Kolumne: Kathrin Buholzer

Angst und Panik in der Eltern-Community

Kathrin Buholzer, 7. Juli 2016

Irgendwie ist es schon erstaunlich, fast schon ein bisschen unheimlich: Wie haben unsere Eltern es bloss geschafft, uns grosszuziehen?
Diese Frage stelle ich mir fast täglich, wenn ich so in der grossen, weiten Online-Welt unterwegs bin. Wie konnten unsere Mütter und Väter all die vielen Fragen ganz ohne Social Media, Facebook-Gruppen und Elternforen beantworten?

 

Soll ich meinem Kind jetzt eine Mütze anziehen oder nicht?
Was schenke ich meiner 3-Jährigen zum Geburtstag?

Was tun, wenn sie weint?
Welchen Kinderwagen soll ich kaufen?
Welche Frisur soll ich meiner 13 Monate alten Tochter machen?
Was mach ich bloss, wenn mein 4-Jähriger alle Nuggis zerbeisst?

 

Alle diese lebenswichtigen Fragen mussten unsere Mütter und Grossmütter ganz alleine beantworten. Tagelang haben sie sich den Kopf darüber zerbrochen und nach einer möglichen Antwort gesucht. Und diese wohl auch gefunden, denn: Wir alle sind der lebende Beweis dafür. Sie haben uns grossgezogen. Sie – und somit auch wir – haben alles überlebt. Ganz ohne Facebook und Co.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht vor giftigen Reiswaffeln, Sonnencrèmes, ungesunder Schokolade, gefährlichen Mörderbienen, explodierenden Hochstühlen und gesundheitsschädigenden Trinkflaschen oder Teddybären gewarnt werden.
Dieses viele Studieren, das «in sich gehen» und das lange Überlegen war sicherlich nicht ganz einfach. Sie konnten nicht einfach schnell die Community um Rat fragen, sie mussten alles selber ausprobieren und den gesunden Menschenverstand einschalten und sie wurden auch nicht auf die vielen schrecklichen Gefahren aufmerksam gemacht, die für Kinder überall lauern.


Da haben wir Mamas und Papas es doch heute einfach viel, viel besser. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht vor giftigen Reiswaffeln, Sonnencrèmes, ungesunder Schokolade, gefährlichen Mörderbienen, explodierenden Hochstühlen und gesundheitsschädigenden Kindersitzen, Trinkflaschen oder Teddybären gewarnt werden (Ironiemodus aus).

 

Jeder noch so seltene Einzelfall wird medial ausgeschlachtet, in eine Newsmeldung mit dramatischer Schlagzeile umgewandelt und dann in Elterngruppen immer und immer wieder geteilt. So lange, bis sich Panik breit macht.

 

Ja.
Bienen können stechen und gefährlich sein, kleine Kinder können Erdnüsse verschlucken, von Hochstühlen fallen, sich in die Finger schneiden. Wenn Kinder auch nur eine Sekunde unbeaufsichtigt am Wasser spielen, können sie ertrinken, auch wenn das Wasser gar nicht tief ist. Kinder bekommen Sonnenbrand und manchmal auch einen Sonnenstich, wenn sie zu lange an der Sonne sind. Sie können kleine Gegenstände verschlucken, sich an heissen Getränken verbrennen und sie können krank werden.

 

Mit solchen Problemen mussten sich schon unsere Eltern herumschlagen und sie haben das irgendwie alles prima gemeistert. Sie haben uns einfach beobachtet, haben vielleicht ihre Mutter oder eine liebe Nachbarin um Rat gefragt oder sind einfach rasch zum Arzt gefahren.

«Achtung, diese Mutter wollte nur rasch die Zeitung holen, was in der Zwischenzeit mit ihrem Kind passiert ist, lässt dir das Blut in den Adern gefrieren!»

Versteht mich nicht falsch.
Klar bin ich als Mama immer mal wieder froh, wenn ich mich online kurz über wichtige Eltern-Kind-Erziehungsfragen informieren kann. Oder wenn in meinem Facebook-Stream angezeigt wird, dass mein Lieblings-Schwede genau den Plüschhund zurückruft, den ich zwei Tage zuvor gekauft habe, weil er anscheinend leicht entflammbar ist (obwohl meine Kinder normalerweise keine Plüschhunde anzünden).

 

Aber wenn ich ständig und überall nur noch Meldungen über mögliche Gefahren lese, wenn nonstop Newsbeiträge mit «Achtung, diese Mutter wollte nur rasch die Zeitung holen, was in der Zwischenzeit mit ihrem Kind passiert ist, lässt dir das Blut in den Adern gefrieren!» angezeigt werden, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Eltern noch unsicherer und noch ängstlicher werden.


Vor lauter Schreckensnachrichten wird die Elternschar langsam paranoid und getraut sich kaum mehr aus dem Haus oder hat das Gefühl, jedes Mal, wenn sich ihr Kind am Küchentisch mit ein bisschen Wasser verschluckt hat, könnte das vielleicht gleich «das lautlose Ertrinken» sein.

Welche Meldungen sind einfach nur Effekthascherei? Welche Magazine und Newsportale wollen mit ein paar alten, aber neuaufgemotzten Stories einfach nur ihre Klickraten erhöhen?
Mittlerweile ist für viele Eltern kaum noch zu erkennen, was jetzt wirklich relevant ist. Welche Meldungen sind einfach nur Effekthascherei? Welche Magazine und Newsportale wollen mit ein paar alten, aber neuaufgemotzten Stories einfach nur ihre Klickraten erhöhen? Traurige Einzelschicksale werden zu grossen, lebensbedrohlichen Geschichten aufgeblasen und den Eltern immer und immer wieder neu serviert. So lange, bis wir Mamas und Papas tatsächlich fast ein bisschen den gesunden Menschenverstand verlieren.

Das muss wirklich aufhören. Sonst verlieren Eltern von Generation zu Generation immer mehr die Fähigkeit, ihre Kinder zu verantwortungsvollen und selbstständigen Menschen zu begleiten und sie zu Eigenverantwortung und kritischem Denken zu erziehen.

Versuchen wir doch einfach wieder ein bisschen mehr auf uns selber zu hören, so wie unsere Eltern das früher auch schon gemacht haben. Lasst uns wieder etwas mehr unseren eigenen Verstand benutzen und hören wir auf, ständig alle schrecklichen Todesmeldungen weiter zu posten und dadurch noch mehr Unsicherheit zu schüren. Beobachten wir doch einfach unsere Kinder wieder ein bisschen mehr und überlegen uns, was WIR tun könnten, welche Lösungsmöglichkeiten sich uns denn jetzt bieten.

Und vielleicht überspringen wir einfach ab und zu die reisserischen Postings, die uns mit total bekloppten Überschriften einfach nur auf ihre Seiten holen, um damit möglichst viele Klicks generieren wollen.

Dann können wir uns nämlich wieder auf das konzentrieren, was wirklich wichtig und toll ist: Mit unseren Kindern den Alltag zu verbringen, sie zu begleiten und zu unterstützen. Ohne ständig Sorgen oder Panik zu haben.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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