Kolumne: Michael In Albon

Philippe Wampfler ist ein *%&*"ç%!!

Die Kommentarspalten bei Onlinezeitungen verkommen zu Schlangengruben, in denen alles erlaubt scheint.

Michael In Albon, 17. Januar 2018

Jedes Mal, wenn sich jemand Mut zuspricht und öffentlich eine kontroverse Meinung vertritt, sind die Menschen nicht weit, die bei ihrer Kritik nicht nur kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern auch alle Regeln des Anstands über Bord werfen. Sie beleidigen, werden persönlich und machen sich meist nicht mal die Mühe, sich in das Thema zu vertiefen, bevor sie eifrig kommentieren. Ich klage dieses Elend an.

 

Kürzlich hat Philippe Wampfler, ein umtriebiger Gymnasiallehrer und Buchautor zum Thema Medien und Mediendidaktik, seine kontroverse Meinung auf Twitter formuliert:  

 


 

 

Es ging um ein Werbebild der BLS, die eine Familie im Glück in den Berner Voralpen (die richtigen Alpen sind ja bekanntlich im Wallis und im Bündnerland) zeigte. Er hinterfragte, ob ein Bild einer «klassischen» Familienkonstellation nicht alle anderen Familienmodelle (Patchwork, interkulturell, gleichgeschlechtlich etc.) explizit ausschliesse.

Sowohl zuerst auf Twitter als auch im Kommentarfeld bei watson.ch wurden die Kommentatoren ungeniert beleidigend und aggressiv.

Die Diskussion auf Twitter wurde hässlich und so laut, dass die Redaktorin Camille Kündig auf «Watson» einen Kommentar verfasste und noch einmal eine heftige Kommentarfeldschlacht auslöste.

 

Sowohl zuerst auf Twitter als auch im Kommentarfeld bei watson.ch wurden die Kommentatoren ungeniert beleidigend und aggressiv. Von den über 120 Kommentaren waren mehr als die Hälfte bösartig oder blieben nicht beim Thema, nicht selten wurde es auch persönlich.

Alle diese Aussagen haben leidlich wenig mit dem Sachverhalt zu tun. Sie sind in erster Linie unfair und in zweiter Linie beleidigend.

Die Userin «Mia_san_mia» sprach von «Schwachsinn», ein Kommentator namens «Es ist nachgerichtet» sagte: «Wow und so jemand hat eine höhere Bildung genossen? Schwer vorstellbar ...», oder riqqo meinte: «Geil finde ich den selbstverfassten Wikipedia-Eintrag von diesem Typen inklusive Selfie. :-)» Alle diese Aussagen haben leidlich wenig mit dem Sachverhalt zu tun. Sie sind in erster Linie unfair und in zweiter Linie beleidigend.

 

Die unbedachte Art, wie man die Meinung seines Gegenübers zurechtweist, das mangelnde Talent, beim Thema der Diskussion zu bleiben, einem unbekannten Gegenüber ein Minimum an Respekt zu verwehren – all das stört die Redaktion von «Watson» nicht, und sie lässt solche wertlosen Aussagen einfach zu. Dass es auch anders ginge, hat die «Süddeutsche Zeitung» gezeigt: Sie lässt nicht mehr ungehindert jeden alles sagen. Auch die «NZZ» hatte genug von den Schimpftiraden, die sich unterhalb ihrer Artikel ergossen, und lässt Kommentieren nur noch gesteuert zu.

Stellen wir uns aber vor, dass die erste Aussage von einem 16-jährigen Mädchen gemacht worden ist?

Als Philippe Wampfler würde ich wissen wollen, wer mich für schwachsinnig hält. Ich empfände das als mein Recht. Der Aufwand jedoch, herauszufinden, wer andere in Kommentarspalten beleidigt, ist gross. Und so wird sich Herr Wampfler wohl nicht darum bemühen und versuchen, die Anfeindungen raschestmöglich zu vergessen. Da ich ihn kenne, weiss ich, dass er diesen Shitstorm gut wird handhaben können.

 

Stellen wir uns aber vor, dass die erste Aussage von einem 16-jährigen Mädchen gemacht worden ist? Dass es dieselben Kritiken erhalten hat und dass es noch nicht das Selbstvertrauen und die Stabilität hat, die es braucht, um mit so etwas umzugehen?

 

 

 

Medienkompetenz-Experte

 

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25'000 Personen teilnehmen. Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

 

Nutzungsbedingungen

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.