Kolumne: Kathrin Buholzer

Donʼt text and drive

Hände am Steuer und Augen auf die Strasse: Kathrin Buholzer erinnert daran, wie gefährlich das Telefonieren oder Schreiben beim Autofahren sind.

Kathrin Buholzer, Milan Hofstetter (Illustration), 2. Mai 2017

Toll war sie, unsere diesjährige USA-Reise. 1858 Kilometer lang, von Sarasota nach Dallas. Schöne Landschaften, viel Sonnenschein, viele Trucks, noch mehr Subways, Starbucks, Taco Bells und McDonaldʼs. Und ausserdem einmal mehr die Erkenntnis, wie privilegiert wir in der Schweiz doch sind und wie glücklich wir uns schätzen können, eine saubere und gut funktionierende Infrastruktur zu haben. Keine holprigen, löchrigen Strassen, keine Strommasten aus morschem Holz, keine Häuser, bei denen man sich beim Vorbeifahren fragt: «Wohnt hier wirklich eine Familie mit Kindern?»

Schnell mit dem Fahrrad oder zu Fuss ins Kino gehen, einkaufen oder Freunde treffen ist unmöglich. Viel zu weit, zu kompliziert und zu gefährlich.

Keine Dörfer, in denen es ausser zwei Fastfoodketten, einer Tankstelle und einem «abgeranzten» Motel gar nichts gibt. Jedes Mal, wenn wir wieder durch Amerika fahren, stechen mir diese Gegensätze ins Auge. Der unermessliche Reichtum, den man vor allem in den Grossstädten sieht, die Armut und die zum Teil katastrophalen Zustände in den kleinen Dörfern, etwas ausserhalb der Big Cities.

 

Wer auch schon in den Staaten war, der weiss, dass man praktisch alles mit dem Auto erledigen muss. Schnell mit dem Fahrrad oder zu Fuss ins Kino gehen, einkaufen oder Freunde treffen ist praktisch unmöglich. Viel zu weit, zu kompliziert und zu gefährlich. Deshalb stehen auch bei fast jedem Haus mindestens zwei, wenn nicht gar drei Autos vor der Türe. Eines für Mutti, eines für Vati und dann noch eines (oder gar zwei) für die Kids.

Die Amerikaner haben es so eingerichtet, dass sie ihre Autos eigentlich nur verlassen müssen, wenn sie auf die Toilette müssen.

Und wenn man in Amerika herumfährt, dann sind das oft ziemliche Strecken, die man zurücklegen muss. Deshalb haben es die Amerikaner so eingerichtet, dass sie ihre Autos eigentlich nur verlassen müssen, wenn sie auf die Toilette müssen. Für alles andere gibtʼs «Drive-throughs». Kaffee, Medikamente, Food, Bier und Wein: Einfach vorne (oder am Smartphone) rasch die Bestellung aufgeben, und die wird dem Fahrer dann bequem ins Auto geliefert.

Egal ob vor einer Ampel, im Stau, auf dem Highway, auf der Überholspur: SMS schreiben gehört zum Alltag.

Kein Wunder also, dass die Amis selten Pause machen. Auch nicht, wenn sie rasch telefonieren oder eine SMS schreiben müssen. Es ist jedes Jahr wieder erschreckend, zu beobachten, wie viele Leute ihre Hände auf ihrem Smartphone und nicht am Steuer haben. Egal ob vor einer Ampel, im Stau, auf dem Highway, auf der Überholspur: SMS schreiben gehört zum Alltag.

 

Natürlich wäre es jetzt anmassend, zu behaupten, dass nur in den USA die Leute während der Fahrt ihre Nachrichten und Facebook-Postings checken und ihren Liebsten zurückschreiben. Und doch fällt auf: Das macht hier wirklich praktisch jeder. Ich habe dieses Jahr speziell darauf geachtet, und egal ob Mann, Frau, weiss, schwarz, alt oder jung: Alle glotzen sie während der Fahrt auf ihr Handy und tippen. Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass neben der üblichen Werbung für Glücksspiele, saftige Steaks und Burgers immer wieder Plakate auftauchen, die genau auf dieses Problem hinweisen:

 

Donʼt text and drive. It can wait.

 

Dieser Slogan, inklusive Logos der verschiedenen amerikanischen Telekomfirmen, begleitete uns während der ganzen Reise. Wie viel es bringt? Ich weiss es nicht.

 

Ich gebʼs zu. Ich war früher während des Fahrens auch ab und zu abgelenkt, habe mal aufs Handy geguckt, einen Song gesucht oder ein «Ja, ok» zurückgeschrieben.

Eine Sekunde nicht aufgepasst, eine Nachricht geschickt, die auch hätte warten können, und dabei drei Leben ausgelöscht.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich per Zufall die Dokumentation «From One Second to the Next» gesehen habe, die von den grössten amerikanischen Mobilfunkbetreibern produziert wurde. Ein eindrücklicher Film, welcher Opfer wie auch Täter zu Wort kommen lässt.

 

Ein Mann zum Beispiel, der während seiner Autofahrt nur kurz «I love you» in sein Handy tippte und dabei eine Kutsche mit fünf Menschen streifte. Alle drei Amish-Kinder, die in der Kutsche hinter ihren Eltern sassen, starben auf der Stelle. Eine Sekunde nicht aufgepasst, eine Nachricht geschickt, die auch hätte warten können, und dabei drei Leben ausgelöscht.

 

Seit dieser Dokumentation habe ich nie mehr während der Fahrt irgendeine SMS in mein Handy getippt. Vielleicht sollten mehr Menschen diesen Film sehen, mit der Botschaft, die mein Verhalten definitiv verändert hat:

 

«Things can happen so quick that will change your life forever – Donʼt text and drive. It can wait.»

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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