Kolumne: Reda El Arbi

Die Gruppenchat-Hölle

Gruppenchats per WhatsApp & Co. sorgen für Verwirrung, Missverständnisse und eine umständliche Kommunikation, findet Kolumnist Reda El Arbi.

Reda El Arbi, 10. März 2017

Irgendwo in Dantes 27. Kreis der Hölle schmort der Erfinder der Gruppenchat-Funktion – angekettet gleich neben dem Programmierer der Autokorrektur – und büsst für seine Verbrechen.

 

Ehrlich, es ist schon schwer genug, mit einer einzigen Person über Messenger oder SMS zu kommunizieren. Man muss sich schon sehr genau kennen, um aus den paar Zeichen sämtliche Nuancen und versteckten Botschaften herauslesen zu können.

 

Sind mehrere Teilnehmer im Messenger, ist's aus mit gegenseitigem Verständnis. Ironische Untertöne werden nur von einem kleinen Teil der Teilnehmer verstanden, die anderen sind irritiert oder beleidigt. Einige verzichten auf korrekte Interpunktion, was für die Hälfte der Gruppe den Sinn des Geschriebenen ins Gegenteil verkehrt, während die andere Hälfte ihre Sätze ganz aus virtuellen Bildchen zusammenbastelt.

Gruppenchats sind eine kafkaeske Form der Kommunikation, albtraumhafte Missverständnisse können zu lebenslangen Vorbehalten führen.

Und auch da nur Missverständnisse: Was, bitte, bedeutet das Emoji mit einem Affen und einer Rose? Oder zwei gleiche Kaffeetassen gefolgt von einem muskulösen Arm? Ich wette, in einem Einzelchat mit der jeweilig besten Freundin wär das keine Frage. Aber für uns als Gruppe, die eigentlich ein Projekt besprechen sollte, wirft das ein irritierendes Licht auf das geistige Innenleben dieser Teilnehmer.

 

Gruppenchats sind eine kafkaeske Form der Kommunikation, albtraumhafte Missverständnisse können zu lebenslangen Vorbehalten führen, selbst wenn man sich im echten Leben schon lange kennt. Danach ist es für eine Minute lang ruhig, bevor alle gleichzeitig elf neue mögliche Termine in den virtuellen Kommunikationsraum stellen.

Schlimm ist, dass Gruppenchats digitale Errungenschaften wie Doodle ermordet haben. Man richtet für eine Terminabsprache keinen Doodle mehr ein. Man zwingt die Leute stattdessen in einen Gruppenchat, in dem dann einer einen Terminvorschlag macht, auf den dann acht Teilnehmer mit «Geht nicht, sorry» und «Da bin ich schon bei meiner Schwester beim Kinderhüten» oder Ähnlichem antworten, während die andere Hälfte gleichzeitig «Ok», «Cool» oder ein passendes Emoji schickt.

 

Danach ist es für eine Minute lang ruhig, bevor alle gleichzeitig elf neue mögliche Termine in den virtuellen Kommunikationsraum stellen. Worauf sich das vorherige Ritual für jeden einzigen Termin wiederholt. Spätestens jetzt haben sich die vernünftigen Leute aus dem Gruppenchat verabschiedet.

 

Aber natürlich kann man nicht heimlich aus der Hintertür schleichen. Jeder Teilnehmer bekommt die Meldung, dass XY sich aus der gemeinsamen Unterhaltung verabschiedet hat. Und sofort poppen die Einzelchat-Fenster auf, in denen sich die einzelnen Gruppenchat-Mitglieder nach dem Befinden erkunden, und ob man beleidigt ist, und das Emoji sei nicht so gemeint gewesen.

Die Einzelchat-Ergänzung ist sozusagen das Flüstern am Familientisch.

Die Einzelchat-Ergänzung gehört sowieso zu den Gruppenchats. Es ist sozusagen das Flüstern am Familientisch. Nur so kann man parallel zur gemeinsamen Diskussion auch mal über die Beiträge der anderen ablästern. Natürlich führt man diese Parallel-Chats mit mindestens drei Personen. Und wer hat nicht schon mal etwas in den falschen Chat-Verlauf gepostet ...?

 

Die schlimmste Form des Gruppenchats ist der endlose Familienchat, in dem geliebte Menschen nach vier Tagen auf eine Nachricht reagieren, während andere ihre Erfahrungen mit dem Nachbarn im Treppenhaus teilen und die kleine Schwester aus Versehen ihre obszönen GIFs, die für ihren neuen Flirt gedacht waren, reinpostet.

 

Es gibt nur einen einzigen Weg, wie man mit Gruppenchats umgehen kann: Man schaltet sie stumm. Keine peinlichen Fragen nach dem Aussteigen, keine Notwendigkeit, zu reagieren. Und wenn man nach drei Tagen reinschaut, kann man erkennen, ob sich nun alle Mitglieder auf einen Termin geeinigt haben. Und dann an dem Treffen teilnehmen oder auch nicht.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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