Kolumne: Kathrin Buholzer

Der Bikinikauf

Einen Bikini zu kaufen, ist für Kolumnistin Kathrin Buholzer schon schwierig genug. Wenn sie das online macht, wirds nicht einfacher.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 6. Juli 2017

So. Heute möchte ich euch mal wieder eine lustige Geschichte erzählen.


Es war einmal eine nette Frau, die wohnte in einem kleinen Haus und freute sich auf den Sommer. Kaum stand dieser vor der Tür, kam das Unausweichliche, das ich schon letztes Jahr so lange vor mich hingeschoben habe, bis es schon fast zu spät, und die Ware ausverkauft war: Der Bikinikauf

 

Schon lange kauft die nette Frau ihre Bikinis nicht mehr im Laden. Wer hat schon Lust, sich in eine viel zu enge Kabine zu zwängen? Sich vom schlechten, viel zu hellen Licht der Energiesparlampe im Spiegel zu begutachten? Dreimal aus der Kabine zu rennen, weil das Oberteil zu gross und die Hose zu eng ist, um dann nach zwanzig Minuten, total verschwitzt, der Verkäuferin die 12 Bikiniteile wieder in die Hand zu drücken und unverrichteter Dinge aus dem Laden zu schleichen?
Eben.

Die Frau ist wählerisch, denn sie weiss: Es gibt nix Schwierigeres, als einen Bikini zu finden.

Die schlaue Frau kauft schon lange ihre Bikinis online. Sie weiss auch, dass sie damit früh genug anfangen muss. Denn: Sind die ersten Sonnentage da, steht im Dropdown-Menü der Online-Shops nur noch der Satz: «Möchten Sie gerne benachrichtigt werden, wenn dieser Artikel wieder verfügbar ist?» Deshalb klickt sie sich jeweils schon Mitte April bei Bonprix, Jelmoli, Zalando und Co. durch die virtuellen Regale. Wer selber schon Online-Shopping gemacht hat, der weiss: Es ist eine abendfüllende Aufgabe.

 

Das schwarze Bikini-Oberteil wäre zwar toll, hat aber eine sehr hässliche Schleife vorne. Und aus eigener Erfahrung weiss die nette Frau: Versuche nie, eine Schleife vorne an einem Bikini-Oberteil wegzuschneiden. Es gibt nix, was besser angenäht ist, als hässliche Schleifen an Bikini-Oberteilen ...

 

Die Frau ist wählerisch, denn sie weiss: Es gibt nix Schwierigeres, als einen Bikini zu finden, der

 

a) die Brüste nicht zu fest zusammenquetscht.
b) nicht sooo viel Push-Up-Schaumstoff eingearbeitet hat, dass das Oberteil mindestens 5. Stunden nass bleibt.
c) die Hüfte nicht zu sehr betont.
d) den Po doch noch ein bisschen bedeckt.
e) die Brüste nicht zu flach aussehen lässt.
f) an der Seite nicht nur zwei kleine Schnürchen hat.
g) einen nicht wie eine alte Oma aussehen lässt.
h) Nicht sooo billig angefertigt ist, dass nach dreimal An- und Ausziehen schon der Verschluss hinten beim Oberteil zerbricht.


So klickt sie sich stundenlang durch die jeweils 152 «Swimmwear»-Seiten der 25 Online-Versandhäuser, studiert Grössentabellen, sucht anschliessend nach Rabattcodes, so dass sie nicht auch noch die Versandkosten selber bezahlen muss, und sinkt dann, lange nach Mitternacht, endlich ins Bett. Sie hat sooo viele Bikinis angeguckt, dass es für die nächsten 11 Monate reicht. Denkt sie.

Jede Werbeanzeige, die aufploppt, will ihr wieder einen Bikini verkaufen. Sogar die Kinder fragen, warum plötzlich auf Mamas Computer, so viele Badeanzüge auftauchen.

Denn was sieht sie am nächsten Morgen, wenn sie sich schnell bei ihrer Lieblingszeitung einloggt? Genau: Bikinis. Überall, auf jeder Seite, in jedem Sozialen Netzwerk: Bikinis, Bikinis, Bikinis.

 

Jede Werbeanzeige, die aufploppt, will ihr wieder einen Bikini verkaufen. Obwohl sie am Vorabend für über 256 Franken, genau solche Bikinis bestellt hat. Sogar die Kinder fragen, warum denn plötzlich auf Mamas Computer, so viele Badeanzüge auftauchen ...

 

Natürlich weiss die Frau eigentlich genau, dass sie einen Werbeblocker einstellen oder im Privatmodus surfen könnte. Im Eifer des Gefechts ging aber genau das wieder mal vergessen. Und so wird sie die nächsten Tage, ja Wochen üüüberall mit lustigen Modellen zugespamt.

 

Sie sucht ein Rezept: «Voilà – ein gepunkteter Bikini, erst noch als Sales-Angebot.»
Sie klickt sich durchs Facebook-Land: «Oh ein schwarzes Oberteil mit roten Höschen.»

Sie sucht ein Bild für den neusten Elternplanet-Artikel: «Ein Rüschen-BH mit blauer Schleife.» (Genau diese Schleife, die man nicht wegschneiden kann...)

 

Die Geister die sie rief, wird sie nun fast nicht mehr los – der wahre Overkill. Die Bikinis verschwinden erst, als sie nach «Turnschuhe und Sneakers» googelt ...

 

Und jetzt hat sie den Privatmodus im Browser eingeschaltet.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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