Kolumne: Kathrin Buholzer

Nur noch eine winzig kleine Frage ...

Kathrin Buholzer, 16. August 2016

Bevor ich beginne, blenden wir zuerst einmal ein paar Jährchen zurück: Ungefähr zehn Jahre, in die Zeit, als unsere Mädels noch lustige Kleinkinder waren. Stellt euch vor, die Sommerferien hätten gerade erst begonnen und wir wären auf dem Weg in unseren Campingurlaub ans Meer. Mit gefühlten drei Tonnen Gepäck düsten wir damals der Sonne und dem Strand entgegen.

 

Im Auto war einfach alles verstaut, was es zum Überleben mit drei- und vierjährigen Kindern so brauchte: aufblasbare Sitzkissen, zusammensetzbare Hochstühle, Spielteppiche und 125 verschiedene Spielzeugautos, ebenso viele Prinzessinnenfiguren aus Plastik (inklusive allen Abendkleidern, Handtaschen und Schuhen, in der Grösse eines Fingernagels), Trinkflaschen, Erste-Hilfe-Koffer (wir waren auf alle schlimmen Situationen und Krankheiten vorbereitet), Strandzelt und Badetücher in allen Variationen.

Der halbe Haushalt, den man in den Kofferraum und in die Dachbox gemurkst hat, muss ausgeräumt und danach das Zelt bei brütender Hitze aufgestellt werden.

 

Mit dabei waren auch 21 Ikea-Taschen, aufblasbare Planschbecken, Kisten voller Spielsachen, Schaufeln und Eimer in allen Farben und Grössen, Plüschtiere und Sabberlätzchen, sieben Tuben der allerteuersten Kindersonnencreme, Bilderbücher, Haarspangen, Regenkleidung (die wir nie, aber auch wirklich nie gebraucht haben), Zaubertafeln, Zeichnungsblöcke, Malfarben (gaaanz viele Malfarben), Musikdosen und 1000 andere überlebenswichtige Dinge, die man mit Kindern halt so braucht.

 

Wir haben uns Spiele und Beschäftigungen für die Reise überlegt und uns natürlich auch ein paar schlaue Antworten ausgedacht, falls nach drei Minuten Fahrt bereits die Frage kam:

 

«Mama, Papa? Wann sind wir dort?»  

 

Wer schon einmal Zelten war, der weiss, dass sich so ein Zelt (inklusive Inneneinrichtung) nicht in einer Viertelstunde aufstellen lässt. Der halbe Haushalt, den man hinten in den Kofferraum und in die Dachbox gemurkst hat, muss zuerst ausgeräumt und danach das Zelt bei brütender Hitze aufgestellt werden. Dazu muss man irgendwie auch noch die Kinder bespassen, damit die nicht rumquengeln oder vor Langeweile zum Nachbar ins Zelt rennen.

Nach der Ankunft auf dem Campingplatz wollten unsere Kids immer alles erkunden und alles wissen.

Das heisst, man überlegt sich eine sehr, sehr spannende Beschäftigung, gibt ihnen etwas ganz Leckeres zu Essen oder versucht sie zum Schlafen zu bringen. Eine wahrlich grosse Herausforderung. Nicht selten führt deshalb diese Zelt-Aufstellerei mit Kleinkindern zu grösseren Ehestreits.

 

Nach der Ankunft auf dem Campingplatz wollten unsere Kids immer alles erkunden und vor allem: alles wissen. Hier ein kleiner Auszug aus ihrem Fragekatalog von damals:

 

Hat es viel Sand und ist er heiss? Wo sind die Toiletten und hat’s dort auch WC-Papier?

 

Gibt es einen Glacéstand und haben die auch Stracciatella-Eis?

 

Wie heisst die Frau im roten Bikini und warum schreit dieses Mädchen so laut?

 

Kann ich hier und jetzt meine Legokiste ausleeren?

 

Wo ist das Restaurant und gibt es dort Chicken Nuggets mit Pommes?

 

Warum ist der Mann am Rücken so rot?

 

Kann ich meine Prinzessinnen-Figuren hier im Sand vergraben?

 

Warum ist das Zelt noch nicht aufgestellt?

 

Wo ist der Pool und gehen wir JETZT gleich, SOFORT?

 

Kann ich jetzt meine Schwimmflügel anziehen?

 

Wo können wir schlafen und warum hat die Luftmatratze keine Luft?

 

Kann ich meine Arielle-Barbie mit ins Meer nehmen und muss ich sie nachher auch eincremen?

Bei der Ankunft auf dem Campingplatz stellen sie heute nur noch eine einzige Frage.

Unzählige Fragen, die wir als Eltern nicht immer mit gleich viel Nerven und Elan beantworten konnten. Und doch war ich immer wieder erstaunt, was sie alles wissen wollten und dass eben genau diese Fragen für sie wichtig waren. 

 

Zurück in die Gegenwart – wir schreiben das Jahr 2016.

 

Die Kinderlein sind jetzt Teenies, mögen lieber Snapchat als Arielle, ziehen keine Schwimmflügel mehr an, sondern Adidas «Superstars» und hören am Liebsten den ganzen Tag «21 Pilot» und «Ariana Grande».

 

Und bei der Ankunft auf dem Campingplatz stellen sie nur noch eine einzige Frage:

 

 

«Hat’s hier Wifi?»

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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