Kolumne: Kathrin Buholzer

Die Online-Jammerbörse

Früher war es das wöchentliche Kaffeekränzchen, heute sind es Facebook-Gruppen oder Online-Communities: Sorgen werden online ausgetauscht. Kolumnistin Kathrin Buholzer über das Jammern und Lästern 2.0.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 21. November 2017

Nirgends lässt es sich sooo schön jammern wie in der Online-Welt. Egal, ob über die Schwiegermutter, den total missratenen Kuchen, den unordentlichen Mann, die lauten Kinderlein, die grossen Wäscheberge, die dicken Oberschenkel, die Ideenlosigkeit beim Kochen, die Hitze, den ersten Schnee oder die unfreundliche Nachbarin, die auch noch jeden Abend auf dem Balkon kifft ...

 

Die Online-Jammerbörse floriert.

 

Wo man hinklickt, wird gejammert, und manchmal fühlt man sich fast schon wie in einer grossen Online-Selbsthilfegruppe. Denn wer jammert, der bekommt immer auch gutgemeinte Tipps von der aufmerksamen Community zugesteckt. Bachblütentropfen, Ohrenkerzen, Rotlicht-Therapie, mehr in den Wald gehen, sich einen Hund zulegen, einen überteuerten Stoffwechsel-Kick-Boost-Saft kaufen, ins Yoga, in die Massage oder zur Kinesiologin gehen. Sich ein Velo anschaffen, weniger Kohlenhydrate essen, einen Babysitter suchen oder einfach ein bisschen chillen und Schoggi essen. Ganz viele Ratschläge – ganz oft nützlich, manchmal wie aus einem Märchenbuch.


Jammern schafft Interaktion und bringt Kommunikation.


Wer jammert, der findet immer irgendeinen Gleichgesinnten, dem es ähnlich schlecht und beschissen geht. Und manchmal gibt es sogar solche, bei denen es noch schlechter läuft. Also nicht nur ein bisschen Schluckweh, sondern gleich Angina. Nicht nur eine sehr grosse Unordnung im Haus, sondern gleich ein Wasserschaden im Keller. Nicht nur ein drei Monate altes Kind, das ein schlechter Schläfer ist, sondern Zwillinge, die seit vier Jahren immer erst nach Mitternacht einpennen. Das ist dann so etwas wie der Frauentausch-Effekt:

 

«Gott sei Dank. Es gibt noch andere, denen geht es noch schlechter als mir ...»

 

Diesen Satz würde man natürlich niemals schreiben, der Zorn der Online-Community wäre einem dann mehr als gewiss.

 

Die Online-Community als Tor zur Welt

 

Besonders für Mütter, die nach der Geburt der Kinder plötzlich hundert Prozent zu Hause sind, ist diese Umstellung oft nicht ganz einfach. Das soziale Umfeld schrumpft ganz schnell auf ein paar wenige Menschen zusammen, Kontakte zu pflegen, ist nicht mehr so einfach. Viele fühlen sich einsam und treffen sich nur noch selten mit Gleichgesinnten oder anderen Müttern. Der Austausch, aber auch das «Real-Life-Jammern» kommen also eindeutig zu kurz.

 

Genau deshalb sind wohl Online-Communities und Facebook-Gruppen so beliebt. Dort kann man sich vermeintlich anonym austauschen. Die Gruppen sind meistens geheim oder geschlossen – das heisst, es braucht eine Bestätigung durch einen Administrator. Man fühlt sich sicher und wohl. Schnell gehört man dazu, nimmt am Leben der anderen teil, und der Austausch schweisst auch ein bisschen zusammen.

 

Und eben: Das Jammern gehört auch ein bisschen dazu. Schliesslich ist ja der Familienalltag wahrlich kein Zuckerschlecken.

 

Doch die Online-Jammerei nimmt nicht selten auch sehr bizarre Züge an. In der vermeintlichen Anonymität legen viele ihr ganzes Seelenleben offen. Erzählen von schrecklichen Schicksalen, von Ehe- und Sexproblemen, von bösen Verwandten, von faulen Ehemännern, nervigen Arbeitskollegen, doofen Chefs und erzählen nahezu jede Anekdote aus ihrem Leben. Und niemand weiss so ganz genau, wer das jetzt alles lesen, einen Screenshot davon machen und allenfalls weiterleiten und verbreiten kann. Das Gejammere und Gemotze über den Freund, den Chef, die Schwägerin kann also ganz leicht genau dort landen, wo es niemals landen sollte: nämlich im Postfach von genau diesen betroffenen Personen.

 

Auch beim Jammern über Kids und Teenager kennen viele keine wirklichen Grenzen: Muss wirklich die ganze Welt jedes noch so kleinste Detail aus dem Kinderalltag wissen? Wie flüssig der Stuhlgang ist, wie genau sich jetzt die Situation im Supermarkt abgespielt hat? Was das Kind auf dem Schulweg zum Nachbarskind gesagt hat und von wem es gehauen wurde?

 

Seit meine Kinder älter sind, bin ich noch zurückhaltender im detailgetreuen Jammern. Teenies hassen nämlich nichts so sehr, wie wenn die Eltern alle ihre Verfehlungen, ihre Schreianfälle und Bilder von ihren Kleiderbergen und ihren unzähligen dreckigen Tassen im Zimmer in den sozialen Medien posten. Und ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Ich möchte ja auch nicht, dass sie die Unordnung in der Küche und meine vollen Körbe mit Wäsche, die ich schon längstens hätte bügeln sollen, in ihre Snapchat-Storys packen.

 

Und über den Mann jammere ich nie online.

Wenn, dann höchstens mal mit der besten Freundin.

Bei einem Gläschen Prosecco.

 

 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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