Kolumne

Vor dem Teilen Gehirn einschalten

Kathrin Buholzer, 7. Dezember 2015

Soziale Netzwerke sind ja an und für sich eine recht tolle Sache. Man kann sich mit mehr oder weniger Gleichgesinnten austauschen, kann Basteltipps und Rezepte teilen oder sich in den verschiedensten Gruppen über Autos, Camping, Nageldesign oder Erziehungsfragen unterhalten. Schon oft bin ich dank meiner Facebook-Freunde über tolle Links gestolpert, habe süsse Babyvideos gesehen oder spannende Artikel gelesen. Dank der Teilen-Funktion findet man immer wieder wunderbare Blog- oder Zeitungsartikel, Videos oder lustige Bilder.

Schon oft bin ich dank meiner Facebook-Freunde über tolle Links gestolpert.

Normalerweise also eine tolle Sache, denn so finden Beiträge und Texte schnell ein grosses Publikum, die ohne Social Media vielleicht irgendwo in den Weiten des Internets verloren gingen. Gerade für mich als Bloggerin ist diese Like- und Teilen-Funktion natürlich unglaublich wichtig. Würden meine Elternplanet-Beiträge nicht regelmässig auf Facebook geliked und geteilt, dann wäre die Reichweite um ein Vielfaches kleiner, und die Leute würden gar nicht mitkriegen, wenn ein neuer Blogartikel online ist.

«Teilen, teilen! Damit alle sehen, was wirklich abläuft.»

Nur eben, die Sache hat einen grossen Haken: Nicht nur tolle, spannende, informative, witzige und gut recherchierte Texte finden ihr Publikum, sondern auch unzählige Falschmeldungen, Hoaxes und boshafte, unreflektierte Hetzmeldungen. Meldungen über alte Menschen, die angeblich aus ihren Altersheimen rausgeschmissen wurden und an deren Stelle nun Flüchtlinge eingezogen sind, oder Artikel und Statusmeldungen über Asylbewerber, die kostenlos einkaufen und, einfach so, die teuersten Handys erhalten würden. Geteilt wird in letzter Zeit einfach alles, was irgendwie für Empörung, Erstaunen oder Kopfschütteln sorgt.

 

Egal ob Meldungen über Flüchtlinge, Tipps zum Abnehmen mit irgendwelchen exotischen Früchten, Vermisstmeldungen, Gewinnspiele, bei denen man angeblich falsch verpackte Smartphones gewinnen kann, oder irgendwelche Verschwörungstheorien: Alles wird gepostet und geteilt, ohne vorher nur eine Sekunde kurz nachzudenken. Manchmal ohne, manchmal auch mit Kommentar:

«OMG! Wenn das stimmt, ist das wirklich eine Sauerei.» Oder: «Teilen, teilen! Damit alle sehen, was wirklich abläuft.» Ebenfalls beliebt: «Schaut mal, das hab ich grad entdeckt.» Und immer geht das Scheinbare: «Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass es so was wirklich gibt, aber ich teile es trotzdem einfach mal hier.»

Dabei wäre es doch so einfach ...

 

1. Auf das Datum schauen: Wann wurde die Meldung geschrieben oder das erste Mal geteilt? Gerade bei Vermisstmeldungen, die älter als ein paar Wochen sind, macht Teilen nicht viel Sinn, weil die Personen in der Zwischenzeit längst gefunden wurden.

2. Vor dem Posten oder Teilen kurz recherchieren: Die Überschrift der Meldung in Google eingeben, und man sieht schnell, ob die Meldung wirklich stimmt.

3. Einen Blick ins Impressum werfen: Hat eine Facebook-Seite oder ein Blog kein Impressum, ist der Post wenig bis überhaupt nicht seriös und das Teilen von Beiträgen nicht sinnvoll.
 
4. Artikel kritisch hinterfragen: Kann das wirklich sein? Wer ist der Verfasser dieses Textes? Ist es vielleicht gar eine Satirezeitschrift wie Der Postillon, Titanic, Eulenspiegel, Die Weltpresse, Nebelspalter, Die Tagespresse oder Neue Rheinpresse? Wenn ja, dann sind die Artikel nicht ganz ernst gemeint oder eben Satire, und man setzt beim Teilen am besten einen kleinen Zwinker-Smiley dahinter.

Zuerst denken – dann klicken. Das Motto, das eigentlich im Netz immer gelten sollte!

5. Clickbaiting: Ist ein Titel unfassbar reisserisch und zielt nur darauf, dass die Leser auf den Link klicken, ist ebenfalls Vorsicht geboten. «Was dieser Mann mit seinem Kind gemacht hat, ist einfach unglaublich!» «Dieser Mann wollte seine Frau von der Arbeit abholen, was er dann getan hat, ist einfach nur WOW!» «Dieses Kind hat seine Mutter gesucht und DAS hier entdeckt. Gänsehaut!» Mit diesen Titeln sind Online-Magazine und Blogs nur auf Klicks aus. Die Geschichten sind meistens an den Haaren herbeigezogen, uralt oder beides.

6. Zuerst denken – dann klicken. Das Motto, das eigentlich im Netz immer gelten sollte: Zuerst kurz das Hirn einschalten und erst dann einen Beitrag teilen!

 

Wer unsicher ist, der guckt am besten regelmässig auf mimikama.at vorbei oder abonniert deren Facebook-Seite «Zuerst denken, dann klicken». Die Seite gilt mittlerweile als die internationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetmissbrauch. Dort findet man alle Infos über die H&M-Gutscheine, die kranken Babys, für die Facebook angeblich einen Euro spendet, die Drogen auf dem Schulhausplatz und die unzähligen Bilder von den angeblich zugemüllten Flüchtlingszügen.

 

Also: nicht immer alles glauben.

 

Und noch besser: nicht jede Meldung einfach unkontrolliert und ohne zu überlegen posten, teilen und weiterleiten.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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