Kolumne

Die Kommentar-Krieger

Reda El Arbi, 15. Januar 2016

Man kann sie in den Kommentarspalten jeder Newsplattform finden. Es sind nicht Trolle, die bewusst provozieren, es sind Überzeugungstäter mit Ausdauer und einer Mission: die Kommentarkrieger.
 
Wenn man die Kommentarspalten der grösseren Newsplattformen und die sozialen Medien verfolgt, kann einem manchmal angst und bange werden. Auf der einen Seite ist es die pure Frustration, die deprimierend wirkt, auf der anderen Seite die grosse Faktenferne und der Hass, die einen an der Schweizer Bevölkerung zweifeln lassen.  
 
Ganz besonders schlimm wurde es jetzt, als Reaktion auf die sexuellen Übergriffe in Köln. «Erschiessen», «aufhängen», «verbrennen» las man da, wenns um den Umgang mit Flüchtlingen ging. Wenn sich jemand etwas gemässigter äusserte, wurde er von der Meute niedergeschrieben.

Kommentarspalten sind kein Spiegel der Gesellschaft, weil sich in unmoderierten Gefässen immer die Frustriertesten, die Hasserfülltesten und die Hemmungslosesten am lautesten äussern.

Das führt dazu, dass sich viele anständige, zurückhaltende Menschen gar nicht mehr an den Diskussionen beteiligen, weil sie oft nicht das dicke Fell haben, um dem Hass und der Wut der Kommentarkrieger zu trotzen. Würde man von der Anzahl Hasskommentare auf die Schweizer Bevölkerung schliessen, müsste man sich Sorgen machen.
 
Die schiere Anzahl dieser hasserfüllten, faktenfernen und bösartigen Kommentare unter diesen Beiträgen haben manchen Redaktor überlegen lassen, ob man die Kommentarfunktion nicht einfach schliessen soll. Aber das würde nichts helfen, da sich die Äusserungen einfach auf Facebook oder Twitter verschieben würden, wo man keine Kontrolle über die Reaktionen auf die eigenen Inhalte mehr hat.
 
Und wenn man genauer hinschaut (und sich die Zugriffs-IPs anschaut), merkt man, dass es oft die gleichen hundert Leute sind, die auf allen Kanälen ihren Frust ablassen. Kommentarspalten sind kein Spiegel der Gesellschaft, weil sich in unmoderierten Gefässen immer die Frustriertesten, die Hasserfülltesten und die Hemmungslosesten am lautesten äussern. Die intelligenten, feinen Kommentare gehen unter oder werden in solchem Umfeld gar nicht erst gepostet.

Früher konnte man als Journalist seine Ergüsse vom Elfenbeinturm auf die Leser herunterregnen lassen. Heute geht die journalistische Verantwortung weiter.

In den Mediengefässen, für die ich Verantwortung trage, gelten die Kommentarspalten als der eigentliche Ort der Meinungsbildung. So diskutiere ich unter meinen Beiträgen selbst mit und streite mich manchmal auch heftig mit meinen Lesern.
 
Das hat eine ganz besondere Wirkung: Die Hater und Frustrierten verschwinden. Sie sind sich nicht gewohnt, vom Verfasser des Artikels oder Blogposts eine Antwort zu bekommen oder sogar durch Fakten widerlegt zu werden. Die, die trotzdem weiter an der Diskussion teilnehmen, finden plötzlich eine Gesprächskultur, die auch den anderen Lesern und Kommentatoren zumutbar ist. So muss ich nur durchschnittlich ein bis zwei Kommentare pro Monat sperren. Bei den grossen Newsplattformen sind es je nach Thema bis zu 30 Prozent aller Kommentare.
 
Früher konnte man als Journalist seine Ergüsse vom Elfenbeinturm auf die Leser herunterregnen lassen, und eine Assistentin kümmerte sich um die zwei Leserbriefe pro Monat. Heute geht die journalistische Verantwortung weiter. Der Leser hat mit dem Web eine eigene Stimme bekommen. Meinungsbildung findet nicht nur beim Lesen des Artikels statt, sondern wird durch die darunter geführte Diskussion geprägt.  
 
Diese Verantwortung für die Diskussion ist vielen Journalisten und Redaktoren zu viel. Die grossen Schweizer Redaktionen lassen ihre Kommentare von Praktikanten freischalten, die die Texte nach «verbotenen Begriffen» durchforsten. Das ist fahrlässig. Denn oft machen die Kommentare das Zehnfache des Artikeltextes aus, und die Leute lesen die dort stattfindende Auseinandersetzung intensiver als den Ursprungstext.
 
Solange die Verantwortung für die Kommentarspalten nicht wahrgenommen wird, bleiben sie das Schlachtfeld der hasserfüllten Kommentarkrieger.

 

 

Die Diskussion zu dieser Kolumne findet auf dem Facebook-Profil des Autors statt.

 

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