Kolumne: Kathrin Buholzer

Konzentration, bitte!

Smartphones beeinflussen die Konzentration von Kindern, findet Kolumnistin Kathrin Buholzer. Gleichzeitig fragt sie sich aber: Wie fest lenken Smartphones die Erwachsenen ab?

Kathrin Buholzer, Milan Hofstetter (Illustration), 11. April 2017

Mittwochnachmittag, 14.30 Uhr. Fünf Kids sitzen am Tisch und machen Hausaufgaben. Auf dem Tisch liegen – das ist nicht schwer zu erraten – fünf Smartphones. «Die brauchen wir als Taschenrechner und um Sachen nachzuschauen», so die Erklärung der Teenie-Schar. So weit, so gut. Die Erklärung ist ja durchaus nachvollziehbar. 

Dann geht das grosse Fotografieren los. Und wenn man grad dabei ist: Es wäre mal wieder an der Zeit für ein Selfie auf Instagram.

Etwa fünf Minuten lang sind alle konzentriert. Dann macht es das erste Mal «bling», alle zucken auf. «Oh, ein Snap von Simon», alle rufen wild durcheinander, einer lacht. Die Handys werden gezückt, jeder schaut nach, ob er vielleicht auch eine Nachricht bekommen hat. «Larissa fragt, ob jemand rasch ein Bild von Seite 56 schicken kann, sie hat ihr Mathematikbuch in der Schule vergessen.» Dann geht das grosse Fotografieren los. Und wenn man grad dabei ist: Es wäre mal wieder an der Zeit für ein Selfie auf Instagram.

 

Die nächsten paar Minuten sind alle im Selfie-Modus, klimpern mit den Wimpern, spitzen ihren Mund, werfen lasziv die Haare in den Nacken. Die Mutter, die in der Küche steht, runzelt die Stirn. «Aufgaben machen sagt man dem?», sagt sie und wirft einen strengen Blick Richtung Wohnzimmertisch. Das Töchterlein zuckt nur mit den Schultern, verdreht leicht die Augen und gibt zu verstehen, dass sie ja keinen Kommentar dazu abgeben soll.

Die Teenie-Schar am Tisch gestikuliert wild durcheinander, alle checken erneut ihre Instagram-Profile, schicken noch rasch ein paar Snaps.

Die nächsten zehn Minuten wird konzentriert gearbeitet, niemand spricht, bis ein weiteres «Bling» die Stille durchbricht und die Konzentration abermals stört. «Leon hat 16 meiner Instabilder geliked! Oh Mann, der Typ hat sie doch nicht mehr alle.» Die Teenie-Schar am Tisch gestikuliert wild durcheinander, alle checken erneut ihre Instagram-Profile, schicken noch rasch ein paar Snaps, die zeigen, dass sie alle gemeinsam Hausaufgaben machen.

 

Die Mutter in der Küche räuspert sich leise und denkt: «Als ich jeweils Hausaufgaben machte, war ich immer ganz konzentriert, das muss ich meinem Kind nachher ganz blumig erzählen. Das TKKG-Buch, das immer in der obersten Schublade lag und mich brutal vom Lernen abgehalten hat, werde ich natürlich nicht erwähnen.»

Die Konzentrationsspanne ist kurz, die Mutter nahe dran, ihrem Ärger über diese Beobachtung Luft zu machen. Doch sie schweigt.

Und so zieht sich dieser Lernnachmittag dahin. Die Konzentrationsspanne ist kurz, die Mutter nahe dran, ihrem Ärger über diese Beobachtung Luft zu machen. Doch sie schweigt und überlegt sich: «Woher kommt das, dass sich unsere Kids kaum mehr länger als ein paar Minuten auf eine Sache konzentrieren können? Wie wird sich dieses ständige On-Hold-Sein auf ihr späteres Leben auswirken?»

Wie lange können wir Erwachsenen konzentriert arbeiten, ohne schnell unseren Facebook-Feed zu checken, Mails zu lesen, Nachrichten zu schicken?

Eine gute Frage. Antworten darauf zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber seien wir mal ehrlich: Wie lange können wir Erwachsenen an etwas konzentriert arbeiten, ohne immer schnell noch unseren Facebook-Feed zu checken, ein paar Mails zu lesen, WhatsApp-Nachrichten zu schicken, nach ein paar neuen Schuhen zu googeln?

 

Meine persönliche Konzentrationsspanne zum Beispiel hat sich mit dem täglichen Smartphonekonsum extrem verkürzt. Wenn ich endlich mal etwas angefangen habe, bin ich schon wieder abgeschweift, lese einen Online-Artikel, poste etwas auf meiner Elternplanet-Facebook-Seite, beantworte ein paar Fragen, schicke ein paar Mails. Ich bin oft ganz furchtbar unkonzentriert und superschnell abgelenkt. Genauso wie die fünf Teenager, die eigentlich Hausaufgaben machen wollten.

Wir leben ihnen nämlich genau die Dinge vor, die wir an ihnen kritisieren. Auch wir glotzen ständig auf unsere Smartphones.

Wir Erwachsenen sollten eigentlich auch hier die Vorbilder unserer Kids sein, doch tun wir uns wahnsinnig schwer damit. Wir leben ihnen nämlich genau die Dinge vor, die wir an ihnen kritisieren. Auch wir glotzen ständig auf unsere Smartphones: in der Kinopause, an der Bushaltestelle, im Restaurant, am Tisch, vor dem Einschlafen, wenn wir arbeiten sollten, während wir mit anderen reden.

 

Manche Familien praktizieren die Regel, dass die Kinder ihre Geräte ins Smartphone-Körbchen legen müssen – etwa während des Essens, wenn sie schlafen, ein paar Stunden am Tag. Die Erwachsenen halten sich aber oft selber nicht daran. Die Verlockung ist einfach zu gross, die Gewohnheit, ständig online zu sein, ist allgegenwärtig.

 

Vielleicht müssen wir auch mal so einen Korb anschaffen. Oder einen abschliessbaren Safe. Damit ich endlich wieder konzentrierter arbeiten und meinen Kindern ein besseres Vorbild sein kann.  

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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