Kolumne

Happy Snapping

Kathrin Buholzer, 10. Mai 2016

Über eine Milliarde Menschen nutzen Facebook. Sie posten lustige Sprüche, Katzenvideos oder Fotos aus ihrem mehr oder weniger interessanten Leben. Man findet seine Lieblingsstars, manchmal eine verschollene Tante oder sogar seinen Chef. Ja, es gibt sogar Tiere mit einem eigenen Account. Nur die Jugend, die verabschiedet sich langsam aber sicher von Facebook oder meldet sich gar nicht mehr an. Für sie ist Facebook so was von OUT.  

Nichts ist im Moment bei den Jugendlichen so angesagt, wie die App mit dem weissen Gespenst auf gelbem Hintergrund.  

Ihr habt euch vielleicht schon ein paarmal gefragt: Warum bleiben Teenies die ganze Zeit stehen, schiessen Fotos von sich, ihrem Essen oder ihrem Starbucks-Becher, kichern dann und glotzen danach ein paar Minuten auf ihr Smartphone? Ich sag’s euch: Sie posten die Fotos in ihren «Stories» auf Snapchat.

 

 

Snapchat-Filter peppen Selfies auf Knopfdruck auf.

 

 

Nichts ist im Moment bei den Jugendlichen so angesagt, wie die App mit dem weissen Gespenst auf gelbem Hintergrund. Einmal eingeloggt, kann man kostenlos Bilder aus seinem Leben an ausgewählte und bestätigte Freunde verschicken. Die Bilder bleiben aber nur einige Sekunden sichtbar. Hat man die Fotos einmal angeschaut, sind die Bilder weg. Ein «Zeig mal, was war das denn?» kann man sich als Eltern also sparen.

Kein einziger meiner erwachsenen Freunde hat ein Snapchat-Konto.  

Ich habe schon einige Male versucht, die Faszination von Snapchat zu ergründen, bin aber bereits kurz nach dem Einloggen gescheitert. Das war mir alles zu kompliziert, zu unübersichtlich und vor allem: Kein einziger meiner erwachsenen Freunde hat ein Snapchat-Konto. Mit wem willst du deine Geschichten teilen, wenn niemand dabei ist, den du kennst?
Eben.

 

 

 

 

Und vielleicht ist das ja auch gut so. Teenager haben es eh schon ziemlich schwer, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Denn fast alles, was sie kennen und tun, kennen und tun wir Erwachsenen auch. Überall dort, wo sie sich in der digitalen Welt aufhalten, sind wir auch anzutreffen. Und das ist doch ziemlich doof. Wir Erwachsenen könnten eigentlich durchaus einmal eine soziale Plattform unserem Nachwuchs überlassen, ohne dass wir da auch noch ständig auftauchen, liken und followen müssen. Wir wollten als Teenies schliesslich auch nicht mit unseren Eltern in die Disco.

Lustig ist es, wenn man den Mund aufmacht und sich das Gesicht in eine Zombiefratze verwandelt oder man – schwuppdiwupp – einen Regenbogen kotzt.  

Ich habe trotzdem einen Snapchat-Account, den ich allerdings so wenig nutze, dass ich ständig das Passwort vergesse. Ich rede mit unserer 14-jährigen Tochter immer mal wieder darüber, welche Bilder denn eigentlich sinnvoll sind und ich weiss, dass sie nur mit Leuten vernetzt ist, die sie auch wirklich kennt. Sie war es auch, die mir, meinem Mann und einem guten Freund von uns kürzlich die ganze Snapchat-Sache erklärt hat.

 

Oder sagen wir es mal so: Sie hat es versucht. Wir waren anfangs alle sehr aufmerksam, bis sie uns die lustigen Filter gezeigt hat. Kurz in die Kamera glotzen, mit einem Finger auf das Display drücken und dann aufs eigene Bild einen verrückten Hut, einen Polizisten-Schnauz, Hundeohren, oder eine sehr hässliche Brille darüberlegen.

Noch lustiger ist es, wenn man einfach den Mund aufmacht und das eigene Gesicht verwandelt sich im Nu in eine schreckliche Zombiefratze oder in einen Feuerkopf. Oder man kotzt – schwuppdiwupp – einen Regenbogen.

Aber das, finden dann wiederum nur die Erwachsenen zum Totlachen.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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