Kolumne

«Hallo Dr. Google, was hab ich bloss?»

Kathrin Buholzer, 18. Februar 2016

Da ein entzündeter Zehennagel, hier ein merkwürdiger roter Fleck am Arm, ein Stechen in der Brust, ein Ausschlag am Ohr der Kinderlein, ein stechender Husten oder ein starker Schmerz beim Schlucken.

 

Fühlt man sich krank oder entdeckt etwas Beunruhigendes an seinem Körper, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Man kann mal einfach nur abwarten, am nächsten Tag zum Arzt gehen, beim medizinischen Notfalltelefon anrufen oder aber, was heutzutage sehr populär ist: Man spielt selber ein bisschen Detektiv und fragt den allseits bekannten und beliebten und nie um eine Antwort verlegenen: Doktor Google.

 

 

 

 

Kaum hat man die Frage oben ins Suchfeld geschrieben, spuckt der auch schon seine Antworten und die Bilder aus, die seiner Meinung nach zum Suchbegriff passen. Die Diagnosen sind vielfältig. Von Lungenentzündung über weissen Hautkrebs, chronisches Asthma, Neurodermitis bis zu Herzrhythmusstörungen: Alles ist dabei. Auch die Bilder versprechen meistens so einiges. Wenn einem nicht grad schlecht wird davon, dann hat man nachher auf jeden Fall mindestens ein sehr ungutes Gefühl im Bauch.

«Schau mal, diese Frucht ist gut bei Krebs.» Oder:
«Er muss nur das Salz weglassen, dann wird er wieder gesund.»

Jeder kann heute also ein bisschen Arzt spielen, und eigentlich ist das ja ganz praktisch. Man bekommt nicht nur die kostenlose Diagnose geliefert, sondern die Behandlungstipps auch noch gleich dazu:


«Zahnpasta drauf.»
«Mit Schwarztee ausspülen.»
«Unbedingt kühlen.»
«Jaaa nicht kühlen, warm halten.»
«Mit Quark einschmieren.»
«Quark ist ganz schlecht, nehmt lieber Honig.»

Nicht selten bekommt man auch noch gleich ganz tolle Medikamentenvorschläge mit Link oder Angeboten, wo man diese beziehen kann: «Meine Freundin hat noch eine Packung der Tabletten, die sie nicht mehr braucht. Ich frag sie mal, ob sie diese verkaufen will.»

 

 

«Gut gegen Krebs»: Das Internet kennt die Mittelchen. Quelle: youtube/EinFallfuerAlles

 

 

Ganz populär sind Gesundheitsfragen auch in Elternforen und in Facebook-Mamagruppen: Ein nässender Ausschlag, ein entzündetes Auge, ein roter Fleck – es wird gepostet, was das Zeug hält. Immer mit der Frage: «Ich weiss, ihr seid keine Ärzte, aber kennt das jemand? Hat das euer Kind auch schon gehabt? Was könnte das sein?»
 
Dann wird munter drauflosdiagnostiziert, oft auch einfach nur gerätselt oder Screenshots von irgendwelchen Medizinseiten eingefügt. Immer wieder finden auch Links von dubiosen Webseiten mit den verschiedensten Verschwörungstheorien den Weg in die Online-Communities. 

 

Bei kleineren Wehwehchen ist ja gegen das Googeln und das Einsetzen von Hausmittelchen überhaupt nix einzuwenden. Aber die Grenzen sind fliessend, und als Laie ist es manchmal schwierig abzuschätzen, wann man die «Honig-Quark-Schwarztee»-Kur abbrechen und doch schnell zum Arzt fahren sollte. Nutzt man die gegoogelten Informationen für sich selber, ist das ja noch so halbwegs vertretbar, verteilt man sie aber grosszügig an andere, dann kann es schon mal gefährlich werden.
 
Trotzdem wird im Netz munter weiter recherchiert, gepostet und anschliessend diagnostiziert. Das führt dann manchmal sogar so weit, dass zuerst die Community gefragt, bevor Erste Hilfe geleistet wird: «Mein Kind ist grad vom Wickeltisch gefallen. Was würdet ihr tun?»

 

Meistens kann man da einfach nur noch den Kopf schütteln ...  

 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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