Kolumne: Kathrin Buholzer

Die Unsicherheit bleibt

Kathrin Buholzer über die Unsicherheit in der Medienerziehung: Jugendliche verbringen viel Zeit auf Snapchat, Instagram, Jodel, YouTube und Musical.ly – wie sollen Eltern ihre Kinder im Umgang mit digitalen Medien erziehen?

Kathrin Buholzer, Milan Hofstetter (Illustration), 23. Mai 2017

Seid ihr auch manchmal unsicher, ob wir unseren Kindern den richtigen Weg vorleben? Ob wir sie genügend begleiten und betreuen, sodass sie eines Tages den richtigen Spagat zwischen Online- und Offline-Welt schaffen? Dass sie sich nicht blenden lassen, dass sie kritisch sind und Fragen stellen, dass sie aber vor allem auch einfach nur das Hier und Jetzt geniessen können. 

Habt ihr auch manchmal Angst und fragt euch, ob unsere Kids nicht vielleicht alle schon drauf und dran sind, zu Internetzombies zu mutieren?

Habt ihr auch manchmal Angst und fragt euch, ob unsere Kids nicht vielleicht alle schon drauf und dran sind, zu Internetzombies zu mutieren? Die nur noch chattend und «Duckface-smilend» durch die Gegend wanken, ihr Essen und ihre Körper fotografieren und die Bilder auf Snapchat, Instagram oder «We Heart It» stellen.

 

«Nein», werdet ihr jetzt vielleicht sagen. Wir haben das doch prima im Griff, versuchen, gute Vorbilder zu sein und den Kindern wichtige Kompetenzen zu vermitteln. Eine anständige Diskussionskultur zum Beispiel, ein positives Selbstbild, Respekt und Hilfsbereitschaft.

 

Unterstützung und Aufklärung erhoffen wir uns dabei unter anderem auch von den Medien, die eine wichtige Rolle einnehmen. Denn das Leben unserer Kids spielt sich zu einem grossen Teil in diesen Medien ab. Snapchat, Instagram, Jodel, YouTube, Musical.ly.

Warum füllen 11- und 12-Jährige plötzlich Fussballstadien, verursachen ein Verkehrschaos und bringen unseren Nachwuchs der Ohnmacht nahe?

Online-Zeitschriften und -Magazine haben einen grossen Einfluss auf unseren Nachwuchs. Sie berichten über die Plattformen, auf denen diese Trends entstehen, Kids sich selber inszenieren und beurteilen lassen können. Sie bilden Meinungen ab, tragen sie weiter und berichten über die vielen Social-Media-Sternchen, die gerade erst noch ganz normale Teenies waren.

 

Wir Erwachsenen können da nur ungläubig den Kopf schütteln und verstehen nicht, warum diese Kids plötzlich zu Social-Media- oder YouTube-Stars avancieren. Warum füllen 11- und 12-Jährige plötzlich Fussballstadien, verursachen ein Verkehrschaos, wenn sie irgendwo auftauchen, und bringen unseren Nachwuchs der Ohnmacht nahe?

 

Und ja: Die meisten Kids möchten auch so sein. Hübsch, schlank, schlagfertig, reich und berühmt. Und sie messen sich tagtäglich mit Gleichaltrigen, die online genau das verkörpern. Sie eifern ihren Idolen nach, kaufen deren Produkte, downloaden ihre Singles, unterstützen sie mit Likes und Liebesbotschaften. Social-Media-Stars sind das, was bei uns die Boy- und Girl-Bands waren. Sie wecken eine Sehnsucht auf ein Leben, welches man selber gerne leben möchte. Neue Berufsbilder entstehen: Plötzlich wollen die Kids nicht mehr Lokführer oder Tierärztin, sondern Instagram- oder YouTube-Star werden.

Besonders in Sachen Medienerziehung weichen aber dann Vorstellung und Realität ganz stark voneinander ab.

Wenn die Kinder noch klein sind, hat man als Eltern so viele romantische Vorstellungen. Was man ihnen alles mit auf den Weg geben, welche Werte und Fertigkeiten man ihnen vermitteln möchte. Man tut dies auch nach bestem Wissen und Gewissen, hört auf sein Herz, befolgt aber ganz oft auch Ratschläge von Experten oder liest schlaue Ratgeber. Besonders in Sachen Medienerziehung weichen aber dann Vorstellung und Realität ganz stark voneinander ab:

 

«Kein Smartphone vor 12 Jahren.»

«Jeden Tag nur eine Stunde am Handy sein.»

«Das Handy kommt am Abend ins Wohnzimmer und liegt dort bis am nächsten Morgen im Körbchen.»

«Wenn Besuch von anderen Kindern da ist, bleibt das Handy aus.»

«Vor 13 Jahren gibtʼs kein Instagram und kein Snapchat.»

 

Wenn die Kinder noch kleiner sind, argumentieren wohl die meisten Eltern genau so. Ehrlich, ich habʼs auch so gemacht. Wenn sie dann aber kurz vor oder in der Pubertät stecken, ist das Ganze dann eben doch nicht mehr ganz so einfach. Ich persönlich muss jetzt auch immer mal wieder schmunzeln, wenn ich von Eltern mit Kleinkindern lese, wie sie ihren Kindern sicherlich bis zum 13. Lebensjahr verbieten wollen, sich einen Snapchat-Account zu machen, oder wie sie allen Ernstes erklären, dass es «vor 12 Jahren sicherlich kein Handy gibt».

Es haben sich Dinge und Verhaltensweisen «eingeschlichen», die ich noch vor einiger Zeit mit «Das gibtʼs dann bei uns nicht» bezeichnet habe.

Das Smartphone ist ein Teil ihrer Teenie-Welt, die sozialen Netzwerke und die Messenger-Apps sind das Tor zu ihren Freundinnen und Freunden. Wer davon ausgeschlossen ist, hatʼs wahrlich nicht leicht.
Deshalb ertappe ich mich auch immer wieder, dass ich nicht so konsequent bin, wie ich eigentlich sein wollte. Es haben sich Dinge und Verhaltensweisen «eingeschlichen», die ich noch vor einiger Zeit mit «Das gibtʼs dann bei uns nicht» bezeichnet habe.

 

«Ist es okay so, wie wir es anpacken? Gäbe es andere, bessere Wege? Müsste ich konsequenter sein oder mir vielleicht einfach etwas Gedanken machen?»

 

Es ist wahrlich eine grosse Herausforderung, ein täglicher Konflikt um das Wie, Wann und Warum. Es braucht sehr viel Nerven, und die Unsicherheit, die bleibt.  

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

Der Autorin auf Facebook folgen

 

 

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.