Kolumne

Die Online-Trauer

Kathrin Buholzer, 17. November 2015

Dieser Freitag, der 13. November 2015, wird in Erinnerung bleiben. Genauso wie damals bei 9/11 hat es wieder eine Stadt getroffen, die viele von uns kennen und von ganzem Herzen lieben. Nur ist die Stadt dieses Mal noch näher, und der Schock, dass der Terror quasi vor unserer Haustür stattfand, noch grösser. Unser Nachbarland, angegriffen und in seinen Grundfesten erschüttert. Das macht Angst.
 
Kaum flimmerten die ersten Bilder des Terroranschlages von Paris über die Bildschirme, entstanden auf Twitter und Facebook bereits die ersten Hashtags. #prayforParis, #NousSommesUnis, #ParisAttacks waren die Schlagwörter, unter welchen über die Ereignisse berichtet wurde. 

Die Menschen wollten ihre Solidarität zeigen, wollten ein Zeichen setzen und bekunden, wie tief sie diese Katastrophe bewegt.

Virtuelle Kerzen, Fotos mit Gedenksprüchen und Bilder des Eiffelturms wurden gepostet und überfluteten die sozialen Netzwerke. Nur ein paar Stunden nach den Anschlägen konnte man auf Facebook bereits sein Profilbild in den Frankreich-Farben einfärben und online stellen. Die Menschen wollten ihre Solidarität zeigen, wollten ein Zeichen setzen und bekunden, wie tief sie diese Katastrophe bewegt. Sie wollten mittrauern – online.
 
Jedes Mal, wenn Unfassbares passiert, versuchen wir Menschen, mit dieser Wut, dieser Trauer und der Ohnmacht irgendwie umzugehen. Früher schrieb man in Kondolenzbücher, legte Kränze nieder, hielt Mahnwachen und zündete Kerzen an. Man traf sich mit anderen Menschen, hielt sich an den Händen, suchte Trost und Antworten auf die Frage: Warum? Heute werden Todesfälle von berühmten Personen, Naturkatastrophen, Unglücksfälle oder Terroranschläge online verarbeitet. Doch ganz so vereint in ihrer Trauer war die Online-Community am Freitag und an den darauffolgenden Tagen leider nicht. 

Nicht mal in dieser dunklen Stunde konnte die Online-Gemeinde zusammenstehen, einfach mal innehalten, nicht schimpfen und sich nicht gegenseitig beleidigen.

Kaum erschienen die ersten blau-weiss-roten Profilbilder und #prayforParis-Bilder, wurde gestänkert, wie heuchlerisch das doch sei. Jeden Tag würden mehr Leute sterben als in dieser Nacht in Paris. Und beten bringe sowieso nix, schliesslich sei dieser Terroranschlag ja im Namen einer Religion verübt worden. Nicht mal in dieser dunklen Stunde konnte die Online-Gemeinde zusammenstehen, einfach mal innehalten, nicht schimpfen und sich nicht gegenseitig beleidigen.
 
Überall auf der Welt lagen sich die Menschen in den Armen, zündeten still eine Kerze an und hielten einfach mal einen Moment inne. Auf Facebook hingegen tobte die Schlacht: «WIE man denn richtig trauert». Jeder gab jedem tolle Ratschläge, was denn jetzt «gut» oder «daneben» sei.
 
Nein. Ein Facebook-Profilbild in den Farben Frankreichs, macht die Toten nicht wieder lebendig, aber es zeigt vielleicht die Verbundenheit mit dem Land. Ein «Pray for Paris»-Bild wird den Terror nicht beenden, aber es zeigt ein bisschen Menschlichkeit.  
 
Die Wahrzeichen in verschiedenen Ländern blau-weiss-rot zu beleuchten, wird keinen Attentäter stoppen, aber es hat Symbolcharakter, weit über alle Grenzen hinaus. Es bringt den Menschen das, was sie in Ausnahmesituationen brauchen: Zusammenhalt und ein bisschen Hoffnung. Man hat einen kleinen Moment das Gefühl, dass man irgendwie ein kleines bisschen Unterstützung zeigen kann. Es soll verdeutlichen, dass alle den Terror, egal wo auf der Welt er passiert, zu tiefst verabscheuen.
 
Jeden Tag passieren auf der Welt schreckliche Dinge. So viele, dass wir sie gar nicht fassen können. Auch wenn es manchmal den Anschein macht: Diese vielen Horrormeldungen gehen nicht einfach an uns vorbei. Sie machen uns sprach- und hilflos, und manchmal sitzen wir einfach nur da und können nicht fassen, welche Gräueltaten andere Menschen erleiden müssen. Und trotzdem: Empathie hat mit Nähe zu tun.  
 
Katastrophen, die in Ländern passieren, die wir kennen, schon besucht haben oder in der Nähe von uns liegen, berühren uns mehr. Wir werden lernen müssen, diese Online-Trauer so anzunehmen, wie sie eigentlich gemeint ist: als ein Ventil, eine Möglichkeit, der Trauer, der Wut und der Ohnmacht Luft zu machen. Wir werden lernen müssen, virtuell zu trauern und nicht das Leid gegeneinander auszuspielen. Genau so, wie das im richtigen Leben ja auch nicht passiert.  
 
Oder denkt ihr, dass irgend jemand auf dem Place de la République einen anderen gefragt hat, warum er denn hier sei und eine Kerze anzünde? Und ob er denn auch schon mal eine Kerze für ein Opfer aus einem Kriegsgebiet angezündet habe? Warum er eine Frankreich-Flagge dabei habe und nicht auch eine aus Syrien?

Drückt man diese Angst und diese Trauer in irgendeiner Form aus, dann kann sie uns vielleicht etwas weniger lähmen und uns vielleicht auch davor bewahren, die Hoffnung zu verlieren.

Online passiert das ständig. Haben die, welche jetzt die farbigen Profilbilder kritisiert und ganz laut «Heuchler» gerufen haben, denn selber auch schon mal an andere Opfer aus anderen Kriegen gedacht? Oder denken sie grundsätzlich nie an irgend jemanden?
 
Jeder geht anders mit dieser Situation um. Einer Situation, die vielen von uns Angst macht, weil sie uns genauso gut hätte treffen können. Spricht man über diese Angst und über diese Trauer, und drückt man diese in irgendeiner Form aus, dann kann sie uns vielleicht etwas weniger lähmen und uns vielleicht auch davor bewahren, die Hoffnung zu verlieren.
 
Ob, wie und wo wir trauern, das soll jeder für sich alleine entscheiden. Es ist nicht an uns, über andere zu urteilen und diese zu ver-urteilen. Schon gar nicht heute und schon gar nicht nach einer solchen Tragödie.
 
Vielleicht hat uns dieses schreckliche Ereignis  auch etwas wachgerüttelt und uns gezeigt, dass wir alle Beirut, Syrien oder Paris sein könnten. Dass dieser Terror, der so weit weg schien, plötzlich vor unserer Haustür angekommen ist. Vielleicht verstehen wir jetzt auch ein wenig besser, warum so viele Menschen aus ihrer Heimat flüchten und auf der Suche nach einem besseren Leben sind.
 
Online-Trauer, ohne Anfeindungen, ohne Streit und Anschuldigungen muss Platz haben. Auch wenn wir das noch ein bisschen üben müssen ...
#NousSommesUnis.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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