Kolumne: Kathrin Buholzer

Wenn Elefanten auf Reisen gehen

Wenn fremde Menschen einander weltweit mit Such-Postings helfen und das Internet seine ganze positive Kraft entfaltet, erwärmt sich das Herz von Kolumnistin Kathrin Buholzer.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 8. Juni 2017

Kann man euch auch so leicht um den Finger wickeln wie mich?
Ein kleines Panda-Video auf Facebook, und schon ist es um mich geschehen. Ein schnulziger Heiratsantrag, mit Tänzern und einer völlig überraschten, zukünftigen Braut auf YouTube, und ich muss eine Packung Taschentücher holen. Ein süsses Kind mit einer tollen Stimme an einer Castingshow, und ich schluchze drauflos. Ein neugeborenes Nilpferd, das im Zoo unter der Dusche steht, und ich kann nur noch: «Jööööhh» und «Gooooott, ist das schnuuusig» stammeln.

Es sind nicht nur die herzigen Filmchen, die mein Herz erwärmen und mir das Gefühl geben, dass es im Netz doch noch Menschlichkeit und Herzlichkeit gibt.

Zwar rolle ich immer sehr auffällig mit meinen Augen, wenn sich unsere Kids mal wieder irgendwelche Instagram-Blödsinn-Filmchen anschauen, aber selber klicke ich auch immer wieder auf irgendwelche Clips. Hier ein kleiner, süsser Biber, da ein paar kichernde Babys oder knuffige Kinder, die das erste Mal ihren Schatten sehen oder im Regen tanzen.

Meist völlig ahnungslos und ohne grosse Erwartungen werden diese Such-Tweets und Postings ins Netz gestellt und verteilen sie sich oft in der ganzen Welt.

Es sind aber nicht nur die herzigen Filmchen, die mein Herz erwärmen und mir das Gefühl geben, dass es im Netz doch manchmal noch ein bisschen Menschlichkeit und Herzlichkeit gibt. Es sind vor allem die unzähligen Suchmeldungen von Menschen, die tagtäglich auf Facebook, Twitter und Co. auftauchen:

 

  • Ein Mann, der für seinen besten Kumpel eine Jobsuche startet.
  • Ein Mann, der für den Sohn seines Freundes das Lieblingsplüschtier – einen Elefanten – sucht und dabei die Community um Hilfe bittet. Der Vater hätte dem Kind erzählt, dass das verschollene Plüschtier sich auf Weltreise begeben hätte und deswegen nicht mehr auffindbar sei. Er bat die Leute darum, der Geschichte Leben einzuhauchen.
  • Ein Vater, der für seine autistische Tochter ein bestimmtes Kleid sucht, weil seine Tochter nur dieses trägt, und aus ihrem eigenen herausgewachsen ist.
  • Eine Mutter, die nach Geburtstagskarten und Briefen für ihre Tochter mit Down-Syndrom fragt.

 

Meist völlig ahnungslos und ohne grosse Erwartungen werden diese Such-Tweets und Postings ins Netz gestellt. Dort machen sie sich dann ganz oft in ein paar Stunden selbstständig und verteilen sich in der ganzen Welt. Da kommen schon mal über 800 Retweets für die Jobsuche, inklusive unzähligen Angeboten, Links und Vorschlägen zusammen.

 

Kreative Photoshop-User halfen bei der Plüschtiersuche mit und schickten den verlorenen Elefanten kurzerhand auf Weltreise. Unzählige witzige Bilder wurden kreiert. Der Elefant in New York, auf der Chinesischen Mauer und sogar auf dem Mond. Was als kleiner Post begann, endete in kurzer Zeit in einer viralen Glanzleistung der Internet-Community. Am Schluss hat sogar jemand den genau gleichen Elefanten via Ebay gekauft und dem Kind geschickt.

Solche Geschichten berühren mich zutiefst. Wenn das Engagement von fremden Menschen so viel in Bewegung setzt, wenn das Internet seine positive Kraft entfaltet.

Das Mädchen mit Down-Syndrom bekam so viele Glückwunschkarten, dass die ganze Poststelle der Gemeinde tagelang auf Trab gehalten wurde. Die ganze Familie wurde total überrumpelt von der weltweiten Anteilnahme und den tausenden von Briefen und Paketen.

 

Und das autistische Mädchen hat nicht nur EIN neues Kleid gefunden, sondern gleich unzählige. In allen Grössen, und genau mit dem gewünschten Stoff. Der Hersteller wurde durch die vielen Tweets auf die Geschichte aufmerksam und hat den Stoff extra wieder neu produzieren lassen und das Lieblingskleid neu hergestellt.

 

Solche Geschichten berühren mich jedes Mal zutiefst. Wenn das Engagement von fremden Menschen für fremde Menschen so viel in Bewegung setzt. Wenn das Weiterverbreiten von Nachrichten so viel Kreativität und Inspiration freisetzt, wenn kleine Wünsche plötzlich Wirklichkeit werden, und wenn das Internet seine ganze positive Kraft entfaltet.
DAS berührt mein Herz, das ist einfach wunderbar.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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