Kolumne: Kathrin Buholzer

Handys streng verboten!

Sollen Smartphones in der Schule verboten werden oder nicht? Kolumnistin Kathrin Buholzer über die Vor- und Nachteile eines Handyverbots im Unterricht.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 13. September 2017

«Prima, die Kids sind in der Schule, das Smartphone liegt hier auf dem Wohnzimmertisch – endlich mal wieder ein paar Stündchen, ohne dass sie ständig auf dieses Ding glotzen ...»

 

Falls ihr auch Eltern von kleinen «Smombies» (Smartphone Zombies) seid, dann habt ihr euch das wahrscheinlich auch schon ein paar Mal gedacht, stimmtʼs? Kaum sind die Kids dann aus der Schule zurück, verziehen sie sich sofort aufs Zimmer (oder aufs Klo) und checken ihre 475 WhatsApp-Nachrichten, ihre Insta- und Snapstories und müssen die Flämmchen retten.

Ist es wirklich noch zeitgemäss, das Smartphone aus dem Unterricht auszuschliessen?

Für viele Kids ist die Schule der einzige Ort, an dem das Handy nicht mitdarf oder sie es zumindest nicht benutzen dürfen. Doch diese Regelung fängt jetzt an zu bröckeln. An einigen Schulen sind die Handys im Unterricht jetzt schon erlaubt, an vielen anderen wird im Moment darüber diskutiert, dieses Verbot wieder aufzuheben. Wie viele Eltern auch habe ich am Anfang gerade leer geschluckt:

 

«Waaas? Geeeehtʼs noch? Jetzt bleibt das Handy nicht mal während des Unterrichts aus?», war meine erste Reaktion. Doch nach ein paar Mal tief durchatmen habe ich mir überlegt: «Ist es wirklich noch zeitgemäss, das Smartphone, das kleine, smarte Compüterchen, welches unser aller Leben bestimmt, aus dem Unterricht auszuschliessen? Ist das Smartphone nicht auch in der Erwachsenenwelt schon längst ein Arbeitsinstrument und wird auch dort überall als solches eingesetzt?»

 

Das Smartphone ist schon längst kein reines «Handy» mehr. Telefonieren tun die meisten nur sehr wenig, die Kids praktisch gar nie. Wenn man sie mal anruft, dann hört man nur ein atemloses: «Mach schnell, ich habʼ grad keinen Akku mehr» oder: «Schick mir eine WhatsApp-Nachricht».

Das Smartphone hat unser Leben grundlegend verändert, in fast allem, was wir tun. Bei den einen etwas mehr, bei den anderen (noch) weniger.

Das Smartphone ist: Notizblock, Kalender, Taschenrechner, Fotoapparat, Nachschlagewerk, Aufnahme- und Abspielgerät. Es ist Videokamera, Scanner, Übersetzer, mobiles Lerncenter und ausserdem klein, handlich, jeder kann es bedienen, und es ist sofort einsatzbereit. Smartphones brauchen keinen teuren Support, nur ab und zu ein Update und etwas Strom. Müssten sich nicht gerade die Schulen diese riesigen Vorteile noch mehr zunutze machen, anstatt einfach radikal zu verbieten? Ich gebʼs zu, ich bin noch etwas hin- und hergerissen. Meine totale Ablehnung diesem Szenario gegenüber ist aber in der Zwischenzeit einem «Ja, aber ...» gewichen. Das Smartphone hat unser Leben grundlegend verändert, in fast allem, was wir tun. Bei den einen etwas mehr, bei den anderen (noch) weniger.

 

Einen vernünftigen Smartphone-Umgang zu finden, ist für uns alle eine grosse Herausforderung. Da nehme ich mich nicht davon aus. Alles, was ich meinen Kids tagtäglich predige, könnte ich eigentlich genauso gut vor dem Spiegel aufsagen und mir dabei in die Augen schauen:

 

«Nicht ständig online sein, nicht immer glotzen, nur eine Folge auf Netflix gucken und nicht gleich drei hintereinander, das Ding mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen ausschalten, am Morgen nicht als Erstes auf das Display schauen ...» Alles Dinge, die ich von meinen Kindern eigentlich verlange, nicht zu tun – ich mache sie aber ebenso.

Ich denke, wir werden längerfristig nicht darum herumkommen, die Smartphones im Unterricht zuzulassen. Sie werden sich ihren Platz wahrscheinlich sowieso schleichend erobern, so wie sie es in der Erwachsenen- und in der Arbeitswelt auch bereits getan haben. Wichtig ist, dass wir uns bewusst sind, dass der Umgang damit eine grosse Herausforderung ist und dass Eltern und Lehrer, mit den Kindern, realistische Regeln diskutieren und festlegen. Zum Beispiel, dass man die Handys während des Unterrichts auf lautlos oder in den Flugmodus stellt, dass sie alle (mit dem Bildschirm nach unten) auf dem Pult liegen und in den Pausen im Pult oder in der Tasche verschwinden müssen.

 

Wer Ablenkung vom Unterricht sucht, der findet sie auch. Egal ob mit Schlafen, Quatschen, Zeichnen, Zettelschreiben oder Chatten.

Und was, wenn sich die Schüler trotzdem heimlich WhatsApp-Nachrichten oder Snaps schicken? Dann ist das irgendwie auch nicht so schlimm und gehört halt auch ein bisschen zum Schulunterricht. Oder habt ihr einander früher nie heimlich Zettel geschrieben, lustige Gedichte in die Geschichts- und Reclam-Büchlein gekritzelt oder während des langweiligen Religions- oder Geografie-Unterrichts einen spannenden Krimi gelesen? Ich schon.

 

Wer Ablenkung vom Unterricht sucht, der findet sie auch. Egal ob mit Schlafen, Quatschen, Zeichnen, Zettelschreiben oder Chatten. Schliesslich liegt es vor allem auch an der Lehrperson, wie stark sie die Schüler begeistern und dass sie den Stoff so vermitteln kann, dass sie sich eben nicht so leicht ablenken lassen.  

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

Der Autorin auf Facebook folgen

 

 

 

Nutzungsbedingungen

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.