Kolumne: Kathrin Buholzer

Telefonitis 3.0

Heute hält man sich das Handy nicht mehr ans Ohr, sondern vor den Mund. Die Kolumnistin Kathrin Buholzer erklärt, wie Jugendliche telefonieren.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 18. November 2016

Seid ihr in letzter Zeit mal Teenagern begegnet? Habt ihr euch vielleicht auch gewundert, dass sie alle etwa gleich aussehen? Die gleichen Sneakers, Frisuren, Shirts, Jeans mit fast mehr Löchern als Stoff dran.

 

Ok, das ist ja eigentlich nichts Neues. Auch wir sahen damals, in unseren besten Teenie-Jahren, alle sehr ähnlich aus: Adicolor, Nietengürtel und Armbänder, weisse Streifen auf der Seite der Rüebli-Jeans, neonfarbene Pullover und Pulswärmer. Die Jungs mit Lederjacke und diesem merkwürdigen langen Haarbüschel auf der Seite der Kurzhaarfrisur.
Urgs!

Warum halten alle Teenies ihr Smartphone so merkwürdig vor dem Mund, als würden sie gleich in ein Stück Brot beissen wollen?

Nun. Falls ihr in letzter Zeit Teenager begegnet seid, dann habt ihr euch aber vielleicht auch noch eine andere Frage gestellt: Warum um Himmelswillen halten alle Teenies ihr Smartphone so merkwürdig vor dem Mund? So, als würden sie gleich in ein Stück Brot beissen wollen? Wer selber Kids zu Hause hat, der weiss die Antwort natürlich sofort:
Sie TEEFONIEREN!

 

Ich selber habe ein bisschen länger gebraucht, bis ich gecheckt habe, warum unsere Kids ständig in ihr Smartphone murmeln. Sie halten ihr Handy wie ein Toastbrot vor den Mund und dann erklären sie einander die Hausaufgaben, wann sie sich am Nachmittag treffen wollen oder dass der Silvan jetzt doch die Melanie angefragt hat, obwohl der doch eigentlich noch mit Lea zusammen ist.

 

Diese gesprochenen Nachrichten schicken sie sich dann per WhatsApp hin und her und hin und her. Meistens verkriechen sie sich ins Zimmer. Oder ins Bad. Soll ja schliesslich nicht jeder mitbekommen, dieses «Telefonat».

Sprachnachrichten hin und her schicken ist das neue Telefonieren.

Sehr umständlich, wie ich finde. Sich direkt mit jemanden zu unterhalten, wäre doch viel einfacher. Man kann sofort nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat, oder gleich auf einen Schlag den Termin ausmachen.

 

Aber nö. Sprachnachrichten hin und her schicken ist das neue Telefonieren. «Das macht man heute so, das verstehst du nicht Mama!» Und so brummeln und murmeln sie weiterhin fleissig drauflos, ermahnen mich, leise zu sein: «Mama, soorry, aber sei bitte rasch still, ich muss eine Sprachnachricht aufnehmen ...». Oder sie verschwinden diskret hinter der Kinder- oder Badezimmertür.

 

Und Hey! Ich hab letzthin meiner Tochter auch ganz cool mit einer Sprachnachricht geantwortet. Aber nach der dritten Frage-Message hab ich dann doch wieder angerufen. Ganz «oldschoolmässig». Wie das mittelalterliche Muttis halt so machen ...

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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