Kathrin Buholzer: Illustration Mädchen sitzt im Zimmer

Kolumne: Kathrin Buholzer

Früher war alles besser

Für Kathrin Buholzer erschweren digitale Medien die Erziehung. Viele Eltern fühlen sich damit überfordert...

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 14. Februar 2017

Habt ihr jetzt auch grad den Kopf geschüttelt und gedacht: «Nein, natürlich nicht. Was schreibt die Frau da?» Lasst uns doch kurz etwas in die Vergangenheit blicken:


Wisst ihr noch, wie wir uns früher im Auto mit diesen unmöglichen, grossen Karten herumschlagen mussten? Wie wir regelmässig Krach mit dem Autolenker hatten, weil wir einfach nie wussten, wie genau man jetzt diese Karte hält und wie man sie richtig liest?


Wie wir uns tagelang auf die bestellte CD (ja genau, diese runden, silbrigen Dinger) freuten, bis wir unsere Lieblingssongs endlich auf der überdimensional grossen Stereoanlage hören konnten?


Wie wir in stinkenden Telefonkabinen zuerst unser Kleingeld zusammen suchen mussten, nur um rasch zuhause Bescheid zu sagen, dass wir etwas später nach Hause kommen?


Wie wir jeweils mindestens eine Woche warten mussten, bis wir unsere Ferienfotos endlich im Briefkasten hatten – und dann über die Hälfte völlig unscharf war und mit dickem Filzstift durchgestrichen?

Komplizierter und umständlicher war es früher. Aber seit ich selber Kids habe, denke ich manchmal: Aber irgendwie trotzdem einfacher.


Das TV-Gerät, das im Wohnzimmer stand, konnte man einfach ausschalten.


Das TV-Gerät, das im Wohnzimmer stand, konnte man einfach ausschalten. Wenn man eine Information brauchte, musste man sie halt in einem Buch nachschlagen. Man blieb dann aber danach nicht stundenlang in dem Buch hängen, sondern klappte das Ding nach ein paar Minuten wieder zu. Telefonieren, wenn alle zuhören konnten, war irgendwie auch nicht so prickelnd – und vor allem teuer. Die Diskussionen übers Wann, Was, Wo und Wie lange hielten sich in Grenzen.


Heute gibt’s EIN Gerät für all diese Dinge: Das Smartphone ist zwar unglaublich praktisch, aber auch unglaublich anstrengend. Je älter die Kinder werden, desto mehr ist es Segen und Fluch zugleich. Und wisst ihr was? Manchmal bin ich müde.

Müde von diesen Mediendiskussionen mit unseren Kids, den Kontrollen und Konflikten. Müde und auch ein bisschen ausgelaugt. Manchmal möchte ich einfach nichts mehr sagen, nichts mehr hören und wegschauen. Die Regeln einfach Regeln sein lassen. Nichts kontrollieren und nicht nachfragen, welche App denn da nun schon wieder runtergeladen wurde.

 

Das Smartphone ist zwar unglaublich praktisch, aber auch unglaublich anstrengend. Je älter die Kinder werden, desto mehr ist es Segen und Fluch zugleich.


Dann wäre ich auch eine ganz «normale Mutter». Denn «normale Mütter, kontrollieren den Medienkonsum ihrer Kids nicht». Sie lassen sie einfach in Ruhe und sprechen nicht darüber – wie mir unsere Teenie-Girls regelmässig und mit rollenden Augen, erklären. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn diese «aber die Anderen dürfen, das ist ja nicht normal, nur bei uns gibt das so ein Theater»-Nummer kommt. Bei den «Anderen» ist natürlich immer alles viel besser und die Freiheit grenzenlos.

Natürlich gibt es viele Eltern, die ebenso im Gespräch bleiben wie wir, die hinschauen, diskutieren und die Kids in diesem Medien-Dschungel begleiten. Aber leider längst nicht alle. Denn genau dieses Hinschauen ist sehr, sehr anstrengend wie auch ermüdend und es scheint wirklich ein bisschen so, als hätten viele bereits davor kapituliert. Denn das Hinschauen alleine reicht eben nicht. Man muss sich immer wieder mit der Thematik auseinandersetzen und vor allem muss man eine gute Balance finden. Nur Kontrolle und Verbote sind kontraproduktiv.

 

Die Jugendlichen sollen Selbstkompetenz lernen, sie sollen ein Gespür für ihren Medienkonsum entwickeln und merken, wann es zu viel ist. Aber das ist anspruchsvoll und für uns Eltern wahrlich eine Monsteraufgabe. Dazu kommt noch, dass wir Erwachsenen selber oft nicht die besten Vorbilder sind. Und wie sollen sich Jugendliche an unsere Wünsche und Vorstellungen halten, wenn wir genau diese, so oft selber nicht einhalten?

 

Die Jugendlichen sollen Selbstkompetenz lernen, sie sollen ein Gespür für ihren Medienkonsum entwickeln und merken, wann es zu viel ist.


Meine Mutter hat letzthin zu mir gesagt: «Ich bin froh, dass es das alles noch nicht gab, als ihr noch jung wart und ich mich nicht damit herumschlagen musste. Früher, da war doch irgendwie alles ein bisschen einfacher.»

Manchmal hilft es, ein bisschen zu jammern oder eine Kolumne darüber zu schreiben, wie anspruchsvoll Medienerziehung geworden ist. Damit man sich dann wieder zusammenreissen und den Weg, den man gemeinsam eingeschlagen hat, tapfer weitergehen kann.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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