Kolumne: Kathrin Buholzer

«Liebe Grüsse aus den Ferien»

Lieber Ferienerinnerungen im Nachhinein erzählen als in Echtzeit auf Facebook posten: Für Kolumnistin Kathrin Buholzer ist Medienerziehung auch in den Ferien wichtig.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 15. August 2017

Früher, als wir in die Ferien gefahren sind, haben wir uns jeweils filmreif von unseren liebsten Freundinnen und Kollegen verabschiedet, denn wir wussten: Das ist ein Abschied für mindestens zwei Wochen.

 

Zwei Wochen, in denen man keinen Kontakt mit den Freunden hatte, nicht wusste, an welchen Stränden, in welchen Hotels oder Campingplätzen sie sich die Zeit vertrieben. Es gab keine Fotos vom Frühstücksbuffet, vom Pool, vom neuen Bikini oder vom Tomaten-Mozzarella-Salat.

 

Wurde jemand krank, von einer Qualle gestochen oder verliebte sich in den Jungen aus dem Nachbarszelt, erfuhr man das erst in langen Gesprächen nach der Rückkehr. Gespräche, die jeweils bis tief in die Nacht dauerten, weil wir ja nichts mitbekamen und nach den Ferien sooo viel zu bequatschen hatten.

 

Und hatte man dann alles bis ins kleinste Detail erzählt und erläutert, kam dann fünf Tage später noch die Ferienpostkarte, die in vier Sätzen alles, was man ja schon wusste, nochmals festhielt: «Sind gut in Frankreich angekommen. Der Strand ist super, gestern hatte es viele Quallen. Es ist heiss und morgen machen wir mit einem Boot einen kleinen Ausflug. Liebe Grüsse aus den Ferien.»

Wenn heutzutage die Ferien starten, ist man über alle Schritte seiner Freunde informiert. Per WhatsApp erfährt man, wann sie losfahren, wann sie Pause machen, wann sie essen und was sie essen.

Fotos vom Strand, von den leckeren Pizzas, vom Muschelstrand, die sah man jeweils nur von den allerbesten Freunden. Die Ferienbilder von Benni aus der fünften, von Anna aus der siebten Klasse, von Familie A. aus der Belpbergstrasse, die bekam man nie zu Gesicht ­- und irgendwie war das auch nicht so schlimm.

 

Wenn heutzutage die Ferien starten, ist man praktisch über alle Schritte seiner Bekannten, Freunde und Familienmitglieder informiert. Per WhatsApp erfährt man wann sie losfahren: «Fahren los!», wenn sie Pause machen: «Machen Pause!», wann sie essen und was: «Wir essen jetzt einen kleinen Salat», wie die Hotelanlage aussieht und wie viele Sonnenschirme es am Strand hat.


Auf Instagram werden täglich die Bilder vom Frühstücksmüesli, vom kristallklaren Meerwasser und den wunderschönen Sonnenuntergängen gepostet. Auf Facebook gibt’s die Bilder von den Hitzepickeln der Kinderlein mit der Frage «Unser Schnucki sieht seit Tagen so aus. Was könnte das bloss sein, vielleicht Hitzepickel? Kennt das jemand?»


Und auf Snapchat, sieht man dann die «Duckfaces» mit lustigen Sonnenbrillen oder Hundenasen, und in den Snapstories sehen die Kids, was ihre Freunde im In- und Ausland gerade so Lustiges treiben.
Hat’s kein Wifi, ziehen sie die Teenager-Schnute. Und hat es Wifi, ist es so langsam, dass sie ebenfalls eine Schnute ziehen.

Natürlich kann man dieser Bilder- und Kommunikationsflut in den Ferien etwas ausweichen. Oder besser gesagt: Man könnte, indem man einfach sein Handy ein paar Tage ausschaltet oder sich darauf lediglich die Wetterprognosen anschaut.

 

Aber ihr wisst es selber: Das ist wahrlich eine grosse Herausforderung. Bei uns Erwachsenen klappt das vielleicht ab und zu sogar für ein paar Stündchen, oder auch mal für zwei Tage. Doch bei unseren Kids und Teenagern ist das praktisch unmöglich. Hat’s kein Wifi, ziehen sie die Teenager-Schnute. Und hat es Wifi, ist es so langsam, dass sie ebenfalls eine Schnute ziehen.


Wer noch kleine Kinder hat, der wird das kaum verstehen und nachvollziehen können. Die Flämmchen müssen gepflegt, die Snapstories aktualisiert werden und im WhatsApp-Chat muss jeder Bescheid wissen, an welchem Strand man gerade sitzt.

 

So gross die Freude über den regelmässigen Kontakt mit den Freunden auch ist, so gross ist manchmal auch der Frust. Vor allem dann, wenn die Freundeschar zu Hause geblieben ist und sie Bilder von lustigen Grillabenden oder Übernachtungspartys postet. Früher hat man das alles nicht mitbekommen. Heute kann man alles schön vor der Linse platzieren und damit ein bisschen zeigen: «Hey! Schaut alle her, wir haben Spass zusammen und wer nicht dabei ist, der verpasst definitiv etwas. Loser!»


Für Kinder und Teenager ist das alles ganz besonders schwierig. Vor allem dann, wenn knapp 18-jährige YouTuber und Instagram-Stars, sich ständig in irgendwelchen Luxusresorts räkeln und gesponserte Produkte in die Kameras halten. Unsere Kids haben dann schnell mal das Gefühl: «Das ist das wahre Leben. So was möchte ich auch!»

Irgendwie wäre es toll, wenn wir uns nach den Ferien wieder etwas mehr zu erzählen hätten und nicht immer sagen müssten: «Ah ja, das hab ich schon auf Facebook und auf Instagram gesehen. Und dieses Bild hast du mir schon per WhatsApp geschickt.»

Dass alles nur inszeniert ist, eine Menge Geld dabei fliesst und es nur noch darum geht, ein Produkt, ein Resort, eine Marke zu promoten, merken die Wenigsten. Die meisten Influencer versäumen es nämlich immer noch, ihre Werbe-Postings ausreichend zu kennzeichnen.

Das alles in den richtigen Kontext einzuordnen, ist sogar für uns Erwachsene manchmal nicht ganz einfach. Man bekommt schnell mal das Gefühl, dass die Anderen immer mehr hätten, mehr bekommen, sich mehr leisten können und einfach ein besseres Leben führen. Es ist die Menge der vielen Bilder, die wir sehen, die uns sowas fühlen lässt.

Und da sind wir als Eltern gefragt: Medienerziehung muss also sogar in den Ferien stattfinden. Zu viele Bilder und Eindrücke vom Leben Anderer können nämlich frustrieren, die Ferien verderben oder auch längere Sicht sogar depressiv machen. Da müssen wir bei unseren Kindern besonders gut hinschauen. Diese «heile Welt» immer wieder hinterfragen, kritisch sein und mit ihnen immer mal wieder diskutieren, ob man dies oder jenes denn jetzt wirklich online stellen muss. Nicht jeder Tomatensalat, jeder Sandstrand, jeder Wespenstich muss gepostet werden.

Irgendwie wäre es auch toll, wenn wir uns alle nach den Ferien wieder etwas mehr zu erzählen hätten und nicht immer sagen müssten: «Ah ja, das hab ich schon auf Facebook und auf Instagram gesehen. Und dieses Bild hast du mir schon per WhatsApp geschickt.»

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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