Kolumne: Michael In Albon

Gamen: Spiel oder Sucht?

Michael In Albon, 26. August 2016

1991 war ich ein Jungspund am Kollegium in Brig und während der Wintermonate im Redaktionsteam eines Piraten-Jugendradios. Wir nahmen tagesaktuelle Geschichten auf und machten daraus Sketche, Minihörspiele oder einfach ulkige Beiträge. Einer blieb mir aber in Erinnerung: Der Gameboy ging um, die kleine, handliche Spielkonsole von Nintendo. Über 100 Millionen Mal wurde dieses Gadget seit seiner Lancierung 1989 verkauft. Tausende Stunden wurden den Spielen (meist «Super Mario») gewidmet. Ach, was wir alles verpasst haben, nur um das nächste Level zu erreichen.

Wie damals stehen die Kulturpessimisten auf und rebellieren gegen solch stumpfsinnigen Zeitvertreib.

Heute heisst der Urheber immer noch Nintendo, das Spiel heisst momentan «Pokémon Go». Und wie damals stehen die Kulturpessimisten auf und rebellieren gegen solch stumpfsinnigen Zeitvertreib. Der Virus solcher Hype-Spiele greift rasend schnell um sich, und bald schon sind ganze Landstriche der Mode verfallen und üben sich im Monsterfangen.

 

 

Aus grobpixeligen Zeiten: «Super Mario» von Nintendo.

 

 

Gute Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Spieler im richtigen Mass fordern. Nicht zu viel, sonst resigniert man, aber auch nicht zu wenig, man langweilt sich sonst. Das Spiel muss immer wieder Neues und neue Herausforderungen bringen, und es muss variantenreich sein. Bauklötze bieten das. Eine Babypuppe, die nur fünf Sätze von sich geben kann, landet nach wenigen Tagen für immer in der Zimmerecke. Wegen dieses Mechanismus gewinnen die Spiele, in denen man sich mit anderen Spielern gemeinsam in einer virtuellen Welt bewegt und jeder Spieler den Spielverlauf des anderen mitbeeinflusst, an Attraktivität. So trifft der Spieler auf immer neue Aufgaben, die es zu lösen gilt. Die Games mit einer simplen Spielarchitektur, in der der Spieler nur wenige Schrauben findet, an denen er drehen kann, verschwinden nach kurzer Zeit aus den Verkaufsregalen und dem App-Store.

Die virtuelle Welt dieser Spiele ist für Kinder und Jugendliche längst Teil der realen Welt.

Kinder wollen und sollen spielen. Kulturpessimisten reklamieren, dass das Spiel in echt, draussen, mit echten Menschen geschehen soll. Und da haben sie Recht. Die virtuelle Welt dieser Spiele ist für Kinder und Jugendliche aber längst Teil der realen Welt. Was sie online tun, tun sie in der einzigen Welt, die sie kennen. Und das ist ein Mischuniversum aus analoger und virtueller Welt. Diesen Dualismus, den kürzlich auch der neue eidgenössische Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger behauptet hat, gibt es für unsere Kinder nicht.

 

 

Ideal für mobile Viel-Gamer von anno dazumal. Spiele für den Game Boy.  

 

 

Und spielen – ob real oder virtuell – ist nicht problematisch. Viele Studien belegen, dass Gewaltspiele nicht a priori Gewalt provozieren. Kinder kriegen auch nicht viereckige Augen, wenn sie stundenlang online spielen. Sie müssen aber ein Gleichgewicht zwischen ihren Freizeitaktivitäten finden. Den ganzen Tag in der Hängematte liegen fördert die Kommunikationsfähigkeit ebenso wenig wie tagelang alleine vor dem Bildschirm zocken. Wo diese Balance liegt, hängt von der Reife und den Bedürfnissen des Kindes ab und sicher auch vom Angebot, das wir Eltern bieten.

 

 

 
Sollte es zwischendurch doch noch zu viel werden, erinnern Sie sich an diese fünf Tipps:

 


  1. 1. Definieren Sie Spielzeiten zusammen mit Ihrem Kind. Und halten Sie sich beiderseits dran (siehe aber auch Tipp 5).

  2. 2. Interessieren Sie sich für die Games. Spielen Sie mit und bekommen Sie ein Gefühl, weshalb das Spiel für Ihr Kind so spannend ist.

  3. 3. Achten Sie konsequent auf das PEGI-Rating: Jedes Spiel hat eine Altersempfehlung. Die macht Sinn.

  4. 4. Besteht ein Missverhältnis zwischen Online- und Offline-Aktivitäten: Schrauben Sie am Angebot und suchen Sie nach einer attraktiven Alternative (ungeteilte Vater- oder Mutterzeit kommt immer gut an).

  5. 5. «Nur noch dieses Level!» Lassen Sie zu, dass das Kind die laufende Aktion im Spiel noch zu Ende führt. Es kostet Sie 2 bis 3 Minuten und erspart Streitgespräche.
  6.  

 

Medienkompetenz-Experte

 

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25'000 Personen teilnehmen. Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

 

Michael In Albon ist auch auf den sozialen Medien unterwegs: Auf Facebook oder Twitter kann man mit ihm persönlich alle möglichen Themen rund um Medienkompetenz plaudern.

 

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.