Kolumne: Kathrin Buholzer

Telefon-Party im Teeniezimmer

Nicht nur absolute Ruhe im Kinderzimmer ist höchst verdächtig, sondern auch Dauergeplapper, findet Kolumnistin Kathrin Buholzer.

Kathrin Buholzer, Milan Hofstetter (Illustration), 28. Februar 2017

Wenn es plötzlich ganz still ist im Kinderzimmer, dann läuten bei den meisten Eltern unverzüglich die Alarmglocken. In sehr seltenen Fällen bedeutet diese Stille: Die Kinder spielen ganz lieb und friedlich mit den Legos.

 

In den meisten Fällen tun sie aber ganz etwas anderes: Mit Neocolor eine lustige Arielle oder Dorie an die Wand kritzeln, sich die Haare schneiden, sich mit Kugelschreiber oder einem Kajalstift, den sie im Badezimmer gefunden haben, das Gesichtchen schminken, die Windel ausziehen und den Inhalt am Boden verteilen, alle Feuchttüchlein aus der Packung reissen oder den gesamten Schrank ausräumen.

 

Auf jeden Fall tut man gut daran, wenn man bei der Kombination «Stille und Kleinkinder», SOFORT ins Zimmer stürmt und nachschaut.

 

Wenn die Kinder grösser sind und es still wird im Kinderzimmer, dann heisst das in seltenen Fällen: Sie sitzen brav am Pult, machen ihre Hausaufgaben oder räumen ihr Zimmer auf.

Plötzlich ist alles anders. Seit einigen Wochen hört man in den Kinderzimmern regelmässig Stimmen. Jawohl Stimmen!

In den meisten Fällen tun sie aber etwas ganz anderes: Chatten, Fotos auf Instagram und Snapchat hochladen, YouTube- oder Musical.ly-Videos anschauen. Mit Kopfhörern natürlich – man soll ja denken, dass sie brav am Pult sitzen und Hausaufgaben machen oder ihr Zimmer aufräumen.

 

Bei uns war das monatelang auch so. Stille im Zimmer war verdächtig, und ein kurzer Blick bestätigte den Verdacht in den allermeisten Fällen.

 

Doch plötzlich ist alles anders. Seit einigen Wochen hört man in den Kinderzimmern regelmässig Stimmen. Jawohl Stimmen!

 

So, als wären andere Kids zu Gast. Und das vor allem nach dem Nachtessen. Die Sache ist mittlerweile aufgeklärt: HOUSE PARTY. So heisst der neuste Spass unter den App-Downloads. Die Teenies fahren voll drauf ab. Einmal eingeloggt, kann man sich gleichzeitig mit bis zu acht von seinen Freunden via Video-Call unterhalten. Es können verschiedene geschlossene Gruppen erstellt werden, und falls Unbekannte im Chat auftauchen, wird das sofort angezeigt, sodass man die ungebetenen Gäste bequem wieder rausschmeissen kann.
Auch Eltern natürlich ...

Jedes Mal, wenn ein Freund sich in der Houseparty-App einloggt, wird sein Freundeskreis benachrichtigt.

Natürlich könnte man jetzt schon wieder nach Luft schnappen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und denken: «Jesses! Schon wieder eine neue App, mit der die Kids noch mehr am Handy hängen!»

 

Hab ich am Anfang auch gedacht. Aber wenn ich jeweils höre, wie die Kids zusammen lachen, diskutieren – und JA, manchmal machen sie sogar zusammen Hausaufgaben. Ihr habt richtig gelesen: Hausaufgaben! – dann stimmt es mich gleich wieder etwas versöhnlicher.

 

Doch bei aller Euphorie – auch wenn die Kids online jetzt plötzlich wieder mehr zusammen plaudern – ein paar Dinge gibt es trotzdem zu beachten und zu besprechen. Jedes Mal, wenn ein Freund sich nämlich in der Houseparty-App einloggt, wird sein Freundeskreis benachrichtigt. Ihr wisst schon: Bling, bling, bling ...

 

Es ist deshalb von Vorteil, wenn man ein paar Regeln und Abmachungen bespricht, damit das Kind nicht jedes Mal das Gefühl hat, es müsse unbedingt und jetzt in diesem Moment ebenfalls miteinsteigen.

Manchmal ist es trotz Abmachungen im Zimmer zwar stockdunkel, doch man hört das Kind weitermurmeln.

Plaudern ist toll. Besonders auch am Telefon. Die meisten (vor allem Frauen) werden mir wohl beipflichten. Und telefonieren braucht Zeit. Viiiiel Zeit. Ausser vielleicht mit dem Zahnarzt, der Steuerverwaltung und einer anstrengenden Nachbarin.

 

Bei Teenies ist das nicht anders. Deshalb meine Empfehlung: Legt ein Tages- oder Wochenkontingent fest und besprecht zusammen, zu welchen Tageszeiten diese Telefon-Parties in den Zimmern eurer Kids stattfinden dürfen. An einem freien Nachmittag zum Beispiel, kann man sich mit den Freunden nämlich genauso gut treffen und muss nicht stundenlang online zusammen quatschen.

 

Am Abend, wenn alle Hausaufgaben erledigt sind und es fürs Abmachen schon zu spät ist, gibt es durchaus ein Zeitfenster, in dem sie ein bisschen telefonieren können. Haben wir schliesslich als Teenies auch gemacht. Und nach dem Gute-Nacht-sagen würde ich trotzdem ab und zu noch ein bisschen die Öhrchen spitzen. Denn manchmal ist es trotz Abmachungen im Zimmer zwar stockdunkel, doch man hört das Kind weitermurmeln ...

 

Aber nicht gleich ausflippen, denn: Das kommt uns dann doch auch irgendwie bekannt vor, stimmt’s? Nur haben wir früher gelesen.
Mit der Taschenlampe, ganz verschwitzt unter der Bettdecke.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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