Kolumne: Kathrin Buholzer

«Hilfe! Wer rettet meine Flämmchen?»

Kathrin Buholzer erklärt, warum manche Jugendliche in Panik geraten, wenn sie am Ferienort auf WiFi verzichten sollen.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 22. Juni 2017

Erinnert ihr euch noch an das Tamagotchi? Dieses kleine, farbige Teil, das aussah wie ein Ei und in den 90ern in fast jeder Hosen- oder Schultasche steckte? Mit nervigem Gepiepse machte das virtuelle Küken ständig auf sich aufmerksam, weil es Essen, Trinken, Schlaf oder Streicheleinheiten brauchte. Kümmerte man sich nicht genügend um das kleine Wesen, wurde es böse, krank oder es starb – was irgendwie auch nicht so schlimm war ...

 

Das Plastik-Ei wurde innert weniger Monate zum Kult, der allerdings recht kurzlebig war. Soweit ich mich erinnere, war es das erste Mal, dass ein Spiel plötzlich Einfluss auf unseren Alltag nahm. Ständig musste man sich vergewissern, dass es dem Pseudo-Küken gut ging. Man musste sich immer wieder mit ihm und dem Spiel beschäftigen.

Die Idee, dass User sich um etwas oder um jemanden kümmern müssen, so dass sich eine Sucht entwickelt, ist also nicht neu.

Können wir jetzt nicht mal mehr in die Ferien verreisen, weil wir irgendwelche Flämmchen retten müssen?

Warum ich euch davon erzähle? Geht ihr vielleicht demnächst in die Ferien und hat euer Nachwuchs schon sorgenvoll die Stirn gerunzelt? Nicht etwa, weil ihm die Unterkunft nicht gefällt oder der Weg zum Strand zu lang ist, sondern, weil sich die Kids Sorgen um die WiFi-Verbindung machen?
Nicht? Dann habt ihr Glück gehabt oder ihr könnt euch jetzt schon auf folgende Diskussion freuen:

 

Tochter: «Ehm, Mama, hat’s dort in den Ferien WiFi?»
Mutter: «Ich weiss nicht, mein Schatz. Und wenn, du wirst es wohl mal ein paar Tage ohne aushalten.»
Tochter: «Ohne? DAS ist jetzt aber nicht dein Ernst? Dann komm ich nicht mit. Vergiss es!»
Mutter: «Jetzt benimmst du dich aber total doof. Warum kannst du nicht einfach mal ein paar Tage ohne ein blödes WiFi sein?»
Tochter: «Weil ich sonst meine Flämmchen verliere!»

 

«Flämmchen? Welche Flämmchen?! Was meint mein Kind mit Flämmchen? Und warum wird es die verlieren? Und warum ist das schlimm? Und was passiert hier eigentlich gerade?»

 

Genau das hab ich mir auch gedacht, als ich das erste Mal diese Flämmchen-Story gehört habe. Und ich bin wahrlich nicht die Einzige, wie ich aus zahlreichen Gesprächen mit Eltern feststellen musste. Können wir jetzt nicht mal mehr in die Ferien verreisen, weil wir irgendwelche Flämmchen retten müssen?

Nein. Man muss nicht alles verstehen, was Teenies tun, was sie toll, lustig oder cool finden.

Es geht, wie ihr vielleicht schon erahnen könnt, um Snapchat, eine der beliebtesten Messenger-Apps bei Kindern und Jugendlichen. Und falls ihr jetzt keine Ahnung habt, wovon ich hier rede, erkläre ich euch die Sache ganz kurz: Snapchat möchte natürlich seine Schäfchen dazu ermuntern, regelmässig ganz viele Bilder oder Videos – sogenannte Snaps – zu verschicken. (Ja, so ein bisschen wie SMS schicken, aber halt cooler. Aber das dürft ihr niemals sagen, wenn eure Kids in der Nähe sind.)

 

Deshalb wurde vor einiger Zeit der Snap-Streak eingeführt. Je mehr Snaps man mit einer Person in Serie austauscht, umso «wertvoller» ist diese Beziehung. Mehr Snaps in Serie heisst: Hinter dem Namen der jeweiligen Person taucht ein Flammen-Emoji auf, das erst erlischt, wenn man während 24 Stunden nicht zusammen «gesnappt» hat. Je höher die Zahl hinter der Flamme, umso länger dauert der Snap-Streak. Die Freundschaft ist also nicht 0815, sondern ganz besonders wichtig.
Oder so.

Kurz vor den Ferien macht sich in den Kinderzimmern dieser Welt ganz oft leichte bis mittlere Panik breit.

Und? Könnt ihr euch jetzt die Sorgen vieler Jugendlichen vorstellen? Ich ehrlich gesagt auch nicht so recht ...

 

Aber es ist eine Tatsache: Kurz vor den Ferien macht sich in den Kinderzimmern dieser Welt ganz oft leichte bis mittlere Panik breit. Snapchat hat es geschafft, die Kids so an ihre App zu binden, dass sie sich ständig fragen: «Hilfe! Wie schaffe ich es, dass meine Flämmchen mit meiner besten Freundin nicht auslöschen»? Womit wir dann gleich wieder bei der wohl wichtigsten Erkenntnis von Teenie-Eltern wären: Nein. Man muss nicht alles verstehen, was Teenies tun, was sie toll, lustig oder cool finden.

Nein. Der Gründer und CEO von Snapchat hat keine Kinder.

Und doch nervt es mich ein bisschen, dass wir Eltern darauf bedacht sind und ständig darauf aufmerksam gemacht werden, dass unsere Kids doch bitte sehr einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone und den dazugehörigen Apps lernen sollen. Und die Firmen, welche die Apps lancieren, tun genau das Gegenteil. Sie suggerieren nämlich unserem Nachwuchs: «Hey, ihr müsst noch mehr, noch länger, noch exzessiver online sein als ihr es eh schon seid. Ihr müsst mehr säen, mehr pflanzen und ernten, mehr Diamanten und eben: Mehr Flämmchen sammeln.»

 

Ein Dialog ist hier auch hier wieder unumgänglich – und zwar über den Sinn von solchen Flämmchen und dass man unter keinen Umständen sein Passwort weitergeben darf. Denn auf diese Idee kommen viele Kinder nämlich als Erstes: «Meine Freundin loggt sich mit meinem Account ein, schickt dann einfach in meinem Namen Snaps, damit eben diese Flammen zwischen mir und meinen Freunden und Kollegen nicht auslöschen.»
Himmel nochmal!

 

Und falls ihr euch fragt:
Nein.

Der Gründer und CEO von Snapchat hat keine Kinder.
Er ist erst 27.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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