Kolumne

Das ausgelagerte Gehirn

Reda El Arbi, 3. Februar 2016

Im Alltag schwingen wir uns wie ein digitaler Tarzan an Ladekabeln von Steckdose zu Steckdose, den Blick immer auf den besten Empfang gerichtet. So sollte man sich, glaubt man den digitalen Detoxern, in den Ferien mal von seinen Geräten trennen – kein Handy, kein Laptop, keine Tablet.


Auch das besorgte Umfeld schickt uns mit dem guten Rat weg, wir sollen doch mal eine digitale Auszeit nehmen. Aber so einfach ist das  nicht. Genau die Leute, die uns mit ernstem Blick und unheilschwangerer Burnout-Warnung die Benutzung der digitalen Nabelschnur in den Ferien untersagen, reagieren panisch, wenn man sich dann mal 20 Stunden weder per Whatsapp, noch per Facebook-Messenger, per SMS oder per Mail meldet.

«Wir dachten, du seist tot!, lautete der Vorwurf.»

«Wir dachten, du seist tot!», lautete der Vorwurf, nachdem der Akku den Geist aufgegeben hat und man sich nicht vom Strand aufraffen konnte, um das Gerät an der Bar für einen kleinen Aufpreis aufladen zu lassen.

 

 

 

 

Aber auch sonst ist es nicht so einfach, auf den digitalen Zugang zur Welt zu verzichten. Hatten wir früher noch Reiseführer voller Post-its, um uns auf neue Länder, Städte und Kulturen vorzubereiten, finden wir uns heute nur noch per Tripadvisor und Google Maps zurecht. Wir informieren uns auf der Seite des Tropeninstituts über allfällige Krankheiten, schauen auf Facebook, wer schon wo war und was sie über unseren Zielort zu sagen haben.

 

Wir holen uns Einkaufstipps und Verkehrsinformationen für Bus und Flugzeug direkt aufs Handy. Wir suchen nicht mehr hektisch nach einem Flugticket aus Papier, haben wir doch die digitale Version in unserer Passbook-App.

«Früher schützten uns die extrem hohen Roamingkosten vor einer permanenten Benutzung unseres Smartphones.»

Aber nicht nur für aktuelle Reiseinformationen sind wir auf unser Handy angewiesen. Früher hatten wir gesunden Menschenverstand und Allgemeinwissen, heute verfügen wir dafür über Wikipedia und Google. Wir meistern Situationen anhand der Informationen, die wir uns in Echtzeit vom Netz herunterladen. Evolutionstechnisch ist das ein immenser Vorteil: Wer über mehr Informationen verfügt, kommt mit höherer Wahrscheinlichkeit lebend aus den Ferien zurück. Geschieht dann doch mal was, rufen wir per Rettungs-App nach Hilfe und buchen per Tastendruck den Rega-Rückflug nach Hause.

 

Früher schützten uns die extrem hohen Roamingkosten vor einer permanenten Benutzung unseres Smartphones. Heute sind die Roaminggebühren soweit gefallen, dass wir nicht mehr einen Viertel unseres Urlaubsbudgets dafür einrechnen müssen. Ausserdem gibts überall free Wifi.


Wer Offline-Zeit von Reisenden fordert, hat verkannt, dass unsere digitalen Geräte nicht eigentlich Arbeitswerkzeuge sind. Sie sind viel mehr ausgelagerte Teile unseres Gehirns. Google ist sozusagen unsere erweiterte Assoziationsfähigkeit, Wikipedia unser Gedächtnis. Unser Bewusstsein erstreckt sich nicht mehr nur über die graue Masse in unserem Kopf, sondern verteilt sich über das ganze Netz. Und wer würde einem Freund schon raten: «Schalt dein Hirn aus, wenn du in der Ferien bist!»

 

 

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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