Kolumne

Sitzt ihr noch oder zählt ihr schon?

Kathrin Buholzer, 11. November 2015

«Wieviel hast du? Ich hab 13'000!» «13'000? Wow, nicht schlecht. Ich hab heute nur 9000.» Nein, hier geht es nicht um irgendwelche Bank- oder Börsengeschäfte. Es geht um Schritte. Denn: Schritte zählen ist in! Immer mehr Leute laufen mit irgend einem Schrittzähler-Ding herum. Eine dieser tollen Uhren zum Beispiel. Die vibrieren oder klingeln, wenn man seinen Hintern zu lange nicht mehr bewegt hat. Die alle unsere Bewegungen ganz genau registriert und speichert und uns sagt, dass wir doch mal wieder aufstehen, etwas trinken oder ein bisschen länger schlafen sollen. In den Sozialen Netzwerken werden die Erfolge dann folgendermassen gepostet:

«Yeah! Alle Kreise geschafft.»

«20 000 Schritte, nicht schlecht oder?»

 

«Heute warens nur 300. Vom Bett, zum Kühlschrank und zurück. Shit, bin eben krank.»

 

Wer keine Uhr hat, der hat zumindest eine entsprechende App auf seinem Smartphone. Die ist zwar oft etwas weniger genau, aber zählen, erinnern und den inneren Schweinehund wecken tut sie auch. Und es ist wirklich so: Ein Schrittzähler motiviert schon. Vor allem, wenn man keinen langen Arbeitsweg hat. Wenn das Büro zum Beispiel im eigenen Haus ist, man mehrheitlich am Wohnzimmertisch arbeitet oder wenn man keine kleinen Kinder hat, denen man nachrennen muss.

«Ab 10'000 Schritte gibts den virtuellen Pokal, und das ist natürlich auch immer ein kleiner Ansporn.»

«Hallo, du solltest dich mal wieder etwas bewegen.» Der kleine Reminder hilft optisch oder akustisch, dass man die avisierte Schrittzahl auch tatsächlich erreicht. Und wenn nicht, dann hat man zumindest am Abend so ein kleines bisschen ein schlechtes Gewissen – und die Motivation, am nächsten Tag wieder etwas mehr zu Fuss zu gehen.

Ab 10'000 Schritte gibts den virtuellen Pokal, und das ist natürlich auch immer ein kleiner Ansporn. Vor allem als «Schritt-Zähler-Neuling»: Voll motiviert geht man extra zu Fuss einkaufen, dreht im Supermarkt eine Extra-Runde ums Brotgestell und zu Hause freut man sich fast schon ein bisschen, wenn man etwas im 1. Stock hat liegen lassen: Denn das sind weitere Schritte, die für die Tagesstatistik zählen.

 

Mittlerweile hat sich das bei mir wieder etwas eingependelt. Sinds bis am Abend mal weniger als 10'000 Schritte, geh ich nicht extra noch dreimal zum Briefkasten oder in die Waschküche. Ich hüpf vor dem ins Bett gehen auch nicht noch extra ein paarmal die Treppe rauf und runter. Ich mach eh viel Sport, geh ins Fitness und da trag ich mein Handy nicht auf mir. Das heisst, ich absolviere täglich mehr Schritte, als die App mir anzeigt. Trotzdem: So ein kleines Lächeln huscht dann jeweils doch über meine Lippen. Und manchmal stosse ich sogar einen kleinen, inneren Freudenschrei aus, wenn beim Öffnen der App, der Goldene Pokal aufleuchtet und in grossen Buchstaben steht:

«10 235 Schritte. Du hast dein Tagesziel erreicht. Bravo!»

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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