Kolumne: Kathrin Buholzer

Mein altes, peinliches Tagebuch

Früher vertraute Kolumnistin Kathrin Buholzer ihre Schwärmereien für Stars einem geheimen Tagebuch an. Heute zeigen sich selbst die Promis auf Facebook und Instagram wie ein offenes Buch.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 10. Januar 2017

Ende Jahr hab ich immer den Drang, bestimmte Dinge, die ich die letzten 360 Tage ganz prima ignoriert habe, noch in Ordnung zu bringen. Wichtige Dinge.

 

Zum Beispiel 30 Kilo ausländisches «Münz» sortieren, das zusammen mit den Autowaschanlage-Jetons den Eingangsschrank verstopft. Den Keller aufräumen gehört auch dazu. Doch meistens bleibt es beim Vorsatz. Denn wenn ich dort aufräumen will, dann findet sich immer irgendetwas aus längst vergessenen Tagen, das mich davon abhält. Wie neulich, als ich über ein altes Tagebuch gestolpert bin. Mit Schloss natürlich, damit meine Teenie-Geheimnisse auch nie und nimmer ans Tageslicht kommen. Den Schlüssel dazu hab ich natürlich nicht mehr gefunden.
Dafür eine Zange.

Die Peinlichkeiten werden für immer in diesem Buch in meinem Kellerverlies ruhen.

Und JA, ich hab das Ding aufgeknackt. Die Neugier war einfach stärker. Oh Gott! Ich werde jetzt noch rot, wenn ich daran denke, was ich dort in meinem jugendlichen Verliebtheitswahn so alles hineingeschrieben und -geklebt habe. Gott sei Dank, sind diese Schwärmereien auf keiner Festplatte, auf keinem Facebook-Server und überhaupt nirgends gespeichert. Die Peinlichkeiten werden für immer in diesem Buch in meinem Kellerverlies ruhen.

 

Ok, ein bisschen davon will ich euch hier und jetzt trotzdem verraten:

 

Da sind zum Beispiel diese Autogrammkarten aus der «BRAVO». Von Hendrik Martz, Falco, Pierre Cosso, Patrick Bach, von Limahl, Morten Harket und, und, und. Alle schön verziert mit Liebesschwüren und echten, selbstgemachten Kusslippen. Ihr wisst schon: Lippenstift auf die Lippen geschmiert und vor dem Einkleben die Bilder abgeknutscht ...
Da war ich in der 7. Klasse, ich schwör’s.

Damals gab’s keine perfekten Instagram-Accounts, auf denen die Promis sich selbst inszenierten und ihren Tagesablauf minutiös mit der ganzen Welt geteilt haben.

Damals, als ich im «Tagebuchalter» war, lief das mit den Stars und Sternchen irgendwie noch ein bisschen anders. Da gab’s keine perfekten Instagram-Accounts, auf denen die Promis sich selbst inszenierten und ihren Tagesablauf minutiös mit der ganzen Welt geteilt haben. Es gab keine Facebook-Livestreams, wo man beim Kleidereinkauf mit dabei sein und Fragen stellen konnte. Es gab keine YouTube-Channels, auf denen man die Stars beim Aufstehen, Surfen, Autofahren, Latte-Macchiato-Schlürfen oder beim Soundcheck beobachten konnte. Die Stars waren alle irgendwie weit weg, unnahbar und eben auch etwas geheimnisvoll.

Das Rückantwortcouvert war der Schlüssel zum Glück.

Es gab nur die vorgedruckten Autogrammkarten, die man von der Plattenfirma, vom Glockengiesserwall in Hamburg, zugeschickt bekam. Aber nur, wenn man ein frankiertes Rückantwortcouvert beigelegt hatte. Das Rückantwortcouvert war der eigentliche Schlüssel zum Glück.

 

Und natürlich gab’s da noch die «BRAVO»-Starschnitte. Deren Einzelteile man jede Woche brav aus dem Heft rausnehmen musste. Also immer sehr sorgfältig die Heftklammer mit dem Fingernagel auseinanderdrücken, damit es keine Löcher im Poster gab.

 

Und wehe, man war mal zwei Wochen in Südfrankreich in den Ferien ... In der Juli-Ausgabe war nämlich fast jedes Mal der Kopf des Stars drin. Und ohne Kopf machte der ganze Starschnitt irgendwie keinen Spass.

Meine Idole waren unerreichbar, aber eben auch ein bisschen geheimnisvoll. Die meisten waren nur auf Papier vorhanden, eingeklebt im Tagebuch.

Man hatte keine Möglichkeit, so richtig am Leben der Stars teilzunehmen, es blieb nur die eigene Vorstellungskraft. Ich stellte mir zum Beispiel vor, wie meine Idole mit der Vespa Baguette kaufen gingen, wie sie in ihren tollen Häusern auf ihren tollen Pianos die neusten Songs komponierten oder in der Hängematte im Garten ihre Fanpost lasen.

 

Wir wussten nicht ständig über alles Bescheid, was unsere Idole gerade taten, wo sie einkauften, welche Kleider sie trugen, welche Produkte sie mochten, mit wem sie in den Ferien waren und wie ihre Wohnzimmer aussahen. Aber irgendwie hatte das auch seinen Reiz.

 

Meine Idole waren irgendwie unerreichbar, aber eben auch ein bisschen geheimnisvoll. Die meisten waren nur auf einem kleinen Stück Papier vorhanden, eingeklebt in meinem Tagebuch. Die Welt meiner Stars und Sternchen hab ich mir selber zurechtlegen müssen. Und so war ich mir ganz sicher, dass ich eines Tages mit Pierre Cosso auf einem weissen Pferd in den Sonnenuntergang reiten würde ...

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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