Kolumne

Moderne Hetzjagd der Online-Mütter

Kathrin Buholzer, 26. Mai 2016

Hand aufs Herz: Beurteilt ihr auch manchmal wildfremde Menschen? Einfach so für einen ganz kurzen Augenblick? Wenn jemand an der Supermarktkasse nur totaaaal ungesundes Zeugs aufs Band legt? Wenn ihr einem völlig ungleichen Paar begegnet oder wenn ihr eine Mutter mit einem kleinen Kind beobachtet, die am Sandkastenrand sitzt und auf ihrem Smartphone herumdrückt?

Mit den vielen sozialen Netzwerken nimmt dieses Beurteilen eine neue Dimension an.

Habt ihr euch da auch schon in ein paar Sekunden eine Meinung gebildet? Ich geb’s zu. Es passiert mir immer mal wieder, dass ich Leute be- und manchmal auch verurteile. Nur weil ich sie sehe, in diesem einen Moment. Natürlich verwerfe ich diese Gedanken jeweils ganz schnell wieder und schäme mich ein bisschen, dass ich mir anmasste, still und heimlich über jemanden zu urteilen.

 

Doch mit den vielen sozialen Netzwerken nimmt dieses Beurteilen eine neue Dimension an. Jeden Tag stolpere ich in irgendeiner Mama-Gruppe, in einem Forum oder auf einer Elternseite über böswillige Unterstellungen und Verurteilungen:

 

«Die Frau, die heute um 16.12 Uhr im 35-er Bus sass, hat ihrem Kind nicht ein einzige Frucht angeboten. Kein Wunder, wenn alle Kinder übergewichtig werden. Ich hätte ihr am liebsten meine Meinung gesagt.»

Es wird gepöbelt, be- und verurteilt und es werden schlaue Supermutti-Tipps zum Besten gegeben. Eine moderne Hetzjagd von Müttern über Mütter.

«Waren heute im Migros-Restaurant. Nur aufs iPhone hat sie geschaut. Typisch für die heutigen Mütter. Lassen ihre Kinder einfach spielen, drücken ständig auf ihren Handys herum und vergnügen sich auf Facebook.»

 

«Das Kind hatte zum Spielen nur neue Kleider an. Voll daneben. Man zieht Kindern doch alte Sachen an, die schmutzig werden dürfen. Hab mich tierisch aufgeregt.»

 

Meistens folgt dann noch eine genaue «Täterinnen-Beschreibung», Ort, Zeit und der genaue Wortlaut. Danach ist die Online-Meute nicht mehr zu halten. Es wird gepöbelt, be- und verurteilt und es werden schlaue Supermutti-Tipps zum Besten gegeben. Eine moderne Hetzjagd von Müttern über Mütter. Ganz öffentlich, ohne Hemmungen und mit vielen Kotz-, Totenkopf oder Wut-Smileys.

Woher nimmt man sich das Recht, andere Mamas öffentlich an den Pranger zu stellen und über sie zu urteilen?

Man kann da wirklich nur noch den Kopf schütteln und sich folgende Fragen stellen:

 

1. Haben Mütter wirklich so viel Zeit, um sich im Internet über andere Mütter aufzuregen?

 

2. Was soll das bringen?

 

3. Woher nimmt man sich das Recht, andere Mamas öffentlich an den Pranger zu stellen und über sie zu urteilen?


In den meisten Fällen ist es nur eine kurze Momentaufnahme. Gut möglich, dass das Kind alle Früchte schon gefuttert hat und man nur sieht, wie das Kind ein paar ungesunde Guetzli mampft. Vielleicht hat die junge Mutter den ganzen Nachmittag mit dem Kind gespielt und war froh, nach dem anstrengenden Einkauf ein paar Minuten Zeit für sich zu haben. Vielleicht hat das Kind in die Hosen gemacht und musste dann die schönen Ersatzkleider, die noch im Auto lagen, anziehen.

Ein anklagender, beleidigender, frecher Facebook-Post muss wirklich nicht sein. Es setzt Mütter unnötig unter Druck.

Wir wissen es nicht! Und auch wenn wir es wüssten: Es geht uns nix an! 

 

Ein anklagender, beleidigender, frecher Facebook-Post muss wirklich nicht sein. Es setzt Mütter unnötig unter Druck. Denn jedes Mal, wenn du mit deinem trotzenden, schreienden Kind im Supermarkt stehst, fühlst du dich noch mehr beobachtet. Dazu musst du jetzt auch noch ständig Angst haben, dass deine Situation vielleicht ein paar Stunden später in allen Details irgendwo in einem Mami-Forum besprochen wird.

 

Und wenn man wirklich einmal das Gefühl hat, hier läuft etwas schief und ein bisschen Hilfe wäre angesagt, dann kann man immer noch zu der Mutter hingehen, vielleicht aufmunternd lächeln und sagen: «Ui, das kenne ich. Das passiert bei uns auch immer mal wieder. Brauchen Sie kurz Hilfe, kann ich Ihnen etwas abnehmen?»

Das wäre dann einfach nur nett und anständig.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

Der Autorin auf Facebook folgen

 

 

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.