Kathrin Buholzer: Illustration Mädchen sitzt im Zimmer

Kolumne: Kathrin Buholzer

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Kathrin Buholzer über Eltern, die ihren Kindern genau das predigen, was sie selbst in ihrer Kindheit immer genervt hat.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 31. Januar 2017

Hach ja. Was sind wir Eltern doch für lustige Gestalten. Stets haben wir einen pädagogischen Spruch auf den Lippen. Nicht selten glauben wir, alles besser zu wissen, und ausserdem haben wir auch noch die Gabe, im ungünstigsten Moment das Unnötigste zu unserem Nachwuchs zu sagen. Nämlich irgendeinen Satz, der genau GAR NICHTS bringt und der, vor allem wenn man Teenies hat, einfach nur nervt und für Krach und Ärger sorgt.

Wir Eltern lamentieren, kommentieren und predigen Dinge, die eigentlich gar nicht sooo schlimm wären.

Wenn die Kinder älter werden, sollten wir eigentlich eher etwas zurückstehen und nicht immer alles, was sie tun, kommentieren. Doch genau dann legen wir oft so richtig los. Wir lamentieren, kommentieren und predigen Dinge, die eigentlich gar nicht sooo schlimm wären und auch gar keine so grosse Aufmerksamkeit verdient hätten.

 

Dabei gucken wir dann immer ganz streng und ungläubig und tun so, als wären unsere Kinder die einzigen Wesen auf der ganzen Welt, die dieses oder jenes Verhalten an den Tag legen. Dabei ist es das überhaupt nicht so. Tauscht man sich mit anderen Eltern aus, merkt man schnell, dass es in jeder Familie ein bisschen ähnlich zu und hergeht.

 

Und nicht nur das.

Wenn wir nämlich mal tiiiieeef Luft holen und uns an unsere eigene Kinder- und Teeniezeit erinnern, dann wissen wir ganz genau, dass unsere Eltern genau die Dinge zu uns gesagt haben, die wir jetzt unseren eigenen Kindern ständig um die Ohren hauen.

 

«Du weisst schon, dass es für die Nieren nicht gut ist, wenn man mit diesen kurzen Pullis herumläuft?»

«Waaas? Du gehst ohne Jacke? Auch wenn du noch einen zweiten Pullover darüber anziehst, ist das einfach zu kalt.»

«Ich fände es schon schön, wenn du nicht immer gleich ins Zimmer verschwinden würdest.»

«Du brauchst einfach deinen Schlaf. Es ist nicht gut, wenn man in deinem Alter immer noch so lange wach bleibt.»

«Was bringt dir ein Spickzettel? Und wenn dich der Lehrer erwischt?»

«Stundenlang im Chat und am Telefon rumhängen? Muss das sein? Musst du nicht Hausaufgaben machen? Warum trefft ihr euch nicht einfach? Jetzt habt ihr euch doch gerade erst gesehen.»

«Ich fände es schon schön, wenn du nicht immer gleich ins Zimmer verschwinden würdest.»

«Jetzt liegt der Staubsauger immer noch hier? Du hast gesagt, dass du dein Zimmer noch aufräumst und putzt.»

«Der Lehrer wird schon wissen, was er tut.»

«Wie lange weisst du das jetzt schon mit dem Vortrag? Warum hast du denn nicht früher damit angefangen? Immer machst alles in der letzten Sekunde, das ist echt mühsam.»


«Pack doch deine Sachen einfach am Abend schon ein, dann hast du am Morgen nicht immer diesen Stress.»

«Essen im Zimmer, das finde ich einfach unmöglich. Und mach doch wenigstens bei deinen Kosmetikprodukten den Deckel zu. Das gibt sonst eine Riesensauerei, wenn das ausleert.»

«Jetzt liegt der Staubsauger immer noch hier? Du hast gesagt, dass du dein Zimmer noch aufräumst und putzt.»

«Siehst du, jetzt hustest du wieder. Ich sag’s dir jeden Tag, dass du mit diesen kurzen Pullis krank wirst.»

 

Kennt ihr oder?

Jedes Mal, wenn ich eine Moralpredigt abgeschlossen habe, denk ich immer still und leise: «Ööööhhhmmm. Ja, ja die Jacke. Hab ich auch nie angezogen. Meine Nieren waren auch meistens nicht sehr warm eingepackt. Statt Hausaufgaben zu machen hab ich ständig Bücher gelesen (Handys gab’s ja noch keine, sonst hätt ich bestimmt auch ständig gechattet).

Telefoniert hab ich auch immer stundenlang. Auch wenn ich meine Freundin den ganzen Tag in der Schule gesehen habe.

 

Für Vorträge und Prüfungen hab ich immer in allerletzter Sekunde gelernt. Manchmal bis tief in die Nacht.

In meinem Zimmer? Ja, dort war ich als Teenie sehr oft. Mehr als im Wohnzimmer ...

 

Für Vorträge und Prüfungen hab ich immer in allerletzter Sekunde gelernt. Manchmal bis tief in die Nacht. Und manchmal musste ich mich am nächsten Morgen sogar krank stellen, weil es einfach nicht mehr gereicht hat, alles fertig zu machen.

Und einmal hab ich ein ganzes Fläschchen Arnika-Massageöl auf meinem Zimmerteppich ausgeleert.

Ich war Meisterin im «Am Morgen früh durch die ganze Wohnung rennen und hysterisch mein Physikbuch oder meine Turnsachen suchen...».

Gegessen hab ich in meinem Zimmer auch immer heimlich. Schoggipopcorn waren meine Favoriten. Und einmal hab ich ein ganzes Fläschchen Arnika-Massageöl auf meinem Zimmerteppich ausgeleert.


Der Deckel war nicht drauf. Dummerweise.

 

 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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