich mir auf der Bootstour am Tag zuvor den Daumen wund fotografiert hatte). Ich fasste auf diesem Hügel in Griechenland noch viel grundsätzlicher die Entscheidung, deutlich weniger Fotos zu schiessen. Ausserdem gab ich meinem coolen und über allem stehenden, möchtegern-kultivierten Ego das Versprechen, dass ich – wann immer ich das Bedürfnis haben würde, etwas mit einem digitalen Gerät festzuhalten – ich es mir stattdessen einprägen und einen Geruch, ein Gefühl und eine Geschichte dranhängen würde. Das schult mein Storytelling, spart Speicherplatz in der Cloud und ich stürze nie jemanden in eine Sinnkrise, weil ich Dinge fotografiere.

 

Natürlich ist es ironisch, dass ich mir dieses Fotoverbot während eines Drehs auferlegt habe. Aber die Menschen müssen ja erfahren, wie man mit 30 Jahren Multimillionär wird – aber bestimmt nicht, wie die Sonne aussieht, wenn sie in Griechenland untergeht. Es sei denn natürlich, sie geht zufällig genau dann unter, wenn man ein Interview mitten auf dem Meer führt. Das ist dann was ganz anderes. Hüstel.

 

 

Gülsha Adilji

Gülsha Adilji (30) arbeitete nach einer Lehre als Pharmaassistentin und nach ihrer Matur als Moderatorin beim Social-TV Joiz. Inzwischen gönnt sie ihrer Zunge eine Pause und verwandelt ihre Gedanken mit der Schreibwerkstatt Atelieer in Geschichten und Kolumnen.

 

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