Kolumne: Kathrin Buholzer

Wie konnte das bloss passieren?

Kathrin Buholzer, 16. September 2016

Liebe Eltern

 

Ihr müsst jetzt ganz stark und tapfer sein. Es ist nämlich genau das eingetroffen, was wir uns in unseren schlimmsten Albträumen nie hätten vorstellen können. Über zehn Jahre konnten wir uns in den sozialen Netzwerken, allen voran auf Facebook, so richtig austoben, konnten der Welt die besten Baby- und Kinderschnappschüsse präsentieren.

 

Und jetzt das!

 

Zum ersten Mal überhaupt hat eine 18-jährige Österreicherin die eigenen Eltern wegen genau solcher Kinderfotos angeklagt. Das Mädchen forderte ihre Eltern auf, die Fotos, welche sie fast täglich auf Facebook gepostet haben, zu entfernen. Jetzt hat die Tochter ihre Eltern vor Gericht gezerrt, weil diese ihrer Aufforderung, die Bilder zu löschen, nicht nachgekommen sind.

Und jetzt werden wir vielleicht bald alle von unseren eigenen Kindern verklagt? Wie konnte das bloss passieren?

Ihr wisst schon: Bilder auf denen Kinder mit Schoggi-verschmiertem Gesicht zu sehen sind. Kinder in Planschbecken, auf Dreirad-Velos, beim ersten Schultag, auf dem Töpfchen, im Gitterbettchen, mit süsser Nemo-Windel, mit lustiger Nikolausmütze auf dem Kopf. Schlafende Kinder auf Fussböden, Sofas, über Spaghetti-Tellern, auf Legos oder Spielzeugautos. Harmlose Bilder also.

 

Und jetzt werden wir vielleicht bald alle von unseren eigenen Kindern verklagt? Wie konnte das bloss passieren?

Denn jeder weiss inzwischen: Niemand ist kompetenter in medizinischen Fragen als die Online-Community.  

Aufgeregt haben wir immer die besten Schnappschüsse rausgesucht und haben es wirklich nie böse gemeint. Wir haben uns auch immer ganz fest Mühe gegeben, die Beulen, blauen Flecken, Pickelchen, Ausschläge und Aphten unserer Kids gut in Szene zu setzen und die Fotos dann mit der alles entscheidenden Frage: «Ich hab mich schon beim Arzt angemeldet, aber weiss irgendjemand was das sein könnte?» online gestellt. Denn jeder weiss inzwischen: Niemand ist kompetenter in medizinischen Fragen als die Online-Community.

 

Mit viel Freude und noch mehr Hoffnung auf viele Kommentare und Likes haben wir jahrelang unseren Nachwuchs auf unseren Profilen, in tollen Mamagruppen und auf Instagram gepostet. Und das soll jetzt alles vorbei sein?

Fotografiert eure Kinder immer nur heimlich. Wenn sie nicht merken, dass ihr ständig Bilder von ihnen knipst, dann kommen sie garantiert auch nicht auf die Idee, dass ihr die irgendwo postet.

Müssen wir jetzt wirklich Angst haben, dass unsere Knirpse, wenn sie volljährig sind, uns alle dazu zwingen, diese Bilder wieder zu löschen? Dass sie unsere ganze Arbeit, in die wir so viel Herzblut gesteckt haben, zunichtemachen? Oder uns gar vor Gericht zerren? Nein, nein, nein, das darf nicht sein.

 

Und damit das nicht passiert, hab ich euch hier ein paar ganz schlaue, wunderbare Tipps zusammengestellt, wie ihr ein solches Unglück verhindern könnt.

 

  1. 1. Fotografiert eure Kinder immer nur heimlich. Wenn sie nicht merken, dass ihr ständig Bilder von ihnen knipst, dann kommen sie garantiert auch nicht auf die Idee, dass ihr die irgendwo postet.

 

  1. 2. Lasst eure Kinder nie, aber wirklich nie an eure Computer oder eure Smartphones ran. Sagt ihnen einfach, das wäre sehr schädlich für die Augen, das Internet mache dumm und ausserdem sei Bücher lesen und in den Wald gehen eh viel sinnvoller.

 

  1. 3. Postet die Bilder am besten nur auf Facebook und sagt euren Kindern dann ständig, wie toll diese Plattform ist und wie viele liebe Erwachsene ihr auf Facebook schon kennengelernt habt. Wenn sie in die Pubertät kommen, dann werden sie sich garantiert nie und nimmer dort anmelden wollen, weil:
  2.  

a.) Eine Plattform auf der sich vor allem Erwachsene befinden, eh total doof ist und keinen «SWAG» hat.

b.) Alles was Erwachsene mögen, sie sowieso daneben finden.
Sie werden ihre Kinderbilder also niemals entdecken. Yeah!

 

  1. 4. Nehmt euch frühzeitig einen Anwalt. Nur für den Fall aller Fälle.

Gebt einfach dem Smartphone-Hersteller die Schuld, oder Facebook oder dem Vollmond.

5. Postet neben den Kinderbildern auch immer ganz viele Katzenbilder. Dann fällt das Ganze etwas weniger auf.

 

Und falls wirklich alles schiefläuft und eure Kids mit 18 Jahren die vielen Baby- und Kinderbilder doch entdecken sollten, habt ihr ja immer noch folgende Möglichkeiten:

 

  • Gebt einfach dem Smartphone-Hersteller die Schuld, oder Facebook oder dem Vollmond.
  • Macht einen Deal mit euren Kids und bringt sie so zum Schweigen. «Ich zahl dir die Autoprüfung, dafür darf ich deine Fotos auf Facebook lassen.»
  • Deaktiviert euren Facebook Account, macht einen neuen und ladet die Fotos dann einfach unter einem Pseudonym wieder hoch.

    Merkt garantiert keiner.  

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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