Kolumne

Vom elterlichen Fotografierwahn

Kathrin Buholzer, 23. Dezember 2015

Seid ihr auch Foto-Junkies? Knipst ihr auch ständig und immer und überall mit eurem Smartphönchen in der Gegend herum? Gerade Eltern scheinen dem Fotografierwahn regelrecht verfallen zu sein: bei der Kindergartenaufführung, wenn das Kind als Blume einen Purzelbaum macht. Beim MuKi-Bräteln, wenn das Kind in den gebratenen Apfel beisst, im Schwimmkurs, beim Kindergeburtstagsfest, im Wald, im Kinderwagen, bei der Samichlaus-Dampfbahnfahrt. Beim Mandarinli-Essen, beim Schlitteln, beim Schneemannbauen.

 

Wir knipsen, wenn das Kind isst oder hustet, trotzt oder sich freut, wenn es schläft oder rote Backen vom Zahnen hat. Wir fotografieren die Bügelperlen-Bilder, die Plüschtierversammlung im Kinderzimmer, die ersten Runden ohne Stützräder, die Freudentränen und Trotzgesichter.  Kurz und gut: Nichts ist vor uns und unseren Smartphones sicher. Wir klicken uns ständig an den Rand des vollen Speichers.
 
Ich habe mal ein paar aus Elternsicht wichtige Fotosujets zusammengestellt:

 

 

Kindergeburtstage

 

Immer wieder herzig. Das Kind mit roten Wangen, wie es sich mit beiden Händen am Tisch abstützt und versucht, ganz angestrengt die Kerzen auszupusten. Unzählige Male knipst man das Geburtstagskind. Und wie jedes Jahr hat es bei allen 28 Fotos entweder die Augen zu, oder es ist gar nicht mehr auf dem Foto, weil es bereits wieder vom Tisch verschwunden ist.

 

 

Sportliche Ereignisse

 

Egal, ob es die erste Kurve auf den Skis oder den Schlittschuhen ist, die erste Runde mit dem Bobbycar, mit dem Fahrrad oder der erste Einsatz auf dem Fussballplatz. Jeder noch so kleine sportliche Höhepunkt wird verewigt. Meistens braucht es dazu grosse Überredungskünste, weil das Kind ausgerechnet dann, wenn wir abdrücken wollen, grad total frustriert am Boden liegt und überhaupt gar keine Lust hat, sich fotografieren zu lassen.

 

 

Bei Kinderaufführungen können sich Eltern mit der Knipserei kaum zurückhalten.

 

 

Aufführungen


Egal, ob Räbeliechtli-Umzug, Kindergartenzirkus, Frühlingsfest, ein Konzert der Schülerband, eine Blockflöten- oder Klaviervortragsübung: Mutti und Vati sind mit der Foto- oder Videokamera immer voll im Einsatz.

 

 

Screenshots


Auch hier ist die Palette unerschöpflich: Screenshots von Artikeln über schädliche Tragehilfen, über angebliche Impfschäden, über Arsen in Reiswaffeln oder lustige Mamasprüche. Bilder von Windel-Sonderangeboten, Spielzeug-Rabatt-Tagen, Rückrufaktionen von Babybrei, Kinderkleidern oder Nachttischlämpchen.  
 
Wer viele solcher nützlichen Fotos vorweisen kann und die dann auch regelmässig in den verschiedenen Mamagruppen postet, der hat Likes und nette Kommentare auf sicher. Und nicht vergessen: Kerzen! Wer viel in sozialen Netzwerken unterwegs ist, der kann ohne Kerzenbilder kaum ein vorbildliches Online-Dasein fristen. Screenshots von Kerzen sind ein MUSS. Einfach ein paar besonders berührende Exemplare heraussuchen und per Screenshot aufs Handy befördern. So wird garantiert jedes R.I.P. für verstorbene Künstler (auch wenn man sie gar nicht gekannt hat) ein Hit.

 

 

Morgen- oder Abendrot, Berge, Sonnenauf- und -untergänge


Jedes Mal knipst man sie wieder. Auch wenn man sie bereits 324-mal in den letzten 15 Jahren geknipst hat. Sie sind einfach wunderschön – irgendwie magisch. Sie erfreuen unser Herz und machen sich ebenfalls gut auf Facebook und Co. Man kann nie genug Morgen- oder Abendrot, Berge, Sonnenauf- oder -untergänge auf seinem Handy haben. Auf jeden Fall viiiel besser als Vollmondbilder. Die werden nämlich mit dem Smartphone nie gut und sehen immer scheisse aus. Immer.


Selfies


Selfies sind immer wichtig. Am besten fürs Foto auf den Rücken liegen. Dann sieht man frischer und jünger aus. Und man kann damit alle seine Freunde verblüffen und so tun, als hätte man jeden Tag mit den Kindern immer ganz prima im Griff.


Konzertbilder


Bilder von Konzerten sind auch sehr beliebt. WENN man denn schon mal wieder aus dem Haus kommt, dann muss man das ja bitteschön auch fotografisch festhalten. Egal, ob man in der vierthintersten Reihe sitzt, die Arena stockdunkel ist und der Typ vor einem ständig seinen Wuschelkopf vor der Linse hat. «DAS hier vorne wäre Madonna. Man sieht sie nicht sooo gut. Aber sie ist es.» Und deshalb ist es gut, wenn man sie mindestens 58-mal fotografiert hat.
 
Und so knipsen und fotografieren wir mit unseren Smartphönchen fröhlich weiter. So lange, bis wir mal wieder unsere Apps updaten oder ein Backup machen wollen und dann auf dem Bildschirm so was in der Art erscheint:  
 
«Hey Sie! Der Speicher ist fast voll. Löschen Sie mal Ihre 324 Sonnenuntergänge, Konzertbilder und die 120 gleichen Bilder Ihrer schlafenden Kinder. Sie sind ja nicht ganz bei Trost: Kein Mensch braucht 8934 Fotos auf seinem Smartphone.»
 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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