Kolumne: Kathrin Buholzer

Ganz plötzlich ist es so weit

Mit süffisanten Erklärungen machen ihre Kinder klar, dass sich Kolumnistin Kathrin Buholzer zur Generation der Ahnungslosen zählen muss.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 15. März 2017

Ohne grosse Vorwarnung taucht er auf. Dieser Satz, den man jahrelang gefürchtet hat:

 

«Sorry, Mama, du hast wirklich überhaupt keine Ahnung.»

 

Auch wenn wir uns noch so Mühe geben, die neusten Entwicklungen on- und offline im Auge zu behalten, irgendwann hinken wir unseren Kindern einfach ein Schrittchen hinterher.

 

Diese Tatsache hat mich hart getroffen und ich habe sie immer noch nicht so richtig verarbeitet. Ich hatte nämlich immer das Gefühl, dass mir das bestimmt nieeeemals passieren würde.

 

Aufgesetzt hab ich mir diese rosarote Brille bereits, als die Kinder im Baby- und Kleinkinderalter waren. Da lebte ich mit zahlreichen romantischen Vorstellungen: Dass ich meine Kinder zur Ordnung erziehen könnte und sie immer ein aufgeräumtes Zimmer haben würden, dass ich niemals unsinnige Drohungen ausstossen, dass die Trotzphase nur ganz kurz dauern und dass die Pubertätsschübe sicherlich nicht so schlimm sein würden.

 

Nun gut. Alles ist dann doch etwas anders geworden, als ich mir das vor ein paar Jährchen beim Babybreikochen vorgestellt habe. Die Realität hat meine Wunschvorstellungen schon längstens eingeholt.

«Du hast Snapchat immer noch nicht kapiert? Man kann keine bereits gemachten Bilder hochladen. Hab ich dir doch schon hundert Mal erklärt.»

Und nicht nur das. Ich merke, wie er mittlerweile beinahe täglich kommt, dieser Satz, der mir schonungslos aufzeigt, dass ich bereits ein bisschen hinter dem Mond bin. Ihr wollt ein paar Beispiele? Voilà:

 

Ich:
«Du, aber diese Hose ist dann schon eher was für die Freizeit und nicht für die Schule. Die haben ja mehr Löcher als Stoff und man sieht ja dein ganzes Knie, das wirkt irgendwie komisch.»

 

Teenager:
«Ach Mom. Du hast ja wirklich keine Ahnung. Das tragen jetzt alle so. Schau mal auf ‹We heart it ›. Kennst du das überhaupt?»

 

Ich:
«Cool. Ich glaub, jetzt hab ich Snapchat auch endlich kapiert. Aber ähm, wieso kann ich jetzt dieses Bild von den letzten Ferien nicht hochladen?»

 

Teenager:
«Du hast es immer noch nicht kapiert? Man kann keine bereits gemachten Bilder hochladen. Hab ich dir doch schon hundert Mal erklärt.»

 

Ich:
«Du, aber das Smartphone, das brauchst du doch nicht wirklich zum Hausaufgaben machen?»

 

Teenager:
«Du hast echt keinen Plan. Taschenrechner. Kennst du? Wie soll ich sonst diese Rechnungen lösen?»

«Es geht darum, möglichst lustige Sachen zu posten – aber doch nicht darum, Jodeln zu lernen.»

Ich:

«Und warum hört man dich während dem Lernen reden?»

 

Teenager:
«Mama, Skype? Wir erklären uns die Hausaufgaben im Videochat und besprechen noch die Themen für den Vortrag am Freitag.»

 

Ich:
«Warum hast du dir eine Jodel-App runtergeladen? Willst du das wirklich lernen?»

 

Teenager:
«Das ist doch nicht zum Jodeln, du hast wirklich keine Ahnung. Das ist eine App, mit der die Benutzer im Umkreis von 20 Kilometern anonyme Posts abschicken, lesen und mit ‹Up› und ‹Down› bewerten können. Es geht darum, möglichst lustige Sachen zu posten – aber doch nicht darum, Jodeln zu lernen.»


Ok, ich hab’s kapiert. Ich weiss längst nicht mehr alles, die Kids haben mich in Vielem bereits überholt. Und ich muss mich echt anstrengen, damit sie mich nicht ganz abhängen. Aber ich bin willig und lernfähig. Fast schon ein kleiner Streber.

 

Und zwei Dinge sind mir schon mal besonders im Gedächtnis geblieben: Erstens: Kauf dir keine «Stan Smith»-Sneakers von Adidas. Diese Schuhe sind nur für Kids und Teenager, nicht für Mütter.
Und zweitens: Kommentiere bei Instagram niemals die Bilder deines Nachwuchses.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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