Kolumne

Wir tollen Vorbilder...

Von Kathrin Buholzer, 27. August 2015

 

 

«Hey, Kinder, eure Schuhe und das Turnsäckli liegen hier auch wieder kreuz und quer im Gang. Echt, das ist wirklich so was von mühsam!» Bevor die Kids maulend die Treppe herunterkommen, um das Zeugs wegzuräumen, guckt man noch rasch neben den Eingangsschrank, und was liegt da? Die eigene Sporttasche. Öööhhmmm.

 

Das kennt ihr wahrscheinlich, nicht wahr? Oder das hier: Ihr stopft euch kurz vor dem Essen noch ein Stück Schoggi in den Mund, obwohl ihr dem Nachwuchs immer predigt: «Nein. Vor dem Essen gibt es nix Süsses mehr.» Oder ihr brüllt gaaaanz laut von der Küche ins Wohnzimmer: «Jetzt höööört aber mal auf so zu schreeeeeeiiiiiiiieeeeeen!» Ein Klassiker.

 

Ja. Wir Eltern sollten gute Vorbilder sein. Das kann man auch in allen schlauen Erziehungsbüchern immer wieder nachlesen. Und ja, wir versuchen es, geben uns Mühe. Jeden Tag wieder aufs Neue. Aber eben: Es ist gar nicht so einfach. Wer ist nicht auch schon selber während des Essens vom Tisch wieder aufgestanden, um noch rasch etwas zu holen? Wer hat nicht selber schon laut geflucht, gedroht, rumgebrüllt oder seine Jacke und die Schuhe beim Eingang liegen gelassen? Es gibt unzählige Beispiele, wo das bei uns Eltern mit dem «Vorbild sein» nicht so recht klappen will. Ganz besonders auch beim Thema «Medienkonsum».

 

Was predigen wir unseren Kinderlein doch ständig? Zu viel aufs Smartphone glotzen sei ganz und gar nicht gut für die Augen. Was tun wir? Glotzen aufs Smartphone beim Kinderwagenschieben, beim Anstehen an der Kasse, auf dem Klo, im Zug, auf dem Weg zum Briefkasten, manchmal sogar während des Essens. Wir erzählen unseren Kids, dass uns das Blaulicht von Handy und Co. schlecht schlafen lässt, und selber checken wir noch die letzten E-Mails, Facebook und Newsmeldungen, wenn wir schon unter der Decke liegen.

Es gibt unzählige Beispiele von uns Eltern, wo das mit dem Vorbild nicht so recht klappen will. Ganz besonders beim Thema Medienkonsum.

Wir fordern, dass die Kinder nicht ständig bei jedem «Bling» auf ihr Gerät schauen sollen und dass es schliesslich auch mal ein paar Stunden ohne Facebook und Instagram geht. Und selber schielen wir bei jedem Ton immer mal wieder kurz auf unser Smartphönchen oder gucken, was die Facebook-Meute denn gerade so macht. Nicht dass wir plötzlich noch etwas Wichtiges verpassen. Chatten? Uiuiui. Gaaanz schlecht und wenn, dann bitte nur kurz. Und was tun wir? Stundenlang mit der Freundin lästern oder lustige Bilder via Messenger hin und her schicken.

 

Fotos von sich und seinen Liebsten an wildfremde Menschen schicken? Streng verboten! Doch nicht selten posten übereifrige Eltern regelmässig Bilder von ihren Kindern. In vielen Fällen sogar in allen möglichen Mamigruppen mit hunderten oder gar tausenden Mitgliedern, von denen sie wohl 90 Prozent überhaupt nicht kennen: das Kind schlafend vor dem Spaghettiteller, fröhlich im Kinderwagen oder mit der «Hello Kitty»-Badehose im Planschbecken.

 

Ja. Das mit dem «Vorbild sein» müssen wir wohl alle noch ein bisschen üben. Wie sollen unsere Kids denn von uns Erwachsenen lernen, wenn wir uns selber nicht an die Dinge halten, die wir tagtäglich von ihnen verlangen?

 

Jeden Tag ergibt sich zum Glück eine neue Gelegenheit, sich mal selber wieder den Spiegel vorzuhalten und sich und sein Verhalten immer mal wieder kritisch zu hinterfragen: Was will ich meinen Kindern mit auf den Weg geben? Was lebe ich ihnen eigentlich tagtäglich vor? Was lernen sie von mir, wenn ich mich selber nicht an die Abmachungen halte, die ich ständig predige? Sich selber immer wieder an die eigene Nase zu fassen und sich dieser Vorbildrolle bewusst zu sein, ist schon mal ein ganz wichtiger Schritt.

 

Denn: Wir können unsere Kinder noch so gut erziehen, sie machen uns doch alles nach.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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