Kolumne: Kathrin Buholzer

Der Adventskalender-Overkill

Statt Türchen mit Bildchen stecken heute 24 Geschenke im Adventskalender. Kolumnistin Kathrin Buholzer über die Adventskalender-Flut, die offline und online stattfindet.

Kathrin Buholzer, 9. Dezember 2016

Halt. Stopp. Nein. Ich kann es nicht mehr sehen, nicht mehr lesen, nicht mehr hören. Ich träume nachts davon, fühle mich umzingelt.

 

Überall nur noch: Adventskalender, Adventskalender, Adventskalender.

 

Was eigentlich mal ein hübscher, kleiner und schöner Brauch war, ist irgendwie ausgeartet. 24 Türchen aufmachen, sich über ein schönes Bildchen freuen, jeden Tag eines, damit das Warten bis Weihnachten etwas angenehmer ist: So wurde das viele Jahre in der Adventszeit praktiziert. Irgendwann kamen die mit Schoggi gefüllten Adventskalender dazu, und die Eltern haben angefangen, kleine Geschenke einzupacken, sie aufzuhängen oder in Socken zu stecken.

Wo man hinkommt, hört man die gleiche Frage: «Grüezi, haben Sie schon unseren Adventskalender?»

Alles war sehr übersichtlich, ruhig und gemütlich. Der Adventskalender war der Countdown für den Weihnachtsabend, den man kaum erwarten konnte. Heute ist diese Tradition irgendwie aus den Fugen geraten, explodiert, sie ist omnipräsent und erdrückt uns fast. Wo man hinschaut: Nur noch Adventskalender!

 

Jede Schoggimarke hat ihren eigenen. Es gibt Kalender mit Müesli, mit Wurst, Pflegeprodukten, Kalender für Hunde, Katzen, Meerschweinchen, für Männer über 40, für Singles, und wo man hinkommt, hört man die gleiche Frage: «Grüezi, haben Sie schon unseren Adventskalender?»

 

«Was jammert sie jetzt rum?» fragen sich einige von euch wahrscheinlich jetzt. Man kann doch einfach ganz höflich «Nein, danke» sagen und dem Adventskalender-Angebot aus dem Weg gehen.

Man kann kaum mehr eine Webseite öffnen, ohne dass man sich für irgendeinen lustigen, tollen, spannenden Adventskalender anmelden soll.

Ja, das kann man durchaus versuchen. Wenn da nicht auch noch der Online-Adventskalender-Overkill wäre. Man kann kaum mehr eine Webseite öffnen, ohne dass man sich für irgendeinen lustigen, tollen, spannenden Adventskalender anmelden soll. Jedes Unternehmen, jede Marke, jeder Blog möchte uns seinen Kalender aufschwatzen, uns mit zum Teil unglaublichen Gewinnen als Neukunden, Abonnenten, Follower oder als Fans gewinnen und am allerliebsten sollen wir dann auch noch gleich unsere E-Mail-Adresse angeben.

 

Denn darum geht es nämlich. Nicht um Nächstenliebe oder ums «Freude schenken». Der Adventskalender ist zum knallharten Marketing-Tool geworden. Wer genug Kohle hat, der packt hinter seine virtuellen Türchen Flüge, Reisen, Küchengeräte, Gutscheine, teure Pflegeprodukte – und die Likes und Adressen trudeln im Sekundentakt herein.

Wer etwas weniger Mittel und Möglichkeiten hat, wie viele Blogs zum Beispiel, der überlässt die Türchen einfach seinen Sponsoren und Partnern. Die dürfen dann ihre Produkte verschenken und bekommen dazu auch noch gleich einen tollen Werbeauftritt, meistens kostenlos, dazu.

Wenn man sich durch die Adventskalender in den diversen Facebook-Gruppen klickt, bleibt einem manchmal fast der Lebkuchen im Hals stecken.

Man kann die Adventskalender-Mania nicht mehr ignorieren, es geht nicht. Es ist einfach «too much». Vorbei ist der Adventszauber, es geht fast nur noch um Marketing, um Kundenfang und es NERVT!

 

Und irgendwie sind wir alle dabei, uns von dieser Konsum-Maschinerie anstecken zu lassen. Wenn man sich durch die Adventskalender in den diversen Facebook-Gruppen klickt, bleibt einem manchmal fast der Lebkuchen im Hals stecken. Es sind nicht mehr die kleinen, einfachen Kalender, die sich die Geschwister untereinander teilen müssen. Jedes Kind kriegt 24 Geschenke, eines grösser als das andere, alle schön verpackt in grossen Körben oder in IKEA-Moppe-Schubladen.

 

Und das ist ja noch längst nicht alles. Denn nicht nur die Eltern sind wild auf die Adventskalender. Nein auch die Omas, die Patentanten, Freundinnen und Schwiegermütter bringen alle noch einen Kalender vorbei (vom Wichteln in der Schule oder im Turnverein wollen wir jetzt hier gar nicht erst anfangen ...).

Wenn man die vielen, wahnsinnig grossen, aufwändigen Kalender sieht, knickt man irgendwann mal ein und macht halt auch mit.

Natürlich. Schenken ist toll. Und wer freut sich nicht über die strahlenden Kinderaugen? Aber brauchen Kinder wirklich 24 Geschenke, um sich auf den Weihnachtsabend zu freuen, an dem sie dann nochmals mit Geschenken überhäuft werden? Wäre da nicht ein bisschen weniger wieder ein bisschen mehr? Worüber sollen und können sich unsere Kids denn noch freuen, wenn wir ihnen die Adventszeit mit so viel Material zupflastern?

 

Wer sich noch tapfer an den Schoggikalender klammert, wer den Kindern einfach jeden Abend eine schöne Geschichte vorliest oder wer die Adventskalender-Idee bewusst auf kleiner Flamme hält, muss ja irgendwann einen Komplex kriegen. Wenn man die vielen, wahnsinnig grossen, aufwändigen Kalender sieht, knickt man irgendwann mal ein und macht halt auch mit.

 

Und so läuft die Geschenk-Maschinerie fröhlich weiter, das Geschäft brummt, der Detailhandel freut sich. Und die Eltern?

 

Die stellen sich nicht nur mehr die Frage: «Was, um Himmelswillen, soll ich meinem Kind zu Weihnachten schenken? Es hat schon alles.» Stattdessen fragen sie neuerdings schon im Oktober ganz verzweifelt: «Was soll ich bloss meinen Kindern in den Adventskalender packen? Hat jemand eine Idee?»

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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