Kolumne

Waaaas, DAS findest du lustig?

Von Kathrin Buholzer, 19. Oktober 2015

 

 

Kennt ihr Günther? Oder Bruno den Kameramann? Wisst ihr vielleicht, wer Richi ist? Und was ist mit Charlie, dem Einhorn? Oder Mögli und sein Baba? Und habt ihr schon mal etwas von Caaaarl gehört?

Falls ihr jetzt nur Bahnhof versteht, dann habt ihr wahrscheinlich keine Kids oder noch ganz kleine oder solche, die noch nicht auf Snapchat, Instagram und WhatsApp unterwegs sind. Denn sonst würdet ihr Günther und Co. garantiert kennen. Ich kenne sie. Noch nicht sehr lange, aber seit einigen Wochen begleiten sie uns. Denn unsere beiden Teenager-Girls finden sie «sooooo lustig» und «voll geil». Die oben genannten Figuren findet man zum Beispiel auf lustigen Facebook-Comedy-Seiten wie Swissmeme, und sie werden von den Teenies in den verschiedenen Gruppenchats hin und her geschickt.

Es sind kleine Sequenzen, zum Teil aus TV-Sendungen oder aus YouTube-Clips, die zu Internet-Hits avanciert sind. Die Protagonisten laden die Clips meist selber auf irgendeine Plattform hoch, ohne zu ahnen, dass sie bald jeder Teenager im Land kennt, teilt und darüber lacht. «Chääs, sooo viel Chääs», «Getrocknete Bananen», «Liebe Honigkuchenpferde» oder «Caaaaarl, was hast du getaaaaaan?» – bei jeder Gelegenheit hören wir im Moment diese Sätze, immer begleitet von einem minutenlangen Gekicher und Gegluckse. «Soooo lustig» ist das eben in den Augen unserer Teenie-Mädels. Wir Erwachsenen schütteln da jeweils nur ungläubig den Kopf.

Woher kennen unsere Kids denn überhaupt all diesen Blödsinn? Haben wir «medientechnisch» gar ein wenig versagt?

DAS soll lustig sein? Hä? Und wo ist die Pointe? Und warum soll man darüber lachen, wenn sich jemand unfreiwillig zum Affen macht? Und wer hat dieses hässliche Einhorn erfunden? Woher kennen unsere Kids denn überhaupt all diesen Blödsinn? Haben wir «medientechnisch» gar ein wenig versagt? Fragen über Fragen, die unsere Kids so beantworten: «Mama. Das kennt im Fall JEDER. Das wird jeden Tag in irgendeinem WhatsApp-Chat gepostet. Das ist im Fall sooooo lustig. Echt jetzt. Aber mach dir keine Sorgen. Das verstehst du nicht, ist nix für Erwachsene.»

Ich hab gewusst, dass einmal der Tag kommen wird, an dem ich gewisse Dinge meiner Kinder nicht mehr ganz verstehen werde. Dass ich über andere Witze lachen, andere Musik gut finden und andere Kleider toll finden werde. Das ist zwar etwas ungewohnt, aber es ist auch gut so und muss so sein. Früher reichten ein bisschen Haargel, ein neonfarbiges Oberteil, eine Lederjacke mit ein paar Fransen und ein Nena-Nietenarmband, und man war totaaaal anders als die eigenen Eltern. Heute ist das etwas schwieriger geworden.

Unsere Kids können sich immer weniger von uns Erwachsenen abgrenzen. Der Unterschied zwischen uns Eltern und den Teenagern ist in den letzten Jahren kleiner geworden. Wir haben die gleichen Handys, bewegen uns auf den gleichen Plattformen, kaufen in den gleichen Online-Shops ein, hören die gleichen iTunes-Charts, schauen die gleichen Serien wie sie. Deshalb ist es für mich durchaus beruhigend, wenn sie sich über Dinge unterhalten und über Videoclips lachen, die ich nicht mehr ganz nachvollziehen kann.

Ich hab mich mit dreizehn über Susi Sorglos und ihren sprechenden Föhn kaputtgelacht. Auch ohne WhatsApp war das in unserer Teenie-Zeit der Knaller. Ich habs natürlich damals auch meinen Eltern vorgespielt. Sie haben ungläubig geguckt und gesagt: «Waaas, DAS findest du lustig?»

 

 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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