Kolumne: Michael In Albon

Donald Trump zieht sich aus dem Wahlkampf zurück!

Michael In Albon, 7. Oktober 2016

Wahrheit oder Lüge? Wenn Sie das hier lesen, hat der Titel seine Aufgabe ausgezeichnet erfüllt. Die Dramatik einer solchen Meldung zieht uns Nachrichten-Junkies an wie der Dreck die Fliegen. Und dass der Mensch eher auf solche Botschaften reagiert, als «Den Schweizer KMU geht es sehr gut» ist dem Wunsch geschuldet, selber nicht betroffen zu sein. Voyeurismus spielt ebenso eine grosse Rolle. So sind wir eben.


Über Jahre und Jahrzehnte gelernt, gehen wir davon aus, dass Geschriebenes eine hohe Glaubwürdigkeit hat. Es ist verbindlicher als Gesprochenes, man kann es nochmals lesen und man kann es belegen: «Glaub es mir, ich habe es gelesen!» Mit diesem blinden Vertrauen reisen wir nun durch die Blogosphäre und News-Portale. Was wir dort lesen, halten wir für die Wahrheit.

In den Weiten des Internets finden sich unzählige «Quellen» und auch ganz viele «Journalisten».

Wieso auch nicht? Schliesslich gibt es eine «Erklärung der Pflichten der Journalisten» des Presserats unseres Landes. Und da liest es sich unter Punkt 1: «Sie halten sich an die Wahrheit (...) und lassen sich vom Recht der Öffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren.» Und unter Punkt 3 weiter: «Sie veröffentlichen nur Informationen, (...), deren Quellen ihnen bekannt sind.»

 

Und hier fängt das Problem bereits an: In den Weiten des Internets finden sich unzählige «Quellen» und auch ganz viele «Journalisten». Das Internet an sich ist nicht schuld daran, dass es so viele Unwahrheiten enthält – aber sagen wir, es ist ein Katalysator. Da wird heftig retweeted, ge-shared, verlinkt, bis wir nicht mehr nachvollziehen können, woher der Beitrag eigentlich gekommen ist. Und wenn wir etwas mehrmals lesen, tendieren wir eher dazu, es zu glauben – wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Die Meldung von CNN wurde in den sozialen Medien eifrig weitergereicht, bis sie fast nicht mehr zu dementieren war.

Doch wie erkennen wir im Netz einen unglaubwürdigen Beitrag? Als im vergangenen Jahr die Flüchtlingswelle aus Nordafrika Europa erreichte und die Zahl der Hilfsbedürftigen in der Schweiz anstieg, machte folgende Geschichte die Runde: Jemand will im Swisscom Shop im Globus in Luzern gesehen haben, dass drei Schwarzafrikanerinnen kostenlos ein Smartphone ausgehändigt bekommen hätten, und dass die Bezahlung dann über Caritas Schweiz abgewickelt worden sei. Caritas dementierte und verwies auf eine gleiche Mär aus Österreich vor ein paar Jahren. Auch Swisscom war ein solches Vorgehen unbekannt. Auch der Swisscom Shop im Globus in Luzern sagte Swisscom nichts – dort hat es nämlich gar keinen (dafür an der Bahnhofstrasse 5).

Wir werden uns angewöhnen müssen, unsere Quellen selber zu checken.

Während der Schiesserei im Olympia-Einkaufszentrum in München im vergangenen Sommer schaffte es die Meldung einer Augenzeugin bis in die Redaktion von CNN, wonach der Täter islamistisch motiviert gewesen sei und er gezielt auf Kinder geschossen habe. Die Meldung von CNN (und es ist ja immerhin CNN!) wurde in den sozialen Medien eifrig weitergereicht, bis sie fast nicht mehr zu dementieren war.


Das Internet kennt weder Zensur (gut!) noch Qualitätssicherung (schlecht!). Wir werden uns angewöhnen müssen, unsere Quellen selber zu checken. Steht das, was ich eben online gelesen habe, auch noch in anderen Medien, deren Inhalte ich als qualitativ hoch einschätze? Dann kann ich vermutlich davon ausgehen, dass die Quellen analog der Regeln des Presserats dem Journalisten bekannt waren. Sharen alle meine Kontakte die News von unbekannten Quellen, werde ich skeptisch bleiben. Anstrengend, aber ein gutes Training für den gesunden Menschenverstand.

 

 

 

Medienkompetenz-Experte

 

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25'000 Personen teilnehmen. Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

 

 

 

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