Kolumne: Kathrin Buholzer

«Keine Panik! Wir lernen nur Englisch»

Zu viel TV-Konsum verursacht viereckige Augen und macht dumm? Von wegen, sagt Kolumnistin Kathrin Buholzer.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 26. August 2017

Seit ich mich erinnern kann, ist das Thema «TV-Konsum bei Kindern» ein heiss diskutiertes. Kaum jemand, der nicht irgendeine Studie dazu verfasst, seine Meinung abgegeben oder Warnungen in die Welt hinausposaunt hat. «Wer zu viel glotzt, der kriegt viereckige Augen». Diesen und ähnliche Sätze hörte ich in meiner Jugend ständig.

 

Aber ehrlich jetzt: Ich habe das auch ein paarmal zu meinen Kids gesagt. Mit einem strengen Blick und in der Hoffnung, dass diese schreckliche Drohung irgendeine Wirkung zeigen würde ...

 

Bei Kindern ist aber genau das Gegenteil der Fall. Die werden höchstens neugierig. Denn wer möchte sich nicht mal selber mit viereckigen Augen sehen?
Eben.

Wie und wo wir TV schauen, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Man muss nicht mehr nach Hause stressen, wenn man seine Serie gucken will.

Fernsehen war sehr lange Zeit ein Familiending und diente vor allem dem Unterhaltungszweck: Mutter und Tochter guckten «Denver Clan» oder «Dallas», die Eltern zusammen den «Tell Star», die Kids «Das Spielhaus». Die ganze Familie guckte während des Mittagessens das Skirennen und sass am Samstagabend gemütlich zusammen auf dem Sofa.

 

Wer damals bei uns in der Klasse keinen Fernseher besass, war der heimliche Loser. «Ui, müssen die schreckliche Eltern haben, vielleicht sind sie auch in einer Sekte oder sehr arm.» So und ähnlich lauteten die Kommentare, die man sich hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert hat.

 

Wie und wo wir TV schauen, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Man muss nicht mehr nach Hause stressen, wenn man pünktlich seine Serie gucken will. Ganz entspannt kann man die Kinderlein am Abend ins Bett bringen, egal wenn’s ein bisschen länger dauert, denn wir gucken heute wann und wo wir wollen: Mit dem Tablet im Bett, auf dem Liegestuhl, wenn wir Bügeln oder die Schwimmkurs-Abzeichen an Badetücher nähen. Mit dem Smartphone auf dem Klo, während dem Zähneputzen, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer.

Trotz aller Veränderungen: Diese Fragen blieben immer gleich: Wie viel und wie oft dürfen Kinder und Jugendliche TV schauen? Was ist noch gesund? Macht zu viel TV-Konsum wirklich dumm?

Und jeder guckt halt auf seinem Gerät das, was er am liebsten mag: Die Kids gucken ihre Schminktanten und «Let’s Player» auf YouTube, Mami und Papa gucken die Reisesendung, das gemeinsame Vor-der-Glotze-sitzen findet nicht mehr so oft statt – vor allem dann, wenn die Kinder zu Teenies werden. Trotz aller Veränderungen: Diese Fragen blieben immer gleich: Wie viel und wie oft dürfen Kinder und Jugendliche TV schauen? Was ist normal? Was ist noch gesund? Macht zu viel TV-Konsum wirklich dumm?

 

Diese Fragen waren auch bei uns in den letzten Jahren ständig präsent. Ein Stündchen am Mittwoch, ein halbes am Donnerstag, am Wochenende auch mal zwei. Solche Regelungen konnte man noch einigermassen gut treffen und auch durchsetzen, so lange die Kinderschar schön brav im Wohnzimmer sass. Da hatte man sie unter Kontrolle und konnte genau verfolgen, wann die Sendung angefangen und wann sie fertig war.

 

Dann, mit Tablet, Laptop und Co., war und ist das um einiges schwieriger. Geht man ins Zimmer und denkt, man hätte die Kids in flagranti beim TV-Konsum erwischt, säuseln sie herzallerliebst: «Also nein, ich hab nicht geguckt. Ich mach was für die Schule ...»

Was die Schule nicht geschafft hat, schaffte der Streamingdienst Netflix: Nämlich, die Kids für eine Sprache zu begeistern.

Aber wisst ihr was? Ich bin da nicht mehr so streng. Ich mag es mittlerweile, wenn sie Serien schauen. Auch wenn sie es regelmässig tun. Nicht, weil sie dann ganz lieb und brav in ihren Zimmerlein sitzen, nein. Sie lernen, indem sie TV-glotzen – und zwar Englisch!

 

Am Anfang noch mit deutschen Untertiteln, später mit englischen, und mittlerweile ganz ohne. Was die Schule nicht geschafft hat, schaffte der Streamingdienst Netflix: Nämlich, die Kids für eine Sprache zu begeistern. Ganz ohne Druck und ohne langweilige Hörtests. Die Fortschritte, die sie dabei gemacht haben, sind wirklich enorm. Das hat sich sogar auf die Schulnoten ausgewirkt. Die Lehrerin hat letztens gefragt: «Woher könnt ihr so gut Englisch?» Mittlerweile verstehen sie die Sprache sogar so gut, dass sie auch englische Bücher lesen.

 

Ja, und jetzt haben mich die Kids natürlich im Sack. Jedes Mal, wenn ich kritisch ins Kinderzimmer schaue und ich sehe, dass sie am Computer hängen und glotzen, schauen sie mich mit ernster Miene an und sagen: «Mama, keine Panik! Wir lernen nur Englisch»

 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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